Letzte Vorbereitungen im krisengeschüttelten Griechenland

Blog4. Dezember 2013, 10:16
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Kurz vor Beginn der Segeltour nach Malta und Lampedusa herrscht stürmischer Ostwind - Heute sticht die "Europa" in See

Nach zwei Tagen Vorbereitungsarbeiten ist das Schiff fertig und Proviant gebunkert. In der letzten Nacht hat stürmischer Ostwind eingesetzt.

Wir treffen unsere Freundin Dora und reden mit ihr über unser Vorhaben. Griechenland, sagt sie, hätte auch jede Menge Flüchtlinge, vor allem im Nordosten, wo sich die grüne Grenze zur Türkei befinde. Eineinhalb Millionen seien es, so die Schätzungen, eine Situation, die das krisengeschüttelte Land gleichermaßen humanitär wie politisch völlig überfordere.

Während Messolonghi die unprätentiöse Gelassenheit einer griechischen Kleinstadt im Winter an den Tag legt, planen wir die erste Etappe nach Malta. Auffällig ist, wie sehr sich das  Bild von den Kleinstädten im Norden Europas unterscheidet. In den engen Nebenstrassen und an der Peripherie hat die Krise freilich tiefe Spuren hinterlassen.

Zeitmaschine

Alles, was man braucht, bekommt man hier aber auch nicht mehr. Improvisation ist Bestandteil des Alltags und eine Tugend. Erinnerungen an die eigene Jugend drängen sich auf. Der Gestank und das laute Knattern von Mopeds zum Beispiel, oder auch der Umstand, dass allein das Ansinnen hier vor einem Auto die Strasse überqueren zu wollen wirklich gefährlich ist. Der Rest der Welt scheint weit weg zu sein und es ist, als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Aber die Gegenwart ist auch hier angekommen.

Weit in den Norden

Mitte November, vor gerade mal zwei Wochen, ist vor der Küste der Urlaubsinsel Lefkas, keine 100 Kilometer von hier, ein Boot mit 27 hauptsächlich syrischen Flüchtlingen gekentert, zwölf Menschen ertranken, darunter auch Kinder. Diese Insel liegt etwas nördlicher als Messolonghi und gehört wirklich nicht zu der EU Außengrenze. Es ist unklar, woher das Boot kam und wie es so weit in den Norden gelangen konnte. Genauso ungeklärt ist, warum das Boot bei ruhigem Wetter so kurz vor dem Ziel kenterte.

Doppelte Moral

Dora erzählt uns, dass auch Griechen wegen des Verdachts der Schlepperei festgenommen worden seien. Viel schlimmer sei allerdings, dass sich die ausländerfeindliche Neonazi-Partei Golden Dawn trotz der Gerichtsverfahren, die gegen einige Mitglieder wegen des Mordes an Pavlos Fryssas angestrebt werden, offenbar ungebrochenen Stimmenzuwachses erfreue. 

Im Jänner dieses Jahres haben Mitglieder der Golden Dawn einen Somalier auf offener Strasse mit einem Schraubenzieher niedergestochen, weil er ihnen, wie sie aussagten, "im Weg stand". Im Dezmber 2012 las ich von einem Fall, bei dem ein Schwarzafrikaner niedergeschlagen und auf offener Strasse mit einem großen "X" gebrandmarkt wurde. Die Regierung versucht nach dem Mord an Pavlos Fryssas ein Verbot der Goldenen Morgenröte herbeizuführen. Ob sie damit das Problem löst?

Verdrängt

Vor fast zehn Jahren hat die "CAP ANAMUR II", die damals für die gleichnamige Notärzte-Organisation unterwegs war, 37 Flüchtlinge im Mittelmeer aufgenommen. Das unter deutscher Flagge fahrende Schiff sah sich in der Folge mit behördlichem und bürokratischem Irrwitz konfrontiert und nachdem sie drei Wochen lang vor den Küsten hin und her kreuzte, weil sie nirgends willkommen war, lief sie schließlich Porto Empedolce, den Hafen von Agrigent, an. Die Flüchtlinge kamen in ein Lager. Der Kapitän, Stefan Schulz, und sein erster Offizier, der damalige Chef der Hilfsorganisation Elias Bierdel, wurden wegen der Beihilfe zur illegalen Einreise festgenommen und angeklagt. Der Prozess dauerte fünf Jahre und endete mit Freisprüchen. 

Europa hat damals kopfschüttelnd weggeschaut und die ganze Sache als bürkoratische Laune, als einen absurden "italienischen" Sonderfall abgetan. Vier Jahre später, im vergangenen Oktober, entfachte sich angesichts der Katastrophen vor Malta und Lampedusa eine Diskussion darüber, wie es denn sein könne, dass Fischer, die schiffbrüchige Flüchtlinge aus dem Wasser retten, der Schlepperei angeklagt würden. Hilflosigkeit? Kalkül?

Wir wählen Porto Empedolce als Endpunkt unserer Reise, wollen wissen, ob die Menschen dort das Problem auch so zur Seite drängen, wie es in den letzten zehn Jahre trotz regelmässiger Medienberichte und der unermüdlichen Arbeit vieler NGOs in Mitteleuropa geschah? 

In den Morgenstunden des 4. Dezember wird der eiskalte Ostwind etwas nachlassen und wir werden aufbrechen, die Ionischen Inseln zwischen Zakynthos und Kefallonia hindurch Richtung Westen verlassen. Nächster Stop: Valetta, Malta - das am dichtesten besiedelte Land der EU. (Fabian Eder, derStandard.at, 4.12.2013)

  • Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen.
    foto: eder

    Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen.

  • Eineinhalb Millionen Flüchtlinge überfordern das Land gleichermaßen humanitär wie politisch, sagt die Griechin Dora.
    foto: eder

    Eineinhalb Millionen Flüchtlinge überfordern das Land gleichermaßen humanitär wie politisch, sagt die Griechin Dora.

  • Messolonghi ist eine Kleinstadt in Westgriechenland.
    foto: eder

    Messolonghi ist eine Kleinstadt in Westgriechenland.

  • Hier starten die vier Österreicher ihre Reise.
    foto: eder

    Hier starten die vier Österreicher ihre Reise.

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