Mr. Undercover - Klischees und Vorurteile

Kommentar2. Dezember 2013, 12:47
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"Undercover Boss" im ORF: Eine als Reality-TV getarnte kostenlose Werbeeinschaltung für Unternehmen - gespickt mit Vorurteilen und Klischees

"Sie sind smart. Sie sind erfolgsverwöhnt. Sie gehören zu den Top-Managern des Landes." So erdröhnt die Sprecherstimme der neuen ORF-Serie "Undercover Boss" stets am Anfang jeder neuen Folge. Die Leiter bekannter österreichischer Unternehmen unterziehen sich hier eines sogenannten Makeovers und in verrichten eine Woche "unerkannt" Praktikanten-Arbeit in verschiedenen Abteilungen ihres eigenen Unternehmens. Alles Männer, versteht sich.

Vom Büro zur Baustelle

Hierbei wird nicht darauf vergessen, zu betonen, wie fern den CEOs die körperliche Arbeit liegt und wie schwierig die Umgewöhnung von Büro zu Baustelle wird. Meist verbringen die Chefs zur Sicherheit noch "in Ruhe eine Woche daheim bei den Lieben", bevor sie in den harten Arbeitsalltag ihrer Firma einsteigen.

Vom Unterschreiber zum Unterschichtler

Auch wird penibel darauf geachtet, die Bosse für ihre Mitarbeiter unkenntlich zu machen: Was käme da gelegener, als abgegriffene "Unterschichtler"-Klischees? "Jung gebliebener Alt-Hippie", "Biker" und "Gemeindebau-Mundl" stehen da etwa genauso im Repertoire wie schlicht "Bartträger". (Stereo-)Typen, die offenbar unmöglich erfolgreiche Geschäftsmänner sein können. "Sieht so etwa der Boss einer 1050-Mann-Firma aus?", kommentiert der Sprecher aus dem Off. Naja, wie ein "Sandler daherkommen und dann geschäftlich verhandeln" geht eben nicht, erklärt Fussl-Chef Ernst Mayr gegenüber den OÖN.

Vom Big Brother zum Big Father

Die scheinheiligen Anlässe für das Konzept der Show: Die Bosse sollen an eigenem Leib erfahren, wie es sich anfühlt, in ihrer Firma zu arbeiten. Sie wollen aus erster Hand Feedback, Kritik und Verbesserungsvorschläge bekommen, die Prozesse innerhalb der Unternehmen besser verstehen und so optimieren können. Und die Untergebenen ein bisserl ausspionieren - eh klar. Und welches Medium könnte für diese Anliegen schon besser geeignet sein als Reality-TV? Qualitätskontrolle à la Big Brother.

Jeder Schritt ein Fehltritt

Ab hier wird es schwierig mit der geordneten Aufzählung aller Absurditäten dieses Formats - jeder Schritt ist ein Fehltritt. Das Setting ist unglaubwürdig: Erstens, weil sogennantes "Reality-TV" generell skeptisch zu betrachten ist. Und zweitens, weil Mitarbeitende wohl bestimmt Verdacht schöpfen würden – besonders, wenn derart ungewöhnliche Ein-Tages-Praktika mit Kamerabegleitung anstehen. Weiters ist diese "Wallraff von oben"-Methode in Zeiten von Kapitalismus und Überwachung höchst problematisch und unethisch. Von den sentimentalen, mit Schmalzmusik unterlegten Zeitlupen-Einstellungen, die am Ende bei der "Auflösung" der Scharade Ekelgänsehaut erzeugen, gar nicht zu sprechen. Der Zynismus, mit dem die Bosse so am Ende als unfassbar großzügige, einsichtige und selbstlose Herren inszeniert werden, ist unerträglich.

Quis custodiet ipsos custodes?

An dieser Stelle sollte auch Folgendes erwähnt werden: Der ORF drehte auch eine Folge mit dem Chef der weltweit sehr stark umstrittene Sicherheitsfirma G4S, gegen die die Korruptionsanwaltschaft gerade ermittelt. Dieser Umstand ist bezeichnend für die Entwicklung des ORF: Statt Investigativjournalismus gibt’s hier in der Prime-Time lieber als Reality-TV getarnte einstündige Werbeeinschaltungen. Angesichts der von dossier.at veröffentlichten Entdeckungen zu katastrophalen Zuständen in Asylunterkünften – die teilweise auch von G4S geführt werden - ist so ein Format peinlich und geschmacklos. Auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit Bildungsauftrag gilt noch immer: Er sollte die Überwacher überwachen. Und nicht die Überwacher beim Überwachen unterstützten.

Wer wissen möchte, wie es beim Öffentlich-rechtlichen Fernsehen um die Qualität steht, braucht sich nicht umständlich zu verkleiden und undercover einzuschleichen. Man trägt die Nacktheit offen und stolz. (Olja Alvir, daStandard.at, 2.12.2013)

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Karl Steinmeyer, Geschäftsführer des Bauunternehmens HABAU, als Bauarbeiter "Frank Unterberger" mit Goldketterl und Flanellhemd.
    foto: orf

    Karl Steinmeyer, Geschäftsführer des Bauunternehmens HABAU, als Bauarbeiter "Frank Unterberger" mit Goldketterl und Flanellhemd.

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