Gefahr für Indiens Frauen

3. Dezember 2013, 18:19
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Wissenschafterin Nikita Dhawa warnt: "Es ist gefährlich, zu sagen, Frauen müssen besonders geschützt werden - das kann zu einem Überwachungsstaat führen"

Salzburg/Neu-Delhi - Mitgiftmorde, Ehrenmorde, Kinderheirat und Vergewaltigung in der Ehe - geschlechtsspezifische Gewalt trifft Frauen aus allen Kasten, Klassen, Religionen in Indien gleichermaßen. Doch erstmals ging auch die Mittelschicht auf die Straße, um gegen sexuelle Gewalt zu demonstrieren.

Die indische Politikwissenschafterin Nikita Dhawan wirft bei einem Vortrag in Salzburg einen kritischen Blick auf die Proteste und ihre Auswirkungen auf die gesellschaftliche Ordnung in ihrem Heimatland. Sie warnt: "Es ist gefährlich, zu sagen, Frauen müssen besonders geschützt werden. Das kann zu einem Überwachungsstaat führen."

Natürlich seien die spontanen Proteste gut und hätten zu einer Politisierung junger Menschen in Indien geführt, aber einige gesellschaftliche Folgen der Proteste sieht die Politikwissenschaftlerin sehr kritisch: Die Forderungen der indischen Zivilgesellschaft an den Staat nach der Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen Medizinstudentin in einem Bus seien bedenklich, erklärt Dhawan.

"Sofortige Vergeltungsjustiz wie Todesstrafe und Kastration von Vergewaltigern erlangte aufdringliche Beliebtheit." Viele hätten sich für ein "technologiebasiertes Strafrecht" ausgesprochen, mit Überwachungskameras in öffentlichen Räumen, eine Datenbank von Sexualstraftätern, um Urteile in Fällen der sexuellen Gewalt zu beschleunigen. "Diese Maßnahmen bedeuten aber nicht automatisch mehr Sicherheit für die Bevölkerung."

Unter dem Deckmantel der Sicherheit werde "die Bewegungsfreiheit von Mädchen und Frauen kontrolliert", und ihre Freiheit als gleiche Bürgerinnen in der Gesellschaft eingeschränkt. Zudem werde ihr Leben durch die "fortwährenden Drohungen des sexuellen Angriffs, eingeschränkt", betont Dhawan. Diese Angst zu schüren gehe in die völlig falsche Richtung, sagt Dhawan, denn 85 Prozent der Vergewaltigungen in Indien passieren im Bekanntenkreis.

Auch die Frauen reagieren auf die "Vergewaltigungskultur" in Indien: Der Absatz von Pfefferspray sei seit dem öffentlichen Aufschrei eklatant gestiegen, erklärt Dhawan, und auch Selbstverteidigungskurse boomen. (Stefanie Ruep, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Nikita Dhawan warnt.
    foto: ruep

    Nikita Dhawan warnt.

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