Grabenkämpfe

4. Dezember 2013, 07:00
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Nils Pickert räumt diesesmal mit dem Ammenmärchen auf, dass Gleichstellung harmlos sei und niemandem wehtue

2013 war ein Jahr, in dem die BefürworterInnen und GegnerInnen der Gleichstellung besonders heftig miteinander gestritten haben. In der Sexismusdebatte wie auch in der anhaltenden Auseinandersetzung um die Gleichberechtigung von Homosexuellen in Sachen Ehe konnte man einerseits zwar den Eindruck gewinnen, es ginge durchaus auch um einen Generationenkonflikt, tatsächlich aber stehen und standen sich konservative und progressive Kräfte jeden Alters gegenüber.

Denn konservativ zu sein, bedeutet ja zunächst einmal nichts anderes, als dass man der Auffassung ist, jede Neuerung müsste erst einmal beweisen, dass sie besser ist als das Altbekannte, wohingegen progressive Menschen sich weigern, eine Sache nur deshalb für gut zu befinden, weil sie eine lange Tradition hat. Sicher gibt es eine Tendenz in Richtung wertbewahrendem Alter und wertrebellischer Jugend. Aber allzu leicht übersehe auch ich als Gleichstellungsbefürworter, dass die Menschen, die in dieser Sache eine andere Meinung als ich vertreten, nicht zwangsläufig einem gestrigen, hinterwäldlerischen Denken angehören müssen.

Die Ergebnisse der jüngsten "Vorwerk Familienstudie 2013" lassen darauf schließen, dass der Wille, die Mühen und Konsequenzen von Gleichberechtigungsbestrebungen auf sich zu nehmen, allmählich erlahmt und die Anbindung an traditionelle Werte in vielen Fällen noch viel ausgeprägter ist, als es GleichstellungsbefürworterInnen lieb sein kann.

Missionierungseifer auf beiden Seiten

Das kann und soll meine Überzeugungen nicht anfechten. Aber es gibt mir doch bezüglich meines eigenen Missionierungseifers zu denken, den ich für gewöhnlich an den Tag lege, um die Vorzüge der Gleichstellung zu betonen. Allzu häufig geben ich und andere vor, dass Gleichstellungbemühungen keine großen Umstände machen würden und niemandem weh täten. So als müssten lediglich ein paar gesellschaftliche Stellschrauben nachjustiert werden, um ein Miteinander zu erreichen, dass im Grunde ohnehin von jedem angestrebt würde.

Was auf persönlicher Ebene im Konzept von "Leben und leben lassen" noch aufgehen mag, ist und bleibt jedoch  für viele im gesellschaftlichen Rahmen eine Zumutung. Denn der Aufbruch in eine Gesellschaft, die Menschen auf der Basis ihres Menschseins wegen ihrer Verschiedenheit qua Gleichstellung gleich berechtigen will, markiert eine Zeitenwende. Privilegien werden fallen oder okkupiert und umverteilt werden. Soziale Normen werden entwertet, umdefiniert, ergänzt oder ersetzt. Und gerade weil diese Auseinandersetzung unumgänglich und hart umkämpft ist, sollte man nicht der Versuchung erliegen, den VertreterInnen konservativer Kräfte glauben machen zu wollen, die Einschnitte und Veränderungen seien kaum der Rede wert, um sie so zu einem halbherzigen Mitziehen zu überrumpeln. Damit erleichtert man ihnen nämlich die Möglichkeit, statt auf sachliche Argumente zurückgreifen zu müssen, sich einfach darüber aufzuregen, dass man sie mit gespielter Harmlosigkeit anscheinend für dumm verkaufen möchte.

Zum Konfliktpotential stehen

Gleichstellung kann nicht erschlichen sondern nur erstritten werden. In diesem Sinne ist es ein guter Vorsatz für das neue Jahr, ganz unweihnachtlich zu dem Konfliktpotential zu stehen, das die Gleichstellung birgt, und die damit verbundenen Auseinandersetzungen zu führen, ohne dem Gegenüber weismachen zu wollen, dass man sich ja eigentlich gar nicht zu streiten braucht.  Auf gute Streitgespräche 2014! (Nils Pickert, 4.12.2013)

  • Geht nicht ohne Konflikt: die Gegenseite von den eigenen Argumenten überzeugen.
    foto: istockphoto.com/simon bradfield

    Geht nicht ohne Konflikt: die Gegenseite von den eigenen Argumenten überzeugen.

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