Medienforscherin Gonser: "Das TV-Publikum wird zu wenig miteinbezogen"

Gespräch3. Dezember 2013, 20:12
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Medienforscherin Nicole Gonser erklärte Alois Pumhösel, wie man den Beitrag öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten zum gesellschaftlichen Gemeinwohl messen kann

STANDARD: In Österreich schimpft man gerne über die Gebühren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ist das Modell noch zeitgemäß?

Gonser: Andere Länder ändern das gerade. Begründet sind die Gebühren schon, es sind keine Steuern. Was die Gerechtigkeit betrifft, wären Steuern vielleicht sogar besser, weil sie anteilig vom Gehalt abgezogen werden können.

STANDARD: Was kann man gegen die Ablehnung der Gebühren tun?

Gonser: Man sollte dafür werben, was man als Gegenwert bekommt und dabei stärker argumentieren, damit die Leute das Programm wieder wertschätzen.

STANDARD: Das, was man dafür bekommt, nennt die Forschung Public Value. Was ist das aus Ihrer Sicht?

Gonser: Public Value ist ein von Medien generierter Mehrwert, der dazu beiträgt, dass unsere Gesellschaft besser funktionieren kann. Der Begriff ist ein bisschen sperrig. In Deutschland wird stärker über die Qualität argumentiert, da ist "öffentlich-rechtlich" eine stärkere Marke. Theoretisch kann jedes Medium zu Public Value beitragen. Im öffentlich-rechtlichen Bereich ist mit der Frage, ob die Gebühren im Sinne von Public Value angewandt werden, größerer Druck dahinter. Das muss auch jemand prüfen.

STANDARD: Wie misst man Public Value?

Gonser: Das ist schwierig, weil im Begriff viel drinsteckt. Zudem verändert sich, was die Gesellschaft als Mehrwert betrachtet. Man muss sich ansehen, wie Public Value im Unternehmen an sich zu fassen ist, etwa bei der Diversität der Mitarbeiter - oder dass Geschäftsberichte und Bilanzen zugänglich sind. Das würde auch dazu beitragen. Dann gibt es das, was beim Publikum ankommt. Es ist schwierig zu messen, wie viel Unterhaltung zu gutem Public Value führt, was gute, was schlechte Information ist. Das TV-Publikum wird in die Qualitätsdebatte zu wenig miteinbezogen. Ein bestimmter Teil der Bevölkerung beschließt die Vorgaben, dass es etwa immer Hochkultur sein muss, dass es eine mindestens dreiviertelstündige Nachrichtensendung sein muss.

STANDARD: Die Quote könnte Hinweise bieten, ob es gefällt.

Gonser: Die Quote reicht als Messinstrument nicht aus. Man muss die Menschen fragen, was sie als wertvoll empfinden, um gesellschaftliche Legitimation zu erreichen. Man muss sie aber auch befähigen, medienkritisch zu sein.

STANDARD: Wie kann man das Publikum besser miteinbeziehen?

Gonser: Ich habe mich zuerst gefreut, als ich hierhergezogen bin, dass es einen Publikumsrat gibt - bis ich entdeckt habe, dass es doch nicht so ein Publikumsrat ist, der wünschenswert wäre. In anderen Ländern ist die Beteiligung stärker ausgeprägt. In den Niederlanden sind Teile des Rundfunkwesens über Vereine organisiert, die viele Mitglieder haben. Auch in Großbritannien wird die Beteiligung durch Gremien und Befragungen stärker praktiziert. In Österreich sehe ich Luft nach oben, wobei ich die Befürchtung habe, dass man sich hier gar nicht so stark engagieren will.

STANDARD: Soll Medienkompetenz in der Schule gelehrt werden?

Gonser: Ja. Medienkunde fände ich gut. Das Thema müsste in allen Schulstufen, schon ab der Volkschule aufgegriffen werden.

STANDARD: Wie verändert sich Public Value?

Gonser: Früher war etwa die Trennung zwischen Information und Unterhaltung stärker. Heute besteht ein Konsens, dass Bildung auch mit Unterhaltung funktionieren kann.

STANDARD: Die Medien verändern sich durch die Technik. Wie sehen Sie das Verhältnis der Öffentlich-Rechtlichen zur Digitalisierung?

Gonser: In Österreich wird das Engagement der Öffentlich-Rechtlichen im Bereich digitaler Aktivitäten teilweise gesetzlich beschnitten. In Deutschland ist das ähnlich. Man darf sie aber nicht auf TV und Radio beschränken. Sie müssen sich im digitalen Bereich engagieren dürfen. Ihr Auftrag besteht darin, möglichst viele Menschen zu erreichen. Sie können sich nicht plötzlich in einer Nische wiederfinden, die kaum mehr nachgefragt wird.

