Attersee und Nitsch im "Duetto per Napoli"

3. Dezember 2013, 21:07
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Die beiden ebenso bekannten wie stilistisch unterschiedlichen österreichischen Künstler in einer gemeinsamen Großausstellung in Neapel - auch als Antidepressionsprogramm für die geplagte süditalienische Metropole

Neapel - Der Millionen-Stadt geht es schlecht. Die Müllberge sind zwar weg, aber die Zentralregierung in Rom lässt Neapel finanziell in der Luft verhungern. Der Bürgermeister Luigi de Magistris ist nämlich ein Liberaler, der sich als Staatsanwalt unbeliebt machte. Ein Antidepressionsprogramm der Truppe rund um de Magistris: Man unterstützt (bescheiden) zeitgenössische Kunst, auch internationale.

So lächeln nun die beiden österreichischen Malerfürsten Hermann Nitsch und Christian Ludwig Attersee von einem Transparent über dem Tor zur gewaltigen Festung Castel dell'Ovo in der Bucht von Neapel: "Duetto per Napoli". In der massiven Zwingburg hängen auf zwei Stockwerken 90 Bilder - die erste Gemeinschaftsausstellung der beiden.

Zweierlei Farbrausch, zweierlei barocke Lebenswelten im Großformat. Nitsch mit seinen hieratischen Schütt- und Aktionsbildern (und mit Videos von seinen Aktionen), Attersee mit seinem ebenso bekannten erotischen Gestus.

Der italienische Kunsthistoriker Paolo Sanvito, der an der Universität Federico Secondo lehrt, ist denn auch am Eröffnungsabend leicht verunsichert: "Mir ist nicht ganz klar, was die bei- den verbindet, die Stile haben eigentlich nichts miteinander zu tun ..."

Muss ja auch nicht sein, klärt ihn der bekannte Wiener Sammler Rudi Schmutz auf: Die beiden seien eben seit Jahrzehnten miteinander befreundet, beide sind international anerkannt und tragen das nun eben auch nach Neapel hinaus. Attersee sagt, er habe mit Nitsch natürlich schon oft zusammengearbeitet, dies sei aber die erste Ausstellung, bei der man versuche, die Bilder "wirklich zusammenzubauen".

Die Anordnung im Castel dell'Ovo: ein Stockwerk Attersee mit zum Teil neuen, glühenden Farben, ein Stockwerk Nitsch mit Schüttbildern und Installationen, die letzten Räume gemeinsam im Kontrast.

Wobei Nitsch in Neapel schon heimischer ist. Der örtliche Sammler, Mäzen und Galerist Giuseppe Morra hat ihm 2008 ein überaus eindrucksvolles Museum errichtet. In einem ehemaligen Transformatorenhaus hoch oben im Avvocata-Viertel des historischen Zentrums, mit einem Traumblick von der Terrasse, großzügige Räume voll mit Nitsch, am beeindruckendsten vielleicht ein langer Gewölbegang mit schwarzen Schüttbildern links und rechts. So könnte der Eingang zum Hades ausgesehen haben.

(Conte) Morra hat Nitsch in einer Stadt durchgesetzt, die vor Kunst aus der Antike, der Renaissance und des Barock geradezu platzt. Er liebt den Maler seit den Zeiten in den Siebzigerjahren, als der in Italien noch den Landesverweis erhielt. Auch heute, Jahrzehnte und weltweite Anerkennung später, wittert die Zeitung Österreich in einem dünnen Zusammenhang mit Nitsch noch einen "Skandal um Austro-Kunst". Die junge österreichische Künstlergruppe Team (:)niel hat im Vorort Casoria im Museum CAM eine Ausstellung namens "gabinetto segreto II" eingerichtet, die erotische Fresken aus Pompeji mit Fotos zusammenkopiert, darunter auch Nitsch als bocksfüßiger Gott Pan - mit seiner Zustimmung.

Doch Neapel hat, wie gesagt, andere Sorgen. Man ist froh über den Qualitätstourismus, den die Attersee-Nitsch-Ausstellung bringt (etwa 100 schon etwas ältere Sammler-Groupies der beiden genießen für drei Tage die Stadt). Ein Skandal in Neapel und Umgebung ist eher die Arbeitslosigkeit, der Geldmangel ("Uns geht es wie Griechenland"). Illustrativ: In Pompeji sind einige Hauptattraktionen geschlossen und den Attersee/Nitsch-Freunden aus Wien begegnen am Gelände Rudel wilder Hunde. Rassehunde, offenbar ausgesetzt, weil der Unterhalt zu teuer wurde. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Maler und Mäzen: der neapolitanische Sammler Guiseppe Morra (l.) hat Hermann Nitsch ein eigenes Museum eingerichtet.
    foto: rauscher

    Maler und Mäzen: der neapolitanische Sammler Guiseppe Morra (l.) hat Hermann Nitsch ein eigenes Museum eingerichtet.

  • Attersee: Mit Nitsch gemeinsam 90 Bilder auf zwei Stockwerken in Neapels Zwingburg Castel dell'Ovo.
    foto: rauscher

    Attersee: Mit Nitsch gemeinsam 90 Bilder auf zwei Stockwerken in Neapels Zwingburg Castel dell'Ovo.

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