Der Rilke-Weg bei Duino-Aurisina in Italien

2. Dezember 2013, 16:14
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Seit 1918 liegt Österreich nicht mehr an der Adria. Das bereitet bis heute Phantomschmerzen - gut zu spüren am Rilke-Weg

Es war im Sommer 1915, als Freiwillige des Triestiner k. u. k. Jungschützen-Bataillons die Klippen von Duino befestigten. Mit Gefechtsstellungen und Beobachtungsständen hoch oben an der Kante, wo der Karst ins Blau hinunter abbricht. Italien hatte Österreich-Ungarn im Mai den Krieg erklärt. Nun zementierten junge Männer im Alter von 16 bis 19 Jahren Befestigungsanlagen, um den Golf von Triest zu überwachen, während entlang des wenige Kilometer westlich in die Adria mündenden Isonzo der Gefechtslärm der ersten von insgesamt zwölf großen Schlachten tobte.

Was mag den jungen Triestinern dort oben durch den Kopf gegangen sein, auf den Klippen zwischen Duino und Sistiana, mit dem Meer vor Augen und dem Krieg im Rücken. Es ist einem - als in zweiter Generation ohne Krieg geborenem Mann - nicht vorstellbar. Es wird auch nicht greifbarer, geht man dort oben am Klippenabbruch entlang. Mit der Luft des Meeres im Gesicht und seiner tiefblauen Weite vor Augen.

Noch unbefestigte Klippen

Unablässig rauscht es. Nicht von der Adria herauf, sondern von der nur wenige hundert Meter entfernten Autobahn. Seit 1996 ist das Gebiet der Kalksteinfelsen Naturreservat und der Weg entlang der Klippen nach jenem Dichter benannt, der hier im Jännerwind des Jahres 1912 über noch unbefestigten Klippen die ersten Zeilen eines langen Gedichts gehört hatte: Rainer Maria Rilke.

Es war zweieinhalb Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Österreich lag noch am Meer: Zwölf Stunden und zehn Minuten betrug 1901 die Fahrzeit von Wien. Heute benötigt der Nachtzug mit Umsteigen in Udine insgesamt elf Stunden, die schnellste Tagesverbindung mit einem Streckenteil im Bus knapp acht Stunden.

Kein Wunder, dass ein Schloss wie jenes der Marie von Thurn und Taxis am äußersten Felsvorsprung der Duineser Klippen zu einem der Nervenzentren des Forschens, Dichtens und Musizierens wurde. Paul Valéry, Mark Twain und Victor Hugo waren hier ebenso Gäste wie Franz Liszt oder Johann Strauß.

1857 war die Strecke Wien-Triest eröffnet worden. Erst damit entstand die österreichische Riviera mit ihrem Zentrum Triest. Denn dass der Bruder von Kaiser Franz Joseph, Maximilian, von 1856 bis 1860 sein Schloss Miramare auf einer Felsklippe vor Triest erbauen ließ, war ebenso der Zuganbindung geschuldet wie viele weitere neuerbaute Villen der Adeligen und Reichen. Auf dem Reißbrett in Wien wurden Kurorte wie Abbazia (das heutige Opatija) entworfen, ebenso Porto Rose (Portoroz), Lovran oder Lussin (Losinj). Und dass die Südbahngesellschaft eigentlich Venedig als Hauptseehafen angesehen hatte und Teile des Streckennetzes nach dem Verlust Venetiens 1867 in Italien lagen, kümmerte die Kernaktionäre der Gesellschaft nicht besonders, hielten sie doch auch die Mehrheit der "Strade Ferrate Alta Italia", die diesen Teil des Streckennetzes übernahm. Die Landkarten des Kapitalismus waren damals schon unabhängig von Grenzen, Kriegen oder gar Menschenleben.

Rilke verbrachte Herbst, Winter und Frühling 1911/12 in Duino. Im Schloss der Marie von Thurn und Taxis versuchte er einen Neubeginn seines Schreibens zu finden. Hier, in "diesem immens ans Meer hingetürmten Schloss, das wie ein Vorgebirg menschlichen Daseins mit manchem seiner Fenster (darunter mit einem meinigen) in den offensten Meerraum hinaussieht, unmittelbar ins All möchte man sagen". In diesem Schloss, dessen zentraler Turm auf Resten eines römischen Wachturms aufbaut, hatte sich 1906 Ludwig Boltzmann erhängt. Thronfolger Franz Ferdinand sollte 1914 von hier aus nach Sarajevo reisen.

Zwei Jahre vor Rilkes Aufenthalt in Duino sind seine Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge erschienen. Eine Tagebucherzählung aus dem Paris der Industrialisierung. Hypnotisierend, zerrissen, voller Gerüche, Lärm und Beschleunigung. Ein Wachtraum ohne kontinuierliche Handlung, ohne einheitliches Erzählerbewusstsein aus der damals drittgrößten Stadt der Welt - ein Buch, das Zeugnis davon gibt, dass es im beständigen Kriegszustand der kapitalistisch-industrialisierten Welt keinerlei Rückzug geben kann, keine Idyllen und auch keinen Himmel mehr als letzte Ausflucht.

