Sofortiges lautes Singen von Heimatliedern kann helfen

2. Dezember 2013, 20:36
6 Postings

Im Bozner Museion störte Klaus Pobitzer mit einer schrägen Soiree die Südtiroler Selbstzufriedenheit

Am Ende war Ratlosigkeit. Warum hatte der Künstler den wohlbeleibten Landeshauptmann denn mit einer anständigen Handvoll Schokoladencreme bestrichen? Weshalb gab er den umherstreichenden Affen Zucker? Und wozu trugen drei afghanische Asylwerber in Lederhosen hallengroß aufgespannte, afrikaschwarze Tiroler Schützen durch die Performance? Darüber rätselten tischweise gruppierte Fragmente der sozialen Installation Lumina nigra nach deren pappigem Ausklang.

Dabei hatte Klaus Pobitzer die Besucher gewarnt. Alle, die seiner schrägen Soiree unlängst im Bozner Museion beiwohnen wollten, waren gezwungen, eindeutig formulierte Warnhinweise zu unterschreiben: "Leiden oder neigen Sie zu Hysterie, Angstzuständen, leichter Erregbarkeit oder Überempfindlichkeit für Sinnesreize?", fragte das Enfant terrible (Achtung: Untertreibung!) der gelegentlich heimgeholten Südtiroler Exilkünstlerszene. Und empfahl umgehend bei Widersprüchen oder zu schnell gesetzten ästhetischen Reizen Amphetamintabletten oder das "sofortige laute Singen eines Heimatliedes" als Kur.

Dabei wäre Verstörung, möchte der auswärtige Besucher meinen, doch eigentlich ein probates Mittel gegen das intellektuelle Prekariat einer regionalistischen Selbstgehirnwäsche, die in dieser Gegend ein beförderndes Habitat findet. Aber, Pobitzers Landeshauptmann kontert entwaffnend: "Mir sein mir. Weil wenn mir nit mir waren, dann waren mir nit mir und vielleicht andere. Andere? Nana. Nit andere. Mir." Am selbstsicheren Südtiroler Wesen soll die Welt genesen, so viel steht fest. Darüber muss man gar nicht lange nachdenken. Und das wird auch ewig und drei Tage so bleiben.

Und selbst so etwas wie die Globalisierung wird nichts daran ändern, dass die ortsansässigen Wasteln das ethnische Apportel bringen, sobald nur der richtige Pfiff ertönt. Das mögen auch Pobitzers schwarze Schützen zeigen, die, wie es der Zufall so will, in eine erregte Debatte darüber marschieren, ob das Tiroler Schützenwesen tatsächlich Schwarze (im konkreten Fall: Brasilianer) verträgt.

Eine Frage, die andernorts für relativ belanglos angesehen werden würde, sorgt südlich des Brenners, wo jeder sich gegen jeden abzugrenzen genötigt fühlt, beinahe für solchen Aufruhr wie jener abgehangene Kippenberger-Frosch am Jesuskreuz, der das Museion seinerzeit an den Rand der Erstürmung durch die Reaktion gebracht hat. Schön, dass der einzige Ort für moderne Kunst in Südtirol wieder für Ratlosigkeit sorgt. Das könnte die Gegend öfter brauchen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 3.12.2013)

  • Schwarze Schützen: "Mir sein mir, weil mir mir sein."
    foto: klaus pobitzer

    Schwarze Schützen: "Mir sein mir, weil mir mir sein."

Share if you care.