Autosammler Simon Kidston: "Sophia Loren mit vier Rädern"

9. Dezember 2013, 17:04
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Der Brite Simon Kidston ist Chefauskenner in Sachen Oldtimer. Er stöbert sie auf, kauft und verkauft sie. Nicht wenige sammelt er auch selbst. Ein Gespräch über Steve McQueens Porsche, Strafzettel und darüber, ob es okay wäre, ein Auto von Hermann Göring zu fahren

Schon der Vater von Simon Kidston (46) fuhr und sammelte Bentleys, Bugattis und Mercedes. Der Onkel war gar Flugpionier und Gewinner des 24-Stunden-Rennens von Le Mans. Das Faible für edle Karossen scheint eindeutig im Erbgut der Familie zu liegen. Simon Kidston, Gentleman durch und durch, startete seine Karriere in der Autosparte des Auktionshauses Coys in London, er war Mitbegründer des Auktionshauses Brooks (mittlerweile Bonhams) und gründet 2006 seine eigene Firma in Genf. Kidston ist auf vielen Events mit historischen Wagen zu finden, manchmal am Steuer seines Lamborghini Miura SV, dann wieder eines Mercedes-Benz 300 SL. Gefahren werden sollten sie alle, meint er. Kidston ist der richtige Mann, um über die Vergangenheit und Zukunft von Oldtimern zu sprechen.

STANDARD: Was war Ihr erstes Auto?

Simond Kidston: Ein Fiat 500.

STANDARD: Welche Farbe?

Kidston: Dieselbe wie die "Baked Beans" aus der Heinz-Dose. Das ist so ein rostiger Ton, was in gewisser Weise zu einem italienischen Auto passt.

STANDARD: Wo ist das Auto jetzt?

Kidston: Ich wünschte, ich wüsste es. Ich hab es bei einem Bauernhof stehen lassen, weil ich zu viele Strafzettel angehäuft hatte. Damals studierte ich noch.

STANDARD: Wie viele Strafzettel bekommen Sie denn heutzutage?

Kidston: Hm. Den letzten habe ich vor drei Tagen kassiert, in einem Porsche 911, Baujahr 1973. Ich hab ihn von meinem Vater geerbt, und er hätte sich bestimmt gewundert, wenn ich nicht zu schnell gefahren wäre.

STANDARD: Denken Sie manchmal an den bohnenfarbigen Fiat?

Kidston: Oft. Ich würde ihn sofort zurückkaufen, wenn ich könnte.

STANDARD: Glauben Sie, dass Autos eine Seele haben?

Kidston: Absolut! Sagen wir es so: Wären Autos Gäste auf einer Dinnerparty, würde ich nicht gern neben einem der heutigen Massenprodukte sitzen, während ein Ferrari für mich einer Tischnachbarin wie Sophia Loren gleichkäme. Nur halt mit vier Rädern.

STANDARD: Welche war die schönste Autofahrt, an die Sie sich erinnern können?

Kidston: Das klingt jetzt sehr bescheiden, aber das war wahrscheinlich, als ich als junger Mann einen kleinen Alfa Romeo Spider von London nach Portugal gefahren habe.

STANDARD: Ihre schlechteste Erinnerung?

Kidston: Dabei denke ich an jedes Auto, das ich je bei Hertz ausgeliehen habe.

STANDARD: Sie machen Geschäfte mit sehr reichen und oft auch bekannten Persönlichkeiten. Welchen Stellenwert hat Diskretion?

Kidston: Lassen Sie es mich so formulieren: Es gibt Deals, da ist Diskretion angesagt, und solche, bei denen wir auf die Trommel hauen. Wenn ein Kunde etwas schnell verkaufen will, dann möchte er, dass das jeder Sammler auf der Welt erfährt. In dem Fall machen wir viel Lärm um den Verkauf. Um die Verkäufe der teuersten Autos wird in der Regel im Vorfeld kein Wirbel gemacht. Und auch danach nicht.

STANDARD: Warum?

Kidston: Speziell die Eigentümer sehr teurer Autos wollen ihren Wagen nicht laut auf den Markt werfen. Sie denken an das Risiko, dass das Auto vielleicht nicht weggeht, und dann redet die ganze Szene darüber. Es geht diesbezüglich auch um das Image und den Stolz von Sammlern.