Im Jahr 1916, nicht zuletzt mit dem Ersten Weltkrieg als erstem mechanisierten Bomben- und Giftgas-Inferno, sollte der ungarische Philosoph Georg Lukács das Bewusstsein solcher Ausgesetztheit als "transzendentale Obdachlosigkeit" beschreiben. Bei Rilke war sie 1910 bereits spürbar. Genauso wie man auch den Schlachtenlärm am Isonzo bereits vorhallen hört, wenn man heute den Beginn seiner Duineser Elegien liest. Jenen ersten Satz, von dem es heißt, Rainer Maria Rilke habe ihn auf einer seiner Wanderungen entlang der Klippen gehört.

Er war keine Einbildung, keine bloße Kopfgeburt, er stammte aus einer Wirklichkeit, in der längst ein ganz anderer Krieg mit den Menschen geführt wurde. Einer, der keine elegant formulierten Kriegserklärungen von Außenministern brauchte, die sich darin bemüßigt fühlten, sich "die Ehre zu geben", im Namen Ihrer Majestäten zu proklamieren, dass man sich mit dem adressierten Staat ab dem nächsten Tag zur Mittagszeit in Kriegszustand befände.

Erhörung ohne Errettung

"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?", lautete Rilkes Frage, die er im Wind des Jänners 1912 über den Klippen hörte. Und er beantwortete sich diese in den darauffolgenden Zeilen mit der schlafwandlerischen wie albtraumhaften Gewissheit eines Menschen, dessen Welt und Existenz ihm zeigt, dass Erhörung längst nicht Errettung bedeutet, möglicherweise sogar deren Gegenteil. Ganz gleich, um welche Erhörungen es sich auch handelt: "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir grade noch ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören."

So liegt einem das Meer in Duino zu Füßen, betörend blau ist es und weit. Der Wind rauscht über die Stauden, und hinter dem Wind rauscht die Autobahn. Am Weg des Dichters recken Eidechsen ruckartig die Köpfe, und zwischen den Kriegsstellungen von damals taucht die "Snack-Bar Rifugio Rilke" am Wegrand auf.

Elf von zwölf Schlachten lang bewegte sich die Front am Isonzo, mit Ausnahme des italienischen Prestigeerfolgs der Einnahme von Gorizia/Görz, nur über wenige Kilometer hin und her. Hunderttausende Menschen starben dabei. Vermutlich auch etliche der jungen Triestiner, die 1915 die Klippen von Duino befestigten.

Erst mithilfe massiven Giftgaseinsatzes, den Kaiser Karl I. genehmigte, durchbrach die k. u. k. Armee 1917 die italienischen Stellungen am Isonzo, überschritt den Tagliamento und drang bis an den Piave vor. Am Ausgang des Krieges änderte das nichts. Vielmehr verstärkte sich sogar das italienische Übergewicht an "Soldaten-Menschenmaterial pro Frontkilometer" aufgrund der damit erfolgten Frontbegradigung.

Ein Jahr später lag Österreich nicht mehr am Meer. Kaiser Karl hingegen wurde 2004 seliggesprochen. "Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf", schrieb Rainer Maria Rilke darüber, was er im Winter 1912 entlang der unbefestigten Klippen hörte: "... wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht mehr sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt."

Postskriptum: Seit 2013 ist der "Sentiero Rilke" sowohl von Sistiana als auch von Duino lediglich an den Anfangsstücken noch begehbar, wenige hundert Meter lang. Der Hauptteil des Klippenweges befindet sich in Privatbesitz, wie einem nunmehr schwere Baustellengitter als Absperrungen unmissverständlich mitteilen. (Martin Prinz, DER STANDARD, Album, 30.11.2013)

Als Alternative zum gesperrten Rilke-Weg bieten sich entlang und hinter der italienischen Adria-Küste einige Abschnitte des grenzüberschreitenden "Weg des Friedens" an. So führt eine Route von Duino über Monfalcone, den Monte San Michele und dann - auf slowenischer Seite - über Krompirjeva Jama zurück nach Sistiana. Auch entlang dieses Weges befinden sich Freilichtmuseen und Denkmäler, die mit dem Ersten Weltkrieg in Zusammenhang stehen. Die gesamte Runde ist - je nach Kondition - zu Fuß in zwei bis vier Tagen zu bewältigen. Online-Karte unter: www.potmiru.si - Unterkünfte unter: http://fvg.info

  • 1911/12 weilte Rainer Maria Rilke im Schloss Duino. Auf dem Klippenweg, der nach ihm benannt wurde, hörte er die ersten Zeilen für seine "Duineser Elegien".

    1911/12 weilte Rainer Maria Rilke im Schloss Duino. Auf dem Klippenweg, der nach ihm benannt wurde, hörte er die ersten Zeilen für seine "Duineser Elegien".

  • Schwerpunkt: Gedenkjahr 1914
    grafik: der standard

    Schwerpunkt: Gedenkjahr 1914

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