Taschner: "Unterricht steht und fällt mit dem Lehrer"

Interview4. Dezember 2013, 05:30
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Mathematiker Rudolf Taschner über das, was Pisa misst und was nicht, die Rechenkünste seiner Studentinnen, die Tücken der Statistik und den Erfolgsverdacht "Drill for Pisa"

STANDARD: Die österreichischen Schüler rechnen heute so gut wie vor zehn Jahren. Ist das gut? Nach dem boykottbedingten Absturz 2009 sind sie wieder auf dem Niveau von 2000, 2003, 2006 bzw. darunter. Alles paletti bei Pisa?

Taschner: Es sind ja nicht die gleichen Schüler wie jene vor zehn Jahren. Und die Aufgaben sind nicht die gleichen. Ich bezweifle, dass man die Niveaus der Rechenfertigkeiten so locker vergleichen kann. Allzu ernst nehmen sollte man Pisa nicht. Da ist es viel wichtiger, dass via Pisa der Stellenwert der Mathematik in Österreich gewonnen hat.

 STANDARD: Das auffälligste Ergebnis der österreichischen Mathematikergebnisse ist, dass der Abstand zwischen Buben und Mädchen stark angestiegen ist, er hat sich fast verdreifacht von acht auf 22 Punkte. Wie erklären Sie sich das?

 Taschner: Mag sein, dass es dafür Gründe gibt, die ich aber selbst nicht kenne. Mag aber auch sein, dass dies auf Tücken der Statistik beruht: Es kommt ja auch manchmal vor, dass beim Roulette zwölfmal hintereinander "Rouge" kommt, obwohl die Kugel keine Kommunistin ist.

STANDARD: Sie unterrichten seit vielen Jahren Mathematik, früher auch am Theresianum, bis heute an der TU Wien. Welche Gender-Unterschiede haben Sie gesehen?

Taschner: An der TU lehre ich derzeit Mathematik für künftige Elektro- und Informationstechniker, wobei die weiblichen Studenten - deren es in diesem Fach noch nicht sehr viele, aber viel mehr als vor zehn Jahren gibt - in Mathematik mindestens so gut wie ihre männlichen Kollegen sind.

STANDARD: Jeder zweite Bub in Österreich findet den Matheunterricht interessant, aber nur jedes dritte Mädchen tut das. Können Mädchen einfach nicht so gut rechnen wie Buben - oder wird es ihnen vergällt oder nicht gut beigebracht?

Taschner: Das wundert mich umso mehr, als es schon mehr Mathematiklehrerinnen als -lehrer gibt. Am Vergällen scheint es nicht in erster Linie zu liegen, obwohl: Ganz auszuschließen ist es nicht. Vielleicht sind die Interessen der Mädchen breiter gestreut als die der Buben. Schon das würde diese Schieflage bewirken.

STANDARD: "Österreich müsste sich Sorgen machen über dieses Auseinanderdriften" zwischen Mädchen und Buben, sagt die OECD. Teilen Sie diese Sorge?

Taschner: Tatsächlich brauchen wir viele junge Leute, die sich den Natur- und vor allem den Ingenieurwissenschaften widmen. Auch mehr Männer. Aber sicher viel mehr Frauen, bei denen das Interesse dafür geweckt und denen dieses Studium attraktiv gemacht werden muss.

STANDARD: Die unangefochtenen Siegerregionen liegen in Südostasien: Schanghai, Hongkong, Singapur, Taipeh, Korea, Macau, Japan. Da heißt es schnell: Drill for Pisa. Was sagen Sie zu der Dominanz?

Taschner: Natürlich wird es den Drill für Pisa geben, vor allem in den genannten Ländern. Bei unserer Aktion "Ausgerechnet Pisa - Österreich zeigt, was es kann" im math.space haben wir uns dazu mit Sicherheit nicht verleiten lassen. Dann wäre nämlich Pisa im Vordergrund gestanden und nicht die Mathematik. Mit einem mathematischen Blick den Gehalt einer Pisa-Aufgabe zu erfassen ist das Entscheidende. Wenn dabei ein Rechenfehler passiert, mag das schlecht fürs Pisa-Ranking sein, aber sonst ist es bedeutungslos. Die Dominanz der südostasiatischen Pisa-Sieger sollte erst dann Kopfzerbrechen bereiten, wenn damit eine Dominanz im kreativen Denken, in der Originalität und der Gedankentiefe einherginge - aber all dies kann Pisa ganz und gar nicht messen.

STANDARD: Was leistet die Pisa-Studie im Bereich Mathematik? Sie kennen die Beispiele. Die OECD betont ja immer, die Alltagsfähigkeit der Kompetenzen zu messen.

Taschner: Einige der mir bekannten Beispiele sind hervorragend, andere eher schlichter Natur und wieder andere, freundlich formuliert, eigenartig. Pisa misst, wie sich die Getesteten den Beispielen stellen. Mehr nicht. Also nur sehr bedingt mathematische Fertigkeiten und kaum mathematisches Wissen. Trotzdem: Auch die Pisa-Beispiele öffnen ein Tor zur Mathematik.

STANDARD: Ihr wichtigster Rat für guten Mathematikunterricht?

Taschner: Er steht und fällt mit der Persönlichkeit des Lehrers: eine Persönlichkeit, die bei jedem der ihr anvertrauten jungen Menschen die Begabung zum Fach möglichst gut zur Entfaltung zu bringen vermag - und die nicht nur viel von Mathematik weiß, sondern von der man auch überzeugt ist, dass sie von der Mathematik durchdrungen ist. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Allzu ernst nehmen sollte man Pisa nicht. Viel wichtiger ist, dass damit der Stellenwert von Mathematik gewonnen hat.
    foto: der standard/corn

    Allzu ernst nehmen sollte man Pisa nicht. Viel wichtiger ist, dass damit der Stellenwert von Mathematik gewonnen hat.

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