Fischvergiftung: Toxine auf dem Teller

3. Dezember 2013, 09:18
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Fischvergiftungen werden oft durch Giftstoffe aus Algen ausgelöst, auch Meeresfrüchte bergen ein Risiko

Den Feinschmeckern sind sie wohlbekannt. Red Snapper, tropische Meeresbewohner, gelten mit ihrem festen, weißen Fleisch als Delikatessen. Sie werden meist per Flugzeug eingeflogen, doch ihr Verzehr kann recht unangenehm werden. Wenn zwei bis zwölf Stunden nach der Mahlzeit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, begleitet von Taubheitsgefühl im Mundbereich, an Händen und den Füßen auftritt oder das Temperaturempfinden gestört ist, ist für erfahrene Mediziner klar: Der Patient leidet unter Ciguatera, einer speziellen Fischvergiftung. Die Symptome können mehrere Wochen lang anhalten, ein Antigift gibt es nicht. Tödliche Verläufe sind aber selten.

Die eigentlichen Auslöser von Ciguatera sind einzellige Geißelalgen, Dinoflagellaten der Gattung Gambierdiscus. Sie enthalten Ciguatoxine, natürliche Giftstoffe, die sich über die Nahrungskette anreichern können. Hohe Konzentrationen finden sich dementsprechend im Fleisch von Raubfischen wie dem Red Snapper, aber auch in Barrakudas oder Stachelmakrelen. Besonders häufig sind Gambierdiscusalgen in der Karibik. Dort kann es mitunter zu Ciguatera-Epidemien kommen. Meeresgebiete des Indopazifik sind allerdings auch regelmäßig betroffen. Ein paar Fälle wurden aus dem östlichen Mittelmeer gemeldet.

Transport im Einzeller

Ciguatoxine werden bei der Fischzubereitung nicht zerstört - sie sind hitzestabil. Ihre Wirkung ist neurotoxisch. Die fettlöslichen Giftstoffe greifen Nervenenden an und lösen dort eine dauerhafte Aktivierung der Natriumkanäle aus. So entstehen Empfindungsstörungen. Die Fische selbst sind gegen das Gift immun. Es gibt keinerlei äußere oder innere Erkennungsmerkmale dafür, ob sie mit Ciguatoxinen belastet sind. Ein im Handel verfügbares, biochemisches Testverfahren hat sich als unzuverlässig erwiesen. Reisende Hobbyfischer erkundigen sich am besten vor Ort darüber, ob ihr Fang Ciguatera auslösen kann.

Gambierdiscus ist jedoch nicht die einzige marine Einzellergattung, die dem Menschen regelmäßig Probleme bereitet. Andere Dinoflagellaten und manche Kieselalgen verfügen ebenfalls über tückische Toxine. Die Kleinstkreaturen werden in großer Zahl von Muscheln verzehrt, die diese aus dem Wasser herausfiltern. Auch hierbei kann es zu einer Giftanreicherung kommen. Der Genuss von derart kontaminierten Meeresfrüchten löst verschiedene Krankheitsbilder aus, variierend von Brechdurchfall und Schweißausbrüchen bis hin zu Lähmungserscheinungen und Gedächtnisstörungen. In vereinzelten Fällen sterben die Opfer sogar.

Das Wachstum der giftigen Mikroorganismen wird durch höhere Wassertemperaturen und ein reichliches Angebot an Nährstoffen begünstigt. Unter solchen Bedingungen entstehen gelegentlich Algenblüten. Meeresfrüchte aus den betroffenen Gewässern sollten strikt gemieden werden.

Die Faustregel "Keine Muscheln in den Monaten ohne R" hat nur begrenzte Gültigkeit. Wichtiger ist die Herkunft der Schalentiere. An der Atlantikküste Frankreichs etwa ist der Verzehr von Miesmuscheln und Austern auch im Hochsommer unbedenklich. In einigen Mittelmeerbuchten und an manchen tropischen Küsten dagegen sind kulinarische Abenteuer riskant, weil unzureichend geklärte Abwässer die Muscheln mit Krankheitserregern wie Hepatitisviren und Salmonellen belasten. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 3.12.2013)

  • Eine Delikatesse unter den tropischen Meeresbewohnern: Der Red Snapper
    foto: ap/mark lennihan

    Eine Delikatesse unter den tropischen Meeresbewohnern: Der Red Snapper

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