Spuren zum Ersten Weltkrieg im Sočatal

3. Dezember 2013, 16:45
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Im slowenischen Sočatal führen viele "Wege des Friedens" zu den noch immer präsenten Spuren des Ersten Weltkriegs

Am Kolovrat, einem steilen Bergrücken im slowenischen Sočatal, klaffen bis heute Wunden. Einige tragen bereits Grasnarben, andere heilten nie ganz und blieben so tief, dass ein Mensch darin fast zur Gänze verschwindet. So wie in diesem Moment ein älterer italienischer Wanderer, von dem nur noch der Kopf zu sehen ist und der seinen Stock in die laubbedeckte Grasnarbe bohrt, damit er Halt auf dem rutschigen Untergrund bekommt. Mit der anderen Hand führt der Mann sein Enkerl durch die langgezogenen Erdgräben und beginnt mit gedämpfter Stimme zu erklären. Die beiden gehen weiter und verschwinden schließlich ganz im Bauch des Berges.

Zwei österreichische Wanderer folgen ihnen durch die Schützengräben, die von der italienischen Armee während des Ersten Weltkriegs als Teil der dritten Verteidigungslinie entlang der Isonzofront im heutigen Slowenien angelegt wurden. Es ist ein verzweigtes System hier heroben, aus Beobachtungsposten, Laufgräben, Kanonenstellungen und Kavernen, die den Kolovrat bis heute entstellen. An der Ostseite des Kamms klafft ein Loch, durch das der Opa mit seinem Enkerl an diesem sonnigen Spätherbsttag ins düstere Innere des Bergs gelangte.

Eine Wendeltreppe führt abwärts in stockdunkle Gänge und Kavernen, in denen vor einhundert Jahren freilich kein Smartphone gezückt werden konnte, um sie notdürftig auszuleuchten. Nach zwei Biegungen im Tunnel dringt wieder Tageslicht, hell und scharf abgegrenzt wie ein Scheinwerferkegel, in den Bunker. Durch dessen Ausguck erspähen die irritierten Augen weit drüben das Krn-Gebirge und steil unten die unwirklich smaragdfarbene Soča zwischen Kobarid und Tolmin. Es ist ein friedliches Bild, gerahmt in Beton aus dem "Großen Krieg". Als "Wunder von Karfreit" wurde der Einsatz von Giftgas hinter Kobarid, der im Oktober 1917 kurz zum Durchbruch der Mittelmächte an der Isonzofront führte, von der österreichischen und deutschen Geschichtsschreibung lange beschönigt. Als sprichwörtliches "Caporetto" - der italienische Name für Kobarid - bezeichnen noch heute manche Italiener einen großen Verlust.

Kommentierte Schauplätze

Seit 2007 ist der Kolovrat Teil eines Netzwerks aus Freilichtmuseen, die in Slowenien zum Pot miru, dem "Weg des Friedens", zusammengefasst wurden. Dabei handelt es sich nicht um einen durchgängigen Wanderweg, der direttissimo von A nach B führt, sondern um einen Verbund von kommentierten Schauplätzen des Ersten Weltkriegs. Entstanden ist das Projekt aus dem gebündelten Interesse der zahlreichen Vereine für regionale Geschichte - und natürlich aus dem Interesse lokaler Tourismusbüros an längeren Saisonen. Mittlerweile ist es auch grenzübergreifend und reicht im Süden bis nach Duino und Triest.

Im April 1998 erschütterte ein starkes Erdbeben Kobarid und ließ viele zerstörte Häuser zurück. Darunter auch das heutige Informationszentrum der Stiftung "Wege des Friedens im Sočatal", das nach dem Beben vom slowenischen Kulturministerium erworben und restauriert wurde. Der Historiker Tadej Koren arbeitet dort seit 2002 und äußert sich so über die Tätigkeit: "Viele Möglichkeiten, im Tal Arbeit zu bekommen, gibt es nicht für Historiker, nach dem Studium kommen nur wenige junge Menschen zurück." Doch er selbst beschäftigte sich in seiner Dissertation mit dem "lokalen Gedächtnis in Bezug auf den Ersten Weltkrieg im Sočatal" zu einem wichtigen Moment: Die letzten Zeitzeugen aus dem Tal waren verstoben.

Koren erklärt die Doppelfunktion des Zentrums: Für Besucher ist es Anlaufstelle mit allen Infos und Karten zu den Pot-miru-Stationen, ähnlich einem Nationalparkzentrum. Den Einheimischen dient es vorwiegend als Dokumentationsarchiv - die Leben von rund zehn Prozent der Bevölkerung Kobarids und der umliegