Leichtes Licht für die innere Uhr

3. Dezember 2013, 20:12
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Im Rahmen der europaweiten Initiative Ambient-assisted Living wird in der Testregion Vorarlberg erforscht, wie man mit Lichtsystemen das Wohlbefinden von Senioren steigern kann

Christina Pferscher ist 85 und lebt in der Zukunft. Sie testet im Rahmen der europaweiten Initiative Ambient-assisted Living (AAL) das computerunterstützte Wohnen. Ein zeit- und bewegungsgesteuertes Lichtleitsystem, Erfassung ihrer Gesundheitsdaten und Monitoring gehören zum Lebensalltag der aufgeschlossenen Frau. Die Seniorin nimmt an einer Studie der Fachhochschule Vorarlberg teil, mit der man herausfinden will, wie Lichtleitsysteme alterungsbedingte Einbußen der Mobilität und Sturzgefahr reduzieren können. Lokaler Partner ist die Gemeinde Götzis mit ihrer Sozialdienste-GmbH.

Frau Pferschers Zweizimmerwohnung ist eine von neun Seniorenwohnungen im neuen Ortszentrum der Vorarlberger Rheintalgemeinde. Wo früher eine Textilfabrik stand, wurde das Wohn- und Geschäftsquartier Am Garnmarkt entwickelt. Mitten in der neuen Arbeits- und Wohnwelt leben alte Menschen auf zwei Stockwerken in betreuten Wohnungen und in einer Wohngemeinschaft.

Frau Pferscher zog aus einem großen Haus, das sie nach dem Tod ihres Mannes allein bewohnte, in eines der Appartements um. "Keinen Tag hab ich diesen Schritt bereut", sagt die alte Frau. Die Testwohnung habe sie sich ganz bewusst ausgesucht, wegen der Sicherheit durch das Monitoring.

"Eigentlich hab ich ja immer gesagt, dass ich mit dem Computer nichts anfangen kann", blickt Frau Pferscher lächelnd auf ihr iPad. "Aber jetzt setz ich mich am Morgen als Allererstes zu den Messgeräten." Pferscher muss regelmäßig ihre Vitaldaten messen: Blutdruck, Blutzuckerwerte, Gewicht. Die Geräte sind drahtlos mit dem Gebäudebussystem vernetzt. Die Bewegungsgewohnheiten der Seniorin werden von Infrarotsensoren erfasst, die Sensoren sind Teil des Lichtassistenzsystems. Je nach Nutzungszweck und -gewohnheit werden die Raumteile blendfrei und in unterschiedlichen Farbmischungen ausgeleuchtet.

"Fünf Bewegungsmelder haben sie in der Wohnung angebracht", deutet Frau Pferscher an die Zimmerdecke. Einen Sensor trägt sie am Körper. "Meinen Schrittzähler", erklärt sie, "am Abend sagt er mir meistens, dass ich zu wenig Bewegung gemacht hab. Dann dreh ich halt noch eine kleine Runde." Die anonymisierten Daten werden vom Forschungszentrum Nutzerzentrierte Technologien an der Fachhochschule analysiert und interpretiert.

Sensorgesteuerte Dioden

Für das Projekt wurde mit den Lichtspezialisten Bartenbach-Lichtlabor in Tirol und Tridonic Dornbirn das System Guiding Light entwickelt: sensorgesteuerte Leuchtkörper aus Leuchtdioden zur Unterstützung des Wohnalltags und der körpereigenen zirkadianen Rhythmik, der sogenannten "inneren Uhr".

Guido Kempter, der Leiter des Forschungszentrums: "Wir wissen, dass mit zunehmendem Alter die Ansprüche an die Beleuchtung steigen. Die Sehleistung sinkt, die Blendeempfindlichkeit wird stärker, damit steigt auch die Sturzgefahr." Ist die zirkadiane Rhythmik gestört, kommt es zu Orientierungsproblemen, Verwirrtheit.

Damit die innere Uhr richtig läuft, "man am Tag nicht müde ist und in der Nacht gut schlafen kann" (Kempter), werden verschiedenfarbige Leuchtdioden gemixt. Blaues Licht, dem Tageslicht ähnlich, aktiviert, rötliches Licht dämpft. Christina Pferscher beschreibt die Stimmung in ihrer Wohnung: "Das Licht ist ganz anders, viel angenehmer, beruhigend, irgendwie ist es leichter."

Assistenzsysteme sollen die alten Menschen in ihren Alltagshandlungen möglichst unmerklich unterstützen, sagt Martin Herburger, Leiter des Sozialdienstes Götzis. Ersatz für menschliche Zuwendung sind sie nicht und sollten sie nie sein, "aber sie können zu ganz wichtigen Ergänzungen der Betreuung werden." Herburger glaubt an die Zukunft von Assistenzsystemen. "Über das Monitoring können Sozialdienste oder Angehörige - je nachdem, wo die Daten hinkommen - frühzeitig auf körperliche oder psychische Veränderungen aufmerksam werden." Frühe Interventionen könnten helfen, die Selbstständigkeit des alten Menschen zu erhalten. Welche Daten an wen gehen, entscheide jede Bewohnerin, jeder Bewohner selbst, versichert Herburger.

Testen im Westen

Ziel der Studie ist die Entwicklung eines modularen Assistenzsystems, das nach Bedarf auch in privaten Wohnungen eingesetzt werden kann.

2014 wird das Vorarlberger Pilotprojekt auf bis zu 80 Wohnungen in Tirol und Vorarlberg ausgeweitet. In der Ambient-assisted-Living-Testregion Westösterreich sollen städtisches und ländliches Umfeld, privates und betreutes Wohnen verglichen werden.

Das Projekt wird von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG finanziell unterstützt. (Jutta Berger, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Intensität und Farbe des Lichts beeinflussen den Rhythmus des Menschen. In Seniorenwohnungen wird diese innere Uhr über LEDs gesteuert.
    foto: fraunhofer-iaf

    Intensität und Farbe des Lichts beeinflussen den Rhythmus des Menschen. In Seniorenwohnungen wird diese innere Uhr über LEDs gesteuert.

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