Der Mensch hinter der Suchmaschine

3. Dezember 2013, 20:08
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Doris Allhutter erforscht, wie soziale Vorstellungen in Informationssysteme einfließen

Wie viele Frauen kennen Sie, die sich wie die Lara Croft benehmen? Frauenfiguren aus Computerspielen sind ein plakatives Beispiel dafür, wie Vorstellungen von Geschlechterdifferenzen in der Technik wirksam werden.

Ähnliches gilt jedoch auch für Suchmaschinen: Denn die Suchanfragen an Google und Co werden auf Basis eines zuvor programmierten Algorithmus bearbeitet. Es steckt also ein Mensch dahinter. Das wiederum beeinflusst die Ergebnisse. Denn gewöhnlich werden große, oftmals kommerzielle Seiten höher gerankt, ebenso suchmaschinenoptimierte Seiten.

Diese Technikentwicklung als gesellschaftspolitisch relevanten Bereich bewusstzumachen ist Aufgabe von Doris Allhutter. Seit 2008 arbeitet sie am Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über die Wechselwirkungen von IT und Gesellschaft mit Bezug auf gesellschaftliche Differenzsysteme (Geschlecht, Behinderung, Herkunft usw.). In ihrem Projekt "Materiell-diskursive Performativität im Softwaredesign: ein gesellschaftspolitischer Ansatz" im Rahmen des Elise-Richter-Programms des Wissenschaftsfonds (FWF) beschäftigt sie sich speziell mit Infrastrukturen, die Wissensgebiete strukturieren, diese in Beziehung setzen, Aspekte betonen oder ausblenden. Viele Praktiker wissen, dass Informationssysteme in einem Aushandlungsprozess entstehen, in dem professionelles Selbstverständnis, disziplinäre Leitmotive, Ideologien und Vorannahmen über den Nutzungskontext und die Zielgruppe aufeinanderprallen. Technische Entscheidungen sind letztendlich nicht neutral, sondern normativ.

Weil Software von und für Menschen gemacht wird, ist "das Soziale" nicht auszublenden. Implizite Annahmen bleiben aber unsichtbar und entfalten so eine Eigendynamik. Die 38-jährige Technikforscherin begleitet Softwareentwicklung mit dem Ansatz des praxisbasierten Lernens: "Wir zeigen nicht mit dem Finger auf Fehler, sondern machen wechselseitig vorhandenes Wissen fruchtbar, öffnen Räume, die eine technikzentrierte Sichtweise hin zur gesellschaftlichen Reflexion erweitern", sagt Allhutter. Die Reflexion über die Bedeutung der eigenen Arbeit ist kein Schalter, der umgelegt wird. Die gebürtige Linzerin will mit ihrem Handwerkszeug Teams bei der Integration gesellschaftspolitischer Aspekte in den IT-Entwicklungsprozess begleiten und Kompetenz aufbauen. Daraus entwickelt sie eine kritische Theorie der Praxis.

Die IHS-Absolventin erwarb Programmier- und Datenbankkenntnisse an der WU Wien und besuchte parallel Seminare aus Soziologie, Jus, Linguistik und Gender Studies. Zusammen mit einem Doktorat in Politikwissenschaft erwuchs daraus interdisziplinäres Wissen, das sie heute einbringen kann und das sie an die Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen Dynamiken und technischen Umsetzungen führte.

Die Befassung mit Theorie macht ihr Spaß. Dabei arbeitet sie praxisorientiert, aber nicht anwendungsorientiert: "Mich interessiert, wie Alltagsleben und Arbeitspraktiken mit Theorieentwicklung zusammenwirken", sagt sie. Derzeit fädelt sie Kooperationen mit Teams ein, die Suchmaschinen entwickeln, und will mit ihrem Stipendium weitere Aufenthalte in Dänemark und den USA finanzieren. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Doris Allhutter begleitet Softwareentwicklung.
    foto: privat

    Doris Allhutter begleitet Softwareentwicklung.

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