Dalmatiens blutiges Jahrhundert

Rezension4. Dezember 2013, 05:31
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Die renommierte kroatische Literaturübersetzerin Alida Bremer hat mit "Olivas Garten" ihren ersten Roman vorgelegt

"Oliva erinnnert sich, wie die italienischen Soldaten mit Paradeschritten durch Vodice marschierten (...) Sie erinnert sich, dass dieser Ante Pavelić schwarz trug, wie die Italiener, die das Haus ihres Bruders in Brand gesetzt haben. Es riecht nach Brand. Und dann erinnert sie sich an die deutschen Soldaten, die die Frauen auf das Schiff trieben. Und sie erinnert sich an die Tschetniks, mit ihren langen Haaren und hämischen Gesichtern. Und dann erinnert sie sich an die Partisanen, wie sie nach der Befreiung tanzten, und die Handgranaten, die an ihren Ledergürteln hingen und gefährlich hüpften. Oliva will sich an all das nicht erinnern."

Kochen, liegen, erinnern

Oliva, das ist die Großmutter der Ich-Erzählerin Alida. Man muss sie sich wie eine wohlbeleibte, alte Frau vorstellen, die fast fünf Jahrzehnte weitgehend auf einer Ottomane liegend zubrachte. Oliva kocht und erinnert sich. Ihr Bewusstseinsstrom durchzieht den gesamten Roman und bildet – in olivfarbener Schrift gehalten – das Gerüst für die bewegte Geschichte einer kroatischen Familie vor dem Hintergrund historischer Umwälzungen.

Trügerisches Idyll

Oliva ist jedoch keine handelnde Romanfigur, dann in der Gegenwart der Ich-Erzählerin ist sie bereits tot. Ihre Darstellung als eine träge, alte Frau, die sich dem sinnlichen Genuss des Kochens und Essens hingibt, ist nur scheinbar ein häusliches Idyll. Unter der Oberfläche brodelt es, und Oliva muss oft ihre ganze Gedankenkraft mobilisieren, um verstörende Erinnerungen und Assoziationen zurückzudrängen, etwa wenn sie sich zwingen muss, beim Anblick eines Granatapfels nicht an einen aufgeschlitzten Fischbauch oder an Blut zu denken. Die Spuren des Krieges und der deutschen Lagerhaft sind unauslöschlich. In der Zubereitung köstlicher Speisen sucht Oliva Zuflucht vor ihrem Wissen um das Grauen, dessen sie sich kaum zu erwehren vermag; heutzutage würde man wohl von einer posttraumatischen Belastungsstörung mit intrusiven Gedanken sprechen.

Der Traum vom Olivenöl aus Eigenanbau

Die handelnde Protagonistin des Romans ist jedoch Olivas Enkelin Alida, die sich neben dem Vornamen auch einige biographische Details mit der Buchautorin Alida Bremer teilt: In Fiktion wie auch in der Realität lebt Alida in Münster, unterhält jedoch starke familiäre Kontakte nach Dalmatien. Die Romanfigur Alida erbt einen Olivenhain von ihrer Großmutter Oliva und bricht kurzfristig aus ihrem beschaulichen norddeutschen Leben aus, um die Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Ihr zuverlässiger deutscher Ehemann stärkt ihr dabei den Rücken, denn die Vorstellung, eigenes Olivenöl zu produzieren, beflügelt seine ansonsten eher unterkühlte Phantasie.

Sog der Familiengeschichten

Alida, eine moderne Europäerin, versucht durch die Beschäftigung mit ihrem Erbe, wieder Anschluss an ihre Wurzeln zu finden, befürchtet zugleich jedoch, in den Sog des komplexen Familiengeflechts zu geraten. Auch die Frage nach der Zugehörigkeit stellt sich, als Tante Viola fragt: "Hast du das Gefühl, dass du weder dorthin noch hierher gehörst?" In diesem Moment bedauert Alida, dass sie ihre Migrationserfahrungen nie mit ihrer Mutter teilen konnte: "Meine Mutter hat mich nie gefragt, ob ich durch das lange Leben in der Fremde in einen Zwischenraum geraten bin, in dem man sprachlos wird".

Ganz sprachlos ist weder Alida, die Autorin, die ihren ersten Roman in ihrer Bildungssprache Deutsch geschrieben hat, noch Alida, die Erbin des Olivenhains, die sich auch in den Mühlen der kroatischen Bürokratie schlagfertig zu behaupten weiß. Dennoch wird das Thema der Entwurzelung und Heimatlosigkeit nicht mit einem achselzuckenden "nema problema" abgetan, sondern immer wieder auf eine feinfühlige und unterhaltsame Weise ausgelotet.  

Leben in turbulenten Zeiten

Vor dem Hintergrund einer hohen Politisierung des Lebens in politisch instabilen Verhältnissen sind die Lebensgeschichten von Alidas Verwandten immer wieder durch Krieg, Vertreibung und Plünderungen geprägt. Die Möglichkeiten, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, sind rar gesät und meist von kurzer Dauer. Immer wieder sieht sich Alida mit der Frage konfrontiert, ob die Partisanen unumstrittene Helden waren, oder ob sie sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, das Leben ihrer Familienangehörigen unnötigen Risiken ausgesetzt zu haben? "Ist der Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit wichtiger als die Liebe zu einem kleinen Kind? Das kann man doch nicht gegeneinander stellen, würde jetzt meine Tante Bianka besonnen sagen." Der Roman liefert keine Antworten, sondern zeigt lediglich, wie unbarmherzig die Dynamiken der "großen Politik" über die Wünsche der sogenannten "kleinen Leute" hinwegfegen, aber auch, wie ebendiese kleinen Leute es auch immer wieder schaffen, diesen Stürmen zum Trotz an ihren Anliegen festzuhalten und für ihr Lebensglück zu kämpfen. (Mascha Dabić, 4.12.2013, daStandard.at)


Alider Bremer: Olivas Garten
Eichborn
Hardcover, 320 Seiten
Ersterscheinung: 16.08.2013
ISBN: 978-3-8479-0536-

Weiterlesen:

Interview mit Alida Bremer: Migraneten haben lange Wege 

  • Artikelbild
    foto: bastei lübbe
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