STANDARD: Verlieren die Öffentlich-Rechtlichen an Bedeutung?

Gonser: Die Marktanteile sinken, wenn das Angebot größer wird. Interessanterweise haben öffentlich-rechtliche Medien in einigen Bereichen noch immer ein gutes Image. In Krisensituationen würde eher auf sie zurückgegriffen werden als auf andere Angebote. Die Wertschätzung ist latent offenbar doch verhanden. Die schwierigeren Rahmenbedingungen befreit die Öffentlich-Rechtlichen nicht davor, es trotzdem zu versuchen. Angebote zu schaffen, die auf Bedürfnisse spezieller Zielgruppen, etwa Migranten, eingehen ist weiterhin eine starke Anforderung.

STANDARD: Sind öffentlich-rechtliche Medien Garanten für Qualität?

Gonser: Qualitätsvoller Journalismus kann nur funktionieren, wenn man sich Unabhängigkeit sichert, also auch über anständige Finanzierung verfügt. Noch haben die Öffentlich-Rechtlichen bessere Ausgangsbedingungen als privatwirtschaftlich organisierte Printmedien. Bei der Presse wirkt sich der Druck zum Teil auf die Trennung von Redaktion und Anzeigen aus.

STANDARD: Im öffentlich-rechtlichen Bereich droht dafür die Einflussnahme durch die Politik.

Gonser: In Deutschland ist das ähnlich wie in Österreich. Die Lage ist dort insofern günstiger, als es von vornherein eine Aufteilung gibt. Die ARD ist eher rot, das ZDF hat eher die CDU im Hintergrund. Die haben aber beide auch die Politik in ihren Gremien sitzen. Selbst die Landesmedienanstalten, die den privaten Rundfunk beaufsichtigen, haben in ihren Räten politische Vertreter sitzen und eben nicht die Vertreter des Publikums.

STANDARD: Was leistet die Wissenschaft für den Journalismus?

Gonser: Sie kann die Leistungen des Journalismus immer wieder überprüfen. Sind sie adäquat und so, wie wir uns das wünschen? Das System kann sich nicht selbst überprüfen. Es muss eine neutrale Instanz geben. Sie kann die Beteiligten schlauer machen. Die Wirkungsforschung kann zeigen, was das Publikum der Medien antreibt und bei den Journalisten Verständnis für ihre Klientel schaffen. Wissenschaft kann sich sensible Bereiche ansehen, in denen Qualität eine besondere Rolle spielt, etwa Politik oder Gesundheit, oder sensible Zielgruppen. Meine Forschungen haben etwa gezeigt, dass ältere Menschen eine viel heterogenere Zielgruppe sind als gedacht.

STANDARD: Welche Konsequenz hat das für die Medien?

Gonser: Geschlecht oder Bildungsgrad genügen als Kategorien nicht mehr. Lebensstile, Typen von älteren Menschen müsste man unterschiedlich bedienen. Gesundheitsthemen müsste man diverser aufbereiten.
(pum, DER STANDARD, 4.12.2013)


Nicole Gonser, geboren 1971 in Braunschweig, leitet seit 2009 das Forschungsteam des Instituts für Journalismus & Medienmanagement an der Fachhochschule Wien der WKW. Sie promovierte über das Thema der Mediennutzung älterer Menschen. Gonser war von 2003 bis 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, davor Referentin der Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz (LMK).

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Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Europas müssen sich um die Wertschätzung ihres Publikums bemühen und mit ihren Public Value, dem Beitrag zum gesellschaftlichen Gemeinwohl, das Einheben von Gebühren rechtfertigen. Medienforscherin Nicole Gonser untersucht mit ihrem Team der FH Wien der WKW im Rahmen eines dreijährigen Projekts die öffentlich-rechtlichen Medienstrukturen. Gemeinsam mit europäischen Hochschulpartnern wird eine Forschungsdatenbank mit relevanten Informationen zum Public Value der Angebote aufgebaut. Die Datenbank soll eine Basis für länderübergreifende Vergleiche schaffen. Bereits von 2008 bis 2012 wurde an der FH zum öffentlichen Mehrwert geforscht.

  • Medienforscherin Nicole Gonser will den gesellschaftlichen Mehrwert öffentlich-rechtlicher Medien vergleichbar machen.
    foto: heribert corn

    Medienforscherin Nicole Gonser will den gesellschaftlichen Mehrwert öffentlich-rechtlicher Medien vergleichbar machen.

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