Die Straßenhändler sind Bangkoks stumme Opfer

Reportage3. Dezember 2013, 17:54
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Kapitalflucht und Vertrauensverlust: Zwar hat sich die Lage in Thailand am Dienstag entspannt, doch die Wirtschaft hat bereits mit den Folgen der Proteste zu kämpfen. Europäische Unternehmen in Bangkok sehen in den Entwicklungen aber nicht nur Negatives.

Pal schließt ihren Stand heute früher. "80 Prozent weniger Kunden als sonst" habe sie seit ein paar Tagen, meint die 34-jährige Verkäuferin von T-Shirts und Souvenirs in der Sukhumvit-Straße in Bangkok am Dienstag. Sie ist eine von wenigen Straßenhändlern, die sich überhaupt noch bemüht haben, entlang der Touristenmeile ihre Waren auszulegen. "Viele von uns bleiben zu Hause, denn unsere Kunden tun dasselbe."

Kleingewerbetreibende wie Pal sind die stummen Opfer der jüngsten Unruhen in der Hauptstadt Thailands. Die gesamte Wirtschaft leidet. Am Wochenende zweifelte das Finanzministerium, ob das prognostizierte Wachstum des BIP von 3,7 Prozent heuer überhaupt noch erreicht werden kann. Und auch ein nationaler Thinktank stufte seine Voraussagen zurück. Als Hauptgrund für die Abwertung wurde zwar die konjunkturelle Schwäche in vielen Märkten genannt - entscheidend für die exportorientierte Nation. Die Unsicherheit über die Zukunft Thailands sei aber auch wesentlich.

Auch nach Tagen des Protests gibt es keine Aussicht auf eine langfristige Lösung, auch nicht durch Neuwahlen. Die Regierungspartei Pheu Thai hält eine überwältigende Mehrheit. Kaum jemand glaubt, dass sich das mit einem Urnengang ändern würde.

Für die Protestierenden besteht kein Zweifel, dass die Partei und Regierungschefin Yingluck Shinawatra nichts anderes sind als Instrumente ihres Bruder, Thaksin. "Thailand wird von einem verurteilten Straftäter regiert", meint ein junger Student vor dem Polizeihauptquartier.

Nur ein paar Meter daneben steht das Einkaufszentrum CentralWorld - einer von vielen Konsumpalästen in Bangkok, die ihre Tore am Sonntag präventiv geschlossen hatten. Die Betreiber fürchteten eine Wiederholung der Brandschatzungen von 2010, als Proteste die Hauptstadt lahmlegten. 120.000 Menschen kaufen an einem durchschnittlichen Tag im CentralWorld ein, ein bedeutender Teil von ihnen Touristen. Doch diese bleiben seit Tagen weg. Laut dem Sprecher einer lokalen Tourismusorganisation sind Reisende aus Japan und China "komplett verschwunden", während Touristen aus Europa die Situation vorsichtig beobachteten und dann entscheiden würden, ob sie in die Hauptstadt kommen wollen.

Vielen dürfte die Entscheidung zur Stornierung ihrer Urlaubsbuchung leichtgefallen sein, als sie - zumindest bis zum Dienstag - die dramatischen Bilder sahen.

Doch längst nicht alle Thailand-Kenner sehen darin nur Negatives. "Was wir hier sehen, ist nicht eine Schwächung der Demokratie, sondern ein Zeichen der Stärke", meint etwa Rolf-Dieter Daniel, Präsident des European ASEAN Business Centre in Thailand. Die Demonstranten hätten "durchaus Gründe für ihre Unzufriedenheit". Die Transparenz im politischen Prozess sei nicht mehr gegeben. Daniel weist auf die Korruption hin, die sich unter der Regierung Shinawatra ausgebreitet habe.

Die Krise habe für die meisten europäischen Unternehmen vorerst keine wesentlichen negativen Konsequenzen, so Daniel, Thailand-Chef des Schreibgeräteherstellers Staedtler. Während der Tourismus hart getroffen sei, funktioniere die für europäische Unternehmen wichtige herstellende Wirtschaft nach wie vor gut.

Doch diese Situation könnte sich von heute auf morgen ändern. Als am Sonntag ein offenbar bewusst provozierter Stromausfall einen Telekommunikationsverteiler lahmlegte, fiel die Internet-Versorgung von 92.000 Kunden 18 Stunden lang aus.

Solche Unsicherheiten sind Gift für das Anlegervertrauen, wie auch die thailändische Börse zu Wochenbeginn zeigte. Eine Flucht von ausländischem Kapital führte zu einer Schwächung des thailändischen Baht. Solche Reaktionen könnten zunehmen, sollte sich in den kommenden Tagen die Lage wieder verschärfen.

Geburtstag des Königs

Eine wenigstens kurzzeitige Beruhigung der Situation erhoffen sich Beobachter vom Geburtstag von König Bhumibol morgen, Donnerstag. Der greise Monarch wird von allen verehrt. Daniel bleibt auch optimistisch, was die langfristige Attraktivität Thailands angeht. Gemessen an der geografischen Lage, der Infrastruktur, der Verfügbarkeit ausgebildeter Arbeitskräfte und dem Wirtschaftswachstum "kommt an Thailand niemand vorbei, der hier im Geschäft sein will". (Urs Wälterlin aus Bangkok, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Demonstrationen in Thailand - die Touristen bleiben aus.
    foto: epa/rungroj yongrit

    Demonstrationen in Thailand - die Touristen bleiben aus.

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