Die Brücke in ein anderes Leben

3. Dezember 2013, 20:08
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In Südafrika müssen Kinder aus einer ärmeren Region einen Fluss zu Fuß überqueren, um in die Schule zu gehen - Architekturstudenten aus Kärnten planen eine Brücke

In Port Edward an der Küste des Indischen Ozeans, etwa 80 Kilometer von Durban entfernt, bereitet der Fluss Mzamba der ärmeren Landbevölkerung große Probleme: Das Gewässer muss zu Fuß überquert werden, um zur Schule, zur nächsten Krankenstation und zum Supermarkt zu gelangen. Jedoch schwankt bei Regenfällen der Pegelstand erheblich, weshalb der Weg in den Bereich mit besser entwickelter Infrastruktur häufig abgeschnitten wird.

Durch diesen unsicheren Schulweg werden ärmere Kinder aus dieser Region Südafrikas manchmal tagelang an der Rückkehr nach Hause gehindert. In jüngster Zeit sind wieder drei Schüler ertrunken. Die besorgten Eltern lassen daher ihre Kinder immer seltener in die Schule gehen.

Florian Anzenberger und Thomas Harlander, Architekturstudenten an der Fachhochschule (FH) Kärnten, wollen ihre Abschlussarbeit diesem Problem widmen und eine Brücke über den Fluss bauen. "Nachdem wir von der Situation in Mzamba erfahren hatten, wollten wir dort helfen und die regionale Lebenssituation der Bewohner verbessern", erzählt Harlander. Die Studenten wollten aber mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten, damit das Bauwerk auf die Bedürfnisse der Menschen in der Region zugeschnitten wird - und die Einwohner sich mit diesem Projekt identifizieren können. Abgesehen davon war die Idee eine gute Gelegenheit, eine Abschlussarbeit von Architekturstudenten einmal nicht in der Bibliothek verstauben zu lassen. "Heutzutage ist die Diplomarbeit meistens eine theoretische Arbeit, die beinahe nie gebaut wird", sagt Thomas Harlander

Rat der Stammesältesten

Um die Bevölkerung so gut wie möglich einzubinden, wurden die Stammesältesten der ärmeren Region und der Bürgermeister von Port Edward in die Planung einbezogen. Ihr Verbindungsmann vor Ort ist derzeit Elias Rubin von der Entwicklungshilfeorganisation BuildCollective.

Anzenberger und Harlander werden erst Ende Jänner 2014 dazustoßen. Derzeit gibt es für die beiden Diplomanden in Kärnten noch genug zu tun, wie Anzenberger erzählt: "Das ist unser erstes Projekt, das wir tatsächlich bauen. Im Studium haben wir ja bisher die Projekte immer nur theoretisch abgehandelt. Bei einer Brücke gibt es vorher vor allem viele statische Fragen zu beantworten." Die statische Berechnung, wie sich die Belastung und Schwingungen einer solchen Tragfeldbrücke auswirken, sei exakt nur mit Computermodellen zu berechnen.

Anzenberger und Harlander lassen sich von verschiedenen Bauingenieuren aus Kärnten und der Schweiz beraten. Des Weiteren beschäftigt man sich derzeit noch mit Fragen des Projektmanagements und der Finanzierung: Obwohl die Studenten schon einiges Geld gesammelt haben, sucht man noch Sponsoren.

Bei diesem Projekt werden zu Beginn wie bei anderen auch die grundsätzlichen Fragen von Architektur und Bauwesen gestellt. Die Vorbereitung unterscheidet sich stark von einem der üblichen hiesigen Bauprojekte. Unter anderem, weil nicht nur bei der Planung, sondern auch beim Bau selbst die Bevölkerung von Mzamba eine zentrale Rolle spielt. Lkw-Lieferungen sind nicht möglich: Die Region ist schwer zugänglich. Jedes Bauteil wird nun so gestaltet, dass es maximal zwei Personen tragen können.

Die angehenden Architekten fragen sich allerdings, wie man sich verständigen wird, wenn die Baustelle am Fluss erst einmal errichtet ist. Viele der Einwohner sprechen kein Englisch, und wesentliche kulturelle Unterschiede bestimmen die Kommunikation mit den Südafrikanern. Als die Stammesältesten gefragt wurden, welche Maße die Brücke haben sollte, lautete deren Vorschlag: Die Überführung solle möglichst so breit sein, dass zwei schwangere Frauen aneinander vorbeigehen könnten.

Aus der Entfernung stellt sich vieles anders dar, als es in der Region tatsächlich ist. Ursprünglich wollten die Studenten als Bodenbelag für die Brücke ein Metallgitter verwenden. Die Einwohner gaben aber zu bedenken, dass das gerade im heißen Sommer sehr unangenehm werden könnte.

Barfuß durch den Fluss

Die Studenten hatten nicht bedacht, dass die meisten Menschen in der ärmeren Region keine Schuhe besitzen und den Fluss barfuß überqueren müssen. Nun wird ein Belag aus Holz eingebaut, der in zehn bis 15 Jahren wieder problemlos ausgetauscht werden kann. Ohnehin sollen die Menschen in Mzamba irgendwann einmal die Brücke selbst warten können und Wissen anwenden, das sie sich beim Bau angeeignet haben.

Die Studenten wollen deshalb Baustoffe aus der Region benutzen. Allerdings wird in Afrika mit anderem Stahlbauteilen gebaut als in Europa, auch Beton wird anders gemischt. Es muss daher überprüft werden, welchem Druck dieser Baustoff standhält. Außerdem wird man untersuchen müssen, wie sich das Salz, das vom Indischen Ozean durch das offene Tal geweht wird, auf die Korrosion der Brücke auswirkt. Laut Anzenberger seien diese Nachjustierungen beim Bau aber nichts Ungewöhnliches: "In Österreich plant man alles ganz genau und baut es dann anhand des Plans. In Afrika muss man oft vieles vor Ort lösen." An den Erfolg des Projekts glauben in Villach nicht nur die beiden Diplomanden: Da mithilfe der Brücke sicher wieder mehr Kinder in den Unterricht gehen, werden die Architekturstudenten der FH im dritten Semester eine neue Schule bauen. (Johannes Lau/DER STANDARD, 4. 12. 2013)

  • Der Fluss Mzamba in Südafrika trennt die ärmere Region von jener mit mehr Infrastruktur. Die Einwohner müssen ihn mangels Brücke derzeit durchwaten.
    foto: fh kärnten

    Der Fluss Mzamba in Südafrika trennt die ärmere Region von jener mit mehr Infrastruktur. Die Einwohner müssen ihn mangels Brücke derzeit durchwaten.

  • Die Architekturstudenten Thomas Harlander und Florian Anzenberger bei den Vorarbeiten.
    foto: fh kärnten

    Die Architekturstudenten Thomas Harlander und Florian Anzenberger bei den Vorarbeiten.

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