Der Einkaufszettel als Stimmzettel

Rezension5. Dezember 2013, 13:40
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Zwei neue Einkaufsführer wollen den Konsumenten den umweltfreundlichen und fairen Einkauf erleichtern

Mit jedem Kauf von Obst, Gemüse oder Fleisch treffen Konsumenten Entscheidungen. Gezielter Boykott oder Einkauf können Auswirkungen haben. Das sehen offenbar auch viele Konsumenten so: Immerhin die Hälfte der Verbraucher ist an nachhaltigem Konsum interessiert. Doch nur zehn Prozent der Befragten setzen das auch in die Tat um, da oft Zeit und Lust fehlen. Zwei neue, kompakte Einkaufsführer aus Österreich könnten dabei eine Unterstützung sein.

Das neue Buch "Nachhaltig leben. Bewusst kaufen, sinnvoll verwenden, Alternativen zum Wegwerfen" stammt von der Journalistin Susanne Wolf. Sie fasst die wichtigsten Grundregeln zusammen: Kurzer Transportweg, Bio-Qualität, Regionalität und Saisonalität, Umweltschutz bei der Herstellung und faire Arbeitsbedingungen. Ergänzend liefert sie Links, kurze Interviews mit Experten und Einblicke in unterschiedliche Betriebe.

Zunächst liefert die Autorin Zahlen: 20 Prozent der CO2-Emissionen werden durch den Transport von Lebensmitteln erzeugt. Als negatives Beispiel bringt sie unter anderem Erdbeeren. Jede zweite in Österreich gekaufte Erdbeere wird übers Jahr gesehen importiert. Der hohe Wasserbedarf der Pflanzen macht im trockenen Süden Spaniens eine intensive Bewässerung erforderlich. Für ein Kilogramm Ernte werden dort bei der Produktion 276 Liter Wasser verbraucht.

Wenige Bio-Schweine

Dabei lohnt es sich heimisches Obst und Gemüse zu konsumieren, da es auch frischer und oft geschmackvoller - da reif geerntet - ist. Österreich hat die strengsten Bio-Gesetze innerhalb der EU. Es gibt im Moment rund 21.500 Bio-Landwirtschaftsbetriebe, die fast 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bewirtschaften, schreibt Wolf. In 85 Prozent dieser Betriebe werden Nutztiere gehalten.

Bei einem näheren Blick zeigen sich jedoch gravierende Differenzen nach Tierrassen: Beinahe ein Fünftel aller in Österreich gehaltenen Rinder, aber nur zwei Prozent der Schweine stammen aus Bio-Landwirtschaft. Die Autorin weist zudem darauf hin, dass immer wieder Vorschriften, die für die Bio-Tierhaltung gelten, durch Ausnahmeregelungen umgangen werden: "Um ganz sicher zu gehen, müsste man den Betrieb selbst kennen und sich vergewissern, dass es den Tieren dort gut geht." 

Umweltfreundlicher Haushalt

In ihrem Ratgeber beschränkt sich Susanne Wolf nicht nur auf Tipps rund um die Nahrung. Auch Bereiche der Mobilität, des Tourismus, der Freizeit oder des eigenen Haushalts werden beleuchtet. Sie zeigt dabei auch weniger bekannte Problematiken auf. So gelten Waschnüsse zum Beispiel als ökologische Alternative zu aggressiven Waschmitteln. Sie können in kleinen Säckchen mittlerweile auch in vielen Supermärkten und Drogerien gekauft werden. In den Schalen befindet sich Saponin, das bei Kontakt mit Wasser eine seifige Lauge erzeugt. Die Waschnüsse werden seit langer Zeit in Indien oder Nepal verwendet. Duftstoffe, Konservierungsmittel, Lösungsmittel oder Aufheller erspart man damit der Haut und der Umwelt.

Tests der Stiftung Warentest haben jedoch ergeben, dass die Saponine nicht einfacher biologisch abbaubar sind als Tenside in synthetischen Waschmitteln. Zudem hat die steigende Nachfrage in westlichen Ländern Konsequenzen für die Herkunftsländer: In Indien stiegen die Preise zum Beispiel erheblich. Ein großer Teil der Bevölkerung kann sich die Waschnüsse mittlerweile nicht mehr leisten. Mit dem Siegel Fair Trade kann sich der Käufer zumindest sicher sein, dass der Bauer einen fairen Preise für die Waschnüsse bezahlt bekommt.

