Wölfe lernen auch von Menschen

3. Dezember 2013, 22:00
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Hunde können sich sowohl von Artgenossen wie vom Menschen Dinge abschauen: Entstand diese Fähigkeit erst durch die Domestikation? Wolfsforscherinnen fanden die Antwort

Alle heute lebenden Hunde stammen von Wölfen ab, die vor rund 20.000 Jahren in Europa domestiziert worden sind. Das haben kürzlich finnische Forscher herausgefunden, nachdem sie die DNA von heute lebenden Hunden mit der Erbsubstanz aus alten Hunde- und Wolfsknochen verglichen hatten.

Die Genetiker um Olaf Thalmann spekulieren in ihrem Text auch darüber, wie die Hundewerdung begonnen haben könnte. Sie gehen davon aus, dass die Wölfe den Menschen, die damals noch nomadische Jäger und Sammler waren, auf der Suche nach Aas und Nahrungsresten folgten. Die ständigen Kontakte hätten dann nach und nach zur Domestikation geführt.

Rund 20.000 Jahre später ist das Haustier Hund des Menschen liebster Begleiter - nicht zuletzt dank der sozialen Fähigkeiten und der Auffassungsgabe der Vierbeiner: Diese können sowohl von ihren Artgenossen als auch vom Menschen lernen. Doch wann sind diese Talente entstanden? Wurde das Lernen vom Menschen erst mit der Domestikation eingeführt, oder war es umgekehrt eine Voraussetzung dafür, dass sich Wölfe vom Menschen domestizieren ließen?

Friederike Range und ihre Kollegin Zsófia Virányi vom Messerli-Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben diese Fragen nun experimentell beantwortet. Die Verhaltensbiologinnen untersuchten dazu elf Wölfe und 14 Hunde, die im Wolf Science Center in Niederösterreich aufgezogen und in Rudeln gehalten wurden.

Für die Lernexperimente beobachteten Wölfe und Hunde, wie ein Mensch oder speziell trainierte Haushunde Nahrung vor den Augen der Tiere versteckten. Beide, Wölfe wie Hunde, fanden verstecktes Fressen häufiger, nachdem sie einen Demonstrator, Hund oder Mensch, beim Verstecken beobachteten als während der Kontrolle, wo sie keine Demonstration sahen. Die Forscherinnen folgern daraus, dass die Tiere nicht nur ihrem Geruchssinn vertrauen, sondern auch beobachten und diese Information nutzen.

Das war aber noch nicht alles: Range und Virányi wollten auch wissen, wie gut die Tiere beobachten. Für dieses Experiment gaben die Demonstratoren - egal ob Hund oder Mensch - nur vor, Fressen zu verstecken. Nun zeigten sich Unterschiede zwischen Hund und Wolf: Hunde unterschieden zwischen der Demonstration und der Kontrollsituation und suchten nur, wenn wirklich Futter versteckt wurde.

Wölfe dagegen unterschieden nur beim Menschen zwischen den beiden Situationen. War der Demonstrator ein Hund, schauten die Wölfe generell weniger zu als die Hunde und machten keinen Unterschied zwischen den beiden Situationen. Die Interpretation der Forscherinnen: Wölfe beobachten besonders genau, wenn es um Artverwandte geht. Und da die hündischen Demonstratoren das Futter selbst nicht mochten, interessierten sich auch die Wölfe weniger dafür, das Fressen zu finden.

Wie Range und Virányi im Fachblatt "Frontiers in Psychology" resümieren, haben Hunde und Wölfe sehr viel gemeinsam, wenn es um ihre kognitiven Fähigkeiten geht. In den Worten von Friederike Range: "Die Fähigkeit, von sozialen Partnern zu lernen, beschränkt sich nicht auf den Hund, sondern war bereits bei den Vorfahren, den Wölfen, vorhanden." Damit ist auch klar, dass sich der Mensch diese Fähigkeiten der Wölfe zunutze machte - und nicht erst dem Hund beibrachte. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Stimmt das Bild vom "einsamen Wolf"? Neue Experimente belegen das Gegenteil: Sie zeigen, dass die Tiere genaue Beobachter von Menschen und Artgenossen sind und von ihnen lernen.
    foto: m. cremer

    Stimmt das Bild vom "einsamen Wolf"? Neue Experimente belegen das Gegenteil: Sie zeigen, dass die Tiere genaue Beobachter von Menschen und Artgenossen sind und von ihnen lernen.

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