Asiatischer Leberegel: Gefahr im Karpfen

3. Dezember 2013, 08:57
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Reisende sollten sich vor dem Verzehr von rohen Süßwasserfischen hüten - In Asien ist der chinesische Leberegel in Karpfen weit verbreitet - Er kann Gallengangskrebs auslösen

Das Gericht mutet westlichen Besuchern recht exotisch an: Koi pla, eine aufstrichähnliche Masse aus rohem, fein gehacktem Süßwasserfisch und Gemüse, vermischt mit Limettensaft, Chili und anderen Gewürzen. Koi pla ist vor allem im Nordosten Thailands und in Laos beliebt. Viele Touristen würden die Traditionsspeise nie anrühren, doch abenteuerlustige Reisende langen zu. Man passt sich der lokalen Kultur an, isst mit den Einheimischen und möchte ihre Küche kennenlernen. An sich eine gute Einstellung, aber mitunter riskant. Vor allem, wenn es um rohen Fisch geht.

Die Erreger sind mit dem bloßen Auge nicht erkennbar. Es sind eingekapselte Larven von asiatischen Leberegeln. Sie schlummern im Fischfleisch, und wer dies ohne vorheriges Kochen oder Braten verzehrt, wird infiziert. Das kann fatale Folgen haben. Die heranwachsenden Parasiten wandern in Richtung Leber. "Sie hängen sich am Gewebe der Gallengänge fest und ernähren sich von den Sekreten", erklärt der Parasitologe Trevor Petney von der Universität Karlsruhe. Eine sehr ungewöhnliche Diät. Die Präsenz der bis zu 20 Millimeter langen Würmer löst eine chronische Entzündungsreaktion aus. Infolgedessen kommt es zu Gewebeveränderungen, und daraus wiederum können Tumoren entstehen - die sogenannten Cholangiokarzinome, Krebs der Gallenwege.

Der Weg zum Menschen

Der Lebenszyklus der Egel selbst ist ungewöhnlich komplex. Befruchtete Eier werden mit dem Kot des Endwirtes ausgeschieden und landen in einem Gewässer. Dort werden die Eier von Süßwasserschnecken aufgenommen. In deren Körper schlüpfen und entwickeln sich die Larven des ersten Stadiums. Eine Vermehrung findet ebenfalls statt, ungeschlechtlich durch Teilung. Die nächste Generation verlässt die Schnecke in Form von agilen, freischwimmenden Zerkarien. Diese machen sich nun auf die Suche nach einem zweiten Zwischenwirt, einem Fisch. Ist ein solcher gefunden, bohren sich die Zerkarien in die Haut, um sich darin einzunisten. Danach wird abgewartet. Bis der Fisch von jemanden aus einer höheren Stufe der Nahrungspyramide verspeist wird. Ursprünglich handelte es sich dabei um vierbeinige Säugetiere. Inzwischen jedoch spielt auch der Mensch als Endwirt eine bedeutende Rolle.

Fachleute unterscheiden drei verschiedene Spezies der gefährlichen Schmarotzer. Opisthorchis viverrini kommt im Einzugsgebiet des Flusses Mekong vor. In dieser Region dürften mehr als zehn Millionen Menschen befallen sein. Der noch häufigere Chinesische Leberegel (Clonorchis sinensis) mit schätzungsweise 35 Millionen Infizierten tritt dagegen von Zentralvietnam über ganz China nördlich bis zum Amur in Ostsibirien auf. Der Dritte im Bunde, Opisthorchis felineus, wird in Westsibirien und sogar in Mitteleuropa, Italien und Spanien gefunden. Die Art kommt allerdings fast ausschließlich bei Tieren wie Fischottern oder Waschbären vor. Menschen essen hier normalerweise keinen rohen Süßwasserfisch.

Ganz anders die Situation in Ostasien, wo Gerichte aus nichtgegartem Fischfleisch zur Alltagskultur gehören. Aufklärungskampagnen haben das Wissen über die Existenz der Leberegel zwar in großen Teilen der Bevölkerung verbreitet, aber die Traditionen erweisen sich als zäh. Irrtümer und Aberglauben tun ihr Übriges. Man nimmt oft fälschlicherweise an, dass Marinieren, Einsalzen oder Fermentieren die Parasiten abtötet. Vor allem Fischer verlassen sich gern auf die angebliche Schutzwirkung von Alkohol - in Form von reichlich genossenem Reiswhisky. Ein weiterer Fehler. Der Konsum von Hochprozentigem scheint die Entstehung von Cholangiokarzinomen sogar zu begünstigen, betont Petney.

Ärzte stehen dem Egelproblem gleichwohl nicht machtlos gegenüber. Das Medikament Praziquantel tötet die erwachsenen Würmer zuverlässig ab. Einen Schutz vor Reinfektion bietet es leider nicht, die einzige mögliche Prophylaxe ist somit der Verzicht auf rohe Fischgerichte. Regelmäßige Praziquantel-Einnahme könnte dem durch Wurminfektion entzündeten Gewebe auch zusätzlich schaden. Dadurch steigt womöglich das Krebsrisiko.

Parasiten nachweisen

Über die Befallsrate von Fernreisenden gibt es keine genauen Daten. Infektionen bleiben oft lange symptomlos, der Betroffene merkt jahrelang nichts. Eine eindeutige Diagnose kann über das Auffinden der Wurmeier im Stuhl erfolgen oder über einen immunologischen Test - dem Nachweis von spezifischen Antikörpern im Blut des Patienten. In Ostasien tritt der von den Parasiten verursachte Gallengangskrebs häufig erst 30 bis 40 Jahre nach der Erstinfektion auf. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 3.12.2013)

Wissen

Frischer Fisch

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Frischer Fisch stinkt nicht. Penetranter Fischgeruch entsteht immer dann, wenn Tiere länger tot sind. Hauptverantwortlich ist die Chemikalie Trimethylamin, ein mikrobielles Abbauprodukt von Trimethylaminoxid, welches vor allem in Meeresfisch vorkommt. Trimethylamin ist an sich harmlos, aber die mit seiner Entstehung meist einhergehende, bakterielle Zersetzung von Proteinen setzt eine Reihe schädlicher Substanzen frei. Vor allem die Histamine führen manchmal zu Vergiftungsfällen.

Der Verderb von Fisch ist temperaturabhängig. Für eine kurzfristige Lagerung sind 0 Grad Celsius optimal - auf Eis also. Fettarme Fischarten wie Kabeljau und Zander sind unter solchen Bedingungen haltbarer als fettreiche Sorten wie zum Beispiel Makrelen oder Thunfisch.

Oft ist die Qualität von hierzulande im Handel angebotener oder in Restaurants servierter Ware mangelhaft, wenn auch nicht gesundheitsgefährdend. Um Probleme zu kaschieren, wird der Fisch häufig filetiert, so sind die Frischemerkmale (klare Augen, glänzende Schleimschicht, rote Kiemen) nicht mehr überprüfbar.

Tiefkühlfisch ist risikoarm. Längerfristiges Gefrieren bei Temperaturen um minus 18 Grad Celsius tötet zudem Würmer sowie deren Eier und Larven - ein klarer Vorteil für Liebhaber von rohem Fischfleisch. 

  • Karpfen aus asiatischen Gewässern können, roh verzehrt, Parasiten übertragen.
    foto: apa/thomas kienzle

    Karpfen aus asiatischen Gewässern können, roh verzehrt, Parasiten übertragen.

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