Kräuterschnaps: Der gute Geist aus dem Garten

Kolumne10. Dezember 2013, 16:39
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Jetzt ist der Zeitpunkt, da man alle Zutaten beisammenhaben sollte, um eigenen Kräuterschnaps anzusetzen - Gregor Fauma über eine vorwiegend bittere Erfahrung mit unterschiedlichen Aromen

Während sich die Pflanzen nun intensiv vor der Kälte zu schützen beginnen, greift zu diesem Zweck der geneigte Gärtner auch gerne einmal zur Flasche Kräutergeist, Jahrgang 2012. Im Herbst jenes Jahres war er noch vor dem ersten Frost unterwegs, um mit seiner goldenen Sichel auf Kräuter- und Wurzeljagd zu gehen.

Behände schnitt er zarte Triebe von Artemisia absinthium ab, dem Gemeinen Wermut oder auch Bitteren Beifuß (ohne Ausrufezeichen gilt's nicht den Hunden). Das Kraut, seit der Antike als Heilpflanze beschrieben, war einst der Jagdgöttin Artemis geweiht, daher der Name. Seine Inhaltsstoffe sind besten Falls verdauungsfördernd, schlechtesten Falls führen sie zu Erbrechen und Benommenheit. Letzteres dann, wenn durch Alkohol zu viel Thujon herausgelöst und eingenommen wurde.

Bringt Bitternis

Dem scharfen Schnitt ergeben musste sich auch die Eberraute Artemisia abrotanum - sie bringt zusätzliche Bitternis in die Flasche und helfe im Körper gegen Würmer. Ein kleines Stück einer Engelswurzwurzel fehlt in besagter Flasche ebenfalls nicht.

Die Engelswurz Angelica archangelica fühlt sich allerdings in der Umgebung von Wermut und Eberraute nicht über Gebühr wohl, braucht sie es doch feuchter, nährstoffreicher und weniger hell. Am besten setzt man sie unter Birken oder andere natürliche Streuschattenspender.

Eine weitere Artemisia wird gestutzt und eingeflascht: Artemisia dracunculus, der Estragon. Er übertrifft den Wermut an Wüchsigkeit und schmeckt, so es sich um den französischen Estragon handelt, fantastisch. Das soll in der Flasche nicht fehlen. Ebenso wenig wie die zarten Triebe des Gewürzfenchels Foeniculum vulgare, diese muss man jedoch früher im Jahr ernten, genauso wie die Blätter der Zitronenverbene.

Frische und Frucht

Estragon, Gewürzfenchel, Zitronenverbene und natürlich Rosmarin erweitern die bittere Grundnote durch Frische und Frucht, sie ergänzen den sich langsam herauskristallisierenden Kräuterauszug optimal. Weiters dürfen Hände voll Salbei und Lorbeer nicht fehlen; Lorbeer bringt ein sensationelles ätherisches Aroma in den Auszug, Salbei grundiert diesen mit Würze. Man nehme viel von den Artemisiae, reichlich von Gewürzfenchel und Zitronenverbene und sparsam von der Wurzel der Engelswurz.

Alles zusammen stopft man in eine Flasche mit breiter Öffnung, füllt diese mit Ansatzkorn und wartet ein paar Wochen. Giftgrün präsentiert sich dann der abgeseihte Gartengeist, bitter wie das Leben und gut für die Galle. Wenn man dran glaubt, hilft er sogar gegen die Kälte. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 6.12.2013)

Tipps zum Kräutergeist: Einen wesentlichen Anteil am Geschmack des Endprodukts hat freilich die Qualität des Ansatzkorns, auch Einlegeschnaps genannt. 80 Volumenprozent sollte er schon haben, doppelt filtrierter Alkohol nimmt die natürliche Farbe, das Aroma und die Süße der Früchte optimal auf.
  • Giftgrün präsentiert der fertige Kräutergeist.
    foto: apa / christian beutler

    Giftgrün präsentiert der fertige Kräutergeist.

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    foto: irina gavrich
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