STANDARD: Wie viel mehr kostet ein Porsche 911, wenn sein Vorbesitzer Steve McQueen hieß?

Kidston: Berühmte Vorbesitzer steigern den Verkaufspreis eines billigeren Autos enorm, tun dies aber nur in geringem Ausmaß, wenn es sich um einen sehr wertvollen Wagen handelt. Bei einem Standard-Porsche 911 kann der Name des Vorbesitzers den Preis verzehnfachen. So war es auch bei einem McQueen-Porsche, der vor einigen Jahren bei einer Auktion verkauft wurde. Es war übrigens das Auto, das er im Vorspann zum Film Le Mans fuhr. Wenn es ein wirklich besonderes Auto ist, dann ist es auch ziemlich egal, wenn der Vorbesitzer ein Postbote war.

STANDARD: Hätten Sie ein Problem damit, ein Auto für jemanden zu besorgen, das einst Hermann Göring oder Adolf Hitler gehörte?

Kidston: Ich persönlich nicht, weil es einfach Teil der Geschichte eines solchen Wagens ist. Andere sehen das sicher anders. In meinem Geschäft geht es mehr um das Auto als um die Geschichte seiner Vorbesitzer. Außerdem hatte Hitler keine Autos im eigentlichen Sinn, weil er nicht fahren konnte. Göring schon, und die kamen auch schon auf den Markt, zum Beispiel sein Mercedes 540 K.

STANDARD: Und doch sagten Sie einmal, dass ein Auto so wertvoll sei wie seine Geschichte. Was macht diese Geschichte aus?

Kidston: Jeder, der sich ein solches Auto kauft, spürt eine andere Art von Anziehung. Der Wagen selbst steht im Vordergrund, nicht das Drumherum. Ein klassisches Auto wird zu einer Art Tür in die Vergangenheit, einer Zeitmaschine. Sie setzen sich hinein und erfahren etwas über eine vergangene Zeit, allein schon, wenn Sie das Leder berühren oder Benzin riechen, über das Holz des Lenkrads streichen etc.

STANDARD: Was riecht besser, Öl oder Benzin?

Kidston: Für mich riecht am allerbesten ein pflanzliches Motoröl von Castrol, das vor vielen Jahrzehnten in Rennwagen zum Einsatz kam. Es ist unverwechselbar, und wann immer man es riecht, katapultiert es einen auf die Rennstrecken der 1930er-Jahre zurück.

STANDARD: Elvis hatte einen Führerschein. Könnten Sie mir seinen ersten Cadillac besorgen?

Kidston: Elvis besaß eine Menge Autos. Wahrscheinlich gibt es hunderte Cadillacs, die als seine verkauft werden. Freilich könnte man einen kriegen, den er auch wirklich besessen hat und hinter dessen Steuer er saß. Ob man seinen ersten auftreiben kann, ist fraglich.

STANDARD: 1951 schenkte Roberto Rossellini seiner Frau Ingrid Bergman einen Ferrari 212 zum ersten Hochzeitstag. Stimmt es, dass das Auto die Farbe ihrer Augen hatte?

Kidston: Ich kannte Ingrid Bergman nicht, kann das also nicht bestätigen, aber es ist durchaus möglich. Ralph Lauren besitzt den berühmten Bugatti Atlantic, der ursprünglich die Farbe des Verlobungsrings hatte, den der erste Besitzer des Wagens für seine Verlobte kaufte. Es war ein besonderes Blau, so wie jenes des Saphirs auf dem Ring.

STANDARD: Und wer war der Besitzer?

Kidston: Das war ein Engländer namens Richard Pope, ein Versicherungsmann bei Lloyd's, ferner ein Tennis-Champion und ein Connaisseur in Sachen Bugatti.

STANDARD: Wie viele Autos haben Sie bisher in Ihrem Leben verkauft?

Kidston: Mir geht es nicht um Zahlen. Ich habe das auch nie gezählt. Mich interessiert der Traum, mit diesen schönen Wagen zu handeln, neue Plätze für sie zu finden und über die Autos zu lernen, die Sammler kennenzulernen. Das ist, was mich antreibt.

STANDARD: Gibt es für Sie das eine, wahrhafte Traumauto?

Kidston: Ja, und das ist eines, das ich leider nie kaufen kann. Es ist der Mercedes-Benz 300 SLR, der von Rudolf Uhlenhaut, dem Boss des Mercedes-Rennteams, gefahren wurde. Das Mercedes-Museum war so nett und hat mir den Wagen vor einigen Jahren für einen Tag geliehen. Ich bin mit ihm um den Gardasee gefahren. Es ist das wertvollste Auto der Welt. Ein anderes Auto, von dem ich träume, wäre der Ferrari 250 LM, der in den 1960er-Jahren gebaut wurde. Der würde ebenfalls einen sehr glücklichen Mann aus mir machen.

STANDARD: Was war denn der größte Schatz, den Sie je gefunden haben?

Kidston: Ich denke, das war der Auftrag, den Fuhrpark des Schahs von Persien zu verkaufen. Das war 1996. Ich flog nach Abu Dhabi und holte diese Schätze in die Schweiz. Später wurden sie sehr erfolgreich in Auktionen verkauft.

STANDARD: Was fuhr der Schah denn so?

Kidston: Oh, ich erinnere mich zum Beispiel an einen ganz besondere Lamborghini Miura. Der Miura ist ein Wagen, der es mir überhaupt besonders angetan hat.

STANDARD: Sie sprechen vom Schah, von Steve McQueen, von Ralph Lauren etc. Geht's in dem Business auch ein bisschen kleiner?

Kidston: Ich erzähl Ihnen eine Geschichte: Ich wurde einmal gefragt, einen Motor zu schätzen, kein Auto. Der Motor gehörte einer kleinen, alten Frau in Turin. Der Motor stand schon 40 Jahre bei ihr herum, und niemand wusste, was das staubige Ding genau war. Ich fuhr also hin und sah mir das an. Auf der Fahrt hab ich übrigens einen Strafzettel bekommen, ich kann mich genau erinnern. Also: Auf dem Motor stand Alfa Romeo. Das Eigenartige war, dass der Motor 12 Zylinder hatte, Alfa aber nie einen 12-Zylinder baute. Was es auch immer war, wir haben den Motor in einer Auktion verkauft. Erwartet wurden 10.000 Euro. Weggegangen ist er um 200.000 Euro.

STANDARD: Und Sie machten einer alten Dame eine Freude.

Kidston: Sie konnte es kaum glauben. Ich hab es ihr am Telefon erzählt, und sie musste sich erst mal hinsetzen. Sie war der glücklichste Mensch, den man sich vorstellen konnte. Sie war ein Fan von Wohnwagen und kaufte sich sofort einen solchen und ging mit ihrem Mann auf Reisen. Der Mann hat dann auch gleich noch ein neues Auto bekommen. Das war in meinen 25 Jahren in diesem Business wohl der beste Moment.

STANDARD: Es gibt da diesen Satz, der geht so: "In einem Auto kann man schlafen, aber ein Haus kann man nicht fahren."

Kidston: Das ist korrekt. Ich diskutierte mit einem amerikanischen Sammler in Florida über den Kauf eines Autos und sagte zu ihm, "Meine Frau hat gesagt, ich kann das Auto nicht kaufen, es kostet mehr als das Haus", und er sagte mir, ich solle meiner Frau genau das sagen, was Sie gerade sagten. Aber der Kerl hat leicht reden. Er besitzt zehn Häuser und 500 Autos.

STANDARD: Also haben Sie den Wagen nicht gekauft?

Kidston: Natürlich hab ich ihn gekauft.

STANDARD: Ein Auto ist Ihnen also wichtiger als ein Haus.

Kidston: Definitiv. Wenn Sie mich als jungen Mann gefragt hätten, ob ich zufrieden wäre, wenn ich eine kleine Autosammlung haben könnte, dafür aber in der Garage schlafen müsste, hätte ich ohne zu zögern Ja gesagt.

STANDARD: Und heute?

Kidston: Heute muss ich mit solchen Sprüchen besser aufpassen. Wie gesagt, ich bin verheiratet. Stellen Sie meiner Frau lieber nicht dieselben Fragen.

STANDARD: Mag Ihre Frau die Art, wie Sie Auto fahren?

Kidston: Ja, das tut sie. Ich fuhr übrigens bis vor kurzem einen Rolls-Royce Ghost, der mir von Rolls-Royce zur Verfügung gestellt wurde. Als ich ihn zurückgab, war sie trauriger als bei jedem anderen Auto, das wir wieder hergaben.

STANDARD: Wenn ich mit Ihnen eine Spritztour in einem Ihrer Wagen unternehmen würde. Was dürfte ich auf keinen Fall tun?

Kidston: Zu langsam fahren.

STANDARD: Was noch?

Kidston: Auf keinen Fall bei McDonald's oder so etwas in der Art stehen bleiben, sondern nur bei wirklich guten Restaurants und Hotels. Und das Ziel dürfte nicht so wichtig sein wie das Unterwegssein selbst.

STANDARD: Fahren die Sammler eigentlich mit den Autos, oder verwahren sie sie eher wie Schätze?

Kidston: Da gibt es, grob gesagt, zwei Gruppen. Die einen behandeln ihre Autos wie Kunstwerke. Sie genießen das Besitzen, das Betrachten der Wagen. Und dann gibt es die Leute, die sich in erster Linie hinter dem Steuer wohlfühlen und auch historische Autorennen fahren. Die möchten wissen, wie schnell ihr Auto fährt, wie sich sein Motor anhört etc. Sie brauchen den Kick. Ich denke, dass die zweite Gruppe in den letzten Jahren eher gewachsen ist. Und das finde ich sehr gut so.

STANDARD: Wir sprechen hier viel von Autos aus längst vergangenen Zeiten. Wie denken Sie über die Zukunft des Automobils?

Kidston: Es gab in diesem Frühjahr ein Symposium in den USA. Bei dem ging es um die Zukunft des Sammelns von Oldtimern, die Zukunft des Autos als Transportmittel etc. Dort waren auch die Kinder und Enkelkinder von Sammlern zugegen. Es ist so: Für meine und ältere Generationen bedeutete ein Auto soziale Beweglichkeit. Es gab ja keine Handys oder Computer. Wenn man jemanden treffen wollte, musste man sich in vielen Gegenden mit dem Auto bewegen. Das Auto gehörte irgendwie zum Erwachsenwerden dazu. Heute checken die jungen Leute E-Mails und ihren Facebook- Account. Das Auto interessiert die Jungen nicht so wie die Menschen früher. Die Frage beim Symposium ging dann weiter in Richtung: "Wie viele der künftigen Autos haben das Zeug zum Sammlerobjekt?"

STANDARD: Und? Wie viele?

Kidston: Lassen Sie es mich so erklären. Bei einer anderen Veranstaltung sagte Ulrich Bez von Aston Martin: "Vor 100 Jahren kauften Menschen Pferde als Transportmittel, heutzutage sind Pferde längst kein verbreitetes Transportmittel mehr, aber Rennpferde sind heute so teuer, wie man es sich vor 100 Jahren nie hätte vorstellen können." Es wird immer eine Nachfrage nach schönen Autos geben, unabhängig davon, wie praktisch sie im Alltag sind.

STANDARD: Letzte Frage: Wie viele Autos besitzen Sie zurzeit?

Kidston: Nicht besonders viele, es sind ein paar weniger, als meine Frau glaubt.  (Michael Hausenblas, DER STANDARD, 6.12.2013)

  • Ob Ferrari, Porsche, Lamborghini oder Rolls-Royce. Simon Kidston fährt sie alle. Sein Traumauto ist allerdings ein Mercedes-Benz 300 SLR. Ein Ferrari 250 LM würde ihn aber auch happy machen.
    foto: bianchi-piras

    Ob Ferrari, Porsche, Lamborghini oder Rolls-Royce. Simon Kidston fährt sie alle. Sein Traumauto ist allerdings ein Mercedes-Benz 300 SLR. Ein Ferrari 250 LM würde ihn aber auch happy machen.

  • Wer hat, der hat. Simon Kidston erklärt dem Buben eines Kunden Details zu dessen Ferrari 250 GTO.
    foto: bianchi-piras

    Wer hat, der hat. Simon Kidston erklärt dem Buben eines Kunden Details zu dessen Ferrari 250 GTO.

  • Kidston in einem 911er Porsche, den er von seinem Vater erbte. Die Farbe heißt übrigens Signalgelb.
    foto: bianchi-piras

    Kidston in einem 911er Porsche, den er von seinem Vater erbte. Die Farbe heißt übrigens Signalgelb.

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    foto: irina gavrich
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