Mit Zähigkeit durch den Nil-Schlamm

3. Dezember 2013, 17:07
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Florian Teichtmeister spielt den biblischen Joseph im Wiener Josefstadt-Theater

Wien - Die Frau des Altägypters Potiphar bringt Joseph, den Sohn Jaakobs, in schreckliche Verlegenheit. Die Dame namens "Mut" verzehrt sich auf wenig schickliche Weise nach Josephs Leib. Ihr Gemahl, ein pharaonischer Spitzenbeamter, ist damaligen Gepflogenheiten entsprechend Kastrat. Potiphars Auge ruht wohlgefällig auf dem jüdischen Bediensteten, der Muts (Sandra Cervik) Avancen zurückweist und im Gefängnis landet. "Die Berührte" bildet ein Schlüsselkapitel in Thomas Manns Spätwerk Joseph und seine Brüder, das der Nobelpreisträger im kalifornischen Exil vollendete. Florian Teichtmeister spielt den Joseph - auf Ägyptisch: "Osarsiph" - in der Bühnenfassung des Prosawerks, das am Donnerstag im Wiener Josefstadt-Theater Premiere hat (19.30 Uhr).

Nach der Handlung dieser merkwürdigen Begebenheit gefragt, bricht Teichtmeister in Gelächter aus. "Ich würde das Stück gerne erzählen, wenn ich mir sicher wäre, was da erzählt wird." Natürlich weiß er es doch. Mitunter erkenne er in Thomas Manns verschlungener Erzählweise "eine profane Dreiecksgeschichte, weit weg vom philosophischen Gleichnis". Die prunkende, dabei immer präzise Sprache des Dichters bezeichne nichts anderes als eine immens verfeinerte Kultur. Die Bibel findet für Josephs ägyptische Erlebnisse mit 22 Versen ihr Auslangen. Mann widmet den Verstrickungen des schönen, eitlen Joseph einen umfangreichen Prosaband.

Teichtmeister (34), unlängst mit einem Nestroy als Publikumsliebling geehrt, muss in der Regie Günter Krämers kaum etwas sagen. Im Grunde kann der Joseph nichts dafür, dass er so schön ist und man ihn liebt. "Mit der Person, die da auftaucht, wird ein Sehnsuchtsraum gefüllt," sagt Teichtmeister. "Joseph betreibt das nicht aktiv. Aber als der Geliebte ist er auch der Gefährdete. Die anderen wollen etwas von ihm, und es ist gefährlich, ihren Wünschen zu willfahren. Genauso gefährlich ist es aber, ihnen das Gewünschte vorzuenthalten."

Teichtmeister ist kein Schauspieler, der mit sich geizt. Als das Burgtheater verzweifelt einen Leim für seinen Lumpazivagabundus bei den Salzburger Festspielen suchte, war Teichtmeister zur Stelle. Man hat den Eindruck: Wenn der Teufel persönlich anriefe, Teichtmeister würde zum Vorsprechen gehen. Um wie viel lieber tut er das, wenn Burgdirektor Hartmann am Hörer ist.

Der Wiener sagt: "Ich probiere alles aus." Wenn ihn der Regieführende auf Ideen bringt, lässt er Vorbereitetes auch weg. Zugleich gibt es in Teichtmeisters Altersklasse kaum zähere Burschen. Sein Salzburger Leim war die Rätselfigur einer von ihrem eigenen Witz bezechten Veranstaltung. Teichtmeister gab das gezähmte Gossenkind unter lauter Staatsschauspielern. Er zeigte, wie man sich verstellen muss, um auf der sozialen Stufenleiter emporzuklettern. Teichtmeister lieferte eine bemerkenswerte Leistung ab.

Nichtwissen als Ansporn

An das Josefstadt-Theater kehrte er mit neu formulierten Ansprüchen zurück. "Ich sprang mit Anlauf in den Lumpazivagabundus hinein, es musste alles auch sehr schnell gehen." Sein wichtigster Ansporn ist das Nichtwissen, "das Sich-selbst-Gefährden". Umgekehrt sei auch etwas dran: "Auch wenn man tausend Mal sagt: Ich werde nicht selbstgefällig ... Zweifel ist gut und wichtig. Aber es gibt Momente, in denen ich ihn nicht gebrauchen kann."

Heute denkt Teichtmeister über die Rolle des Fritz in Schnitzlers Liebelei nach. Alexandra Liedtke wird das Stück zur Eröffnung der Spielzeit 2014/15 an der Josefstadt inszenieren. Der Schauspieler fragt sich, ob es für ein "Duell" eine heutige Entsprechung gibt. Fazit: "Nein." Manchmal muss das Theater auch die Fremdartigkeit des Lebens abbilden. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.12.2013)

  • Florian Teichtmeister: Hat als Burg-"Einspringer" endgültig Lunte gerochen.
    foto: toppress

    Florian Teichtmeister: Hat als Burg-"Einspringer" endgültig Lunte gerochen.

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