Reparieren, wiederverwenden, reduzieren

Die Autorin geht am Ende des Buchs auf die Problematik ein, dass Fairtrade- und Bio-Produkte oft teurer sind als herkömmliche. Sie gibt Tipps, wie durch einen bewussten Lebensstil in anderen Bereichen gespart werden kann. Ein Schlagwort ist etwa "benutzen statt besitzen". Das Konzept ist nicht neu: Büchereien, Wohngemeinschaften oder Waschsalons gibt es bereits lange. Auch Couchsurfing, Carsharing oder Bookcrossing sind bekannt. Mittlerweile bieten auch immer mehr Initiativen Haushaltsgeräte, Lifestyle-Artikel oder Gewand zum Verleih oder Tausch an. Denn braucht man gleich einen eigenen Bohrer, wenn man ein Loch in die Wand bohren will?

Greenwashing 

Zudem plädiert die Autorin dafür, misstrauisch zu bleiben. Denn fast jedes große Unternehmen hat heute eine eigene Abteilung für die sogenannte Corporate Social Responsibility. Ziel ist es, ökologisch und sozial zu handeln und das mit den wirtschaftlichen Interessen in Einklang zu bringen. Freilich dient das vor allem dazu, den Firmen einen umweltfreundlichen und verantwortungsbewussten Anstrich zu geben.

Dafür werden auch unlaute Mittel verwendet. Der Fachausdruck dafür ist Greenwashing, also Grünfärberei und meint die Irreführung der Kunden: Einerseits über die ökologischen Vorteile eines Produkts, andererseits über die umweltfreundlichen Geschäftsmethoden. Ein Beispiel ist der britische Mineralölkonzern, der sich im Jahr 2007 einen neuen Namen gönnte: Aus British Petroleum wurde Beyond Petroleum ("Jenseits des Öls"). Medienwirksam wurden Solarstromanlagen auf Tankstellen installiert. Und ein neues Symbol, eine grün-gelbe Blume, sollte umweltfreundlich wirken.

Tierleidfreies Einkaufen

Ein weiterer neuer Einkaufsführer stammt von dem ehrenamtlichen Verein animalfair, der nach Recherchen, Korrespondenz mit Firmen, persönlichen Gesprächen mit Herstellern, Tierrechtsexperten und Ökologen entstand. Dabei werden vor allem Produkte hervorgehoben, die ohne Tierleid produziert werden. Das Nachschlagewerk ist online abrufbar und seit neuestem auch als Pocket-Guide erhältlich und steht bei 1.500 Einträgen.

Laut Erhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2010 konsumiert ein Österreicher durchschnittlich 66,3 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Weltweit werden jährlich mehr als 250 Millionen Tonnen Fleisch erzeugt. Dafür werden rund 38 Prozent der Getreideernte und 80 Prozent der Sojaernte an Nutztiere verfüttert. Auch Österreich importiert jährlich 550.000 Tonnen Soja für Tierfutter. 70 Prozent der weltweit gerodeten Regenwaldflächen werden daher auch für die Produktion von Nutztierfutter verwendet. Die Folgen für die Menschen in Entwicklungsländern sind verheerend: Je mehr Boden für Futtermittel aufgewendet wird, umso weniger Produktionsfläche bleibt für die eigene Versorgung.

Ausgehend von diesen Zahlen, bietet animal Alternativen, auch in Bereichen wie Bekleidung, Putzmittel, Kosmetika oder Spielwaren. "Zu fast allen konventionellen Produkten gibt es tierfreundliche Alternativen", sagt animal-fair-Mitarbeiterin Eva Heiling-Mackowski. (Julia Schilly, derStandard.at, 6.12.2013)

 

http://images.derstandard.at/2013/12/03/1385211507486-nachhaltig.jpg  Susanne Wolf: "Nachhaltig leben".
  Bewusst kaufen, sinnvoll verwenden,
  Alternativen zum Wegwerfen

  Hrsg. Verein für Konsumenteninformation
  Wien 2013
  160 Seiten

 

 

 

 

  Der "Ethische Einkaufsführer"
  im Pocketformat
  www.animalfair.at
  Wien 2013
  176 Seiten (mehr als 600 Einträge)

  • Was, wann, wo? Gerade bei einem lustvollen Thema wie essen, kann es manchmal mühsam sein, korrekt einzukaufen.
    foto: istock/photopalace

    Was, wann, wo? Gerade bei einem lustvollen Thema wie essen, kann es manchmal mühsam sein, korrekt einzukaufen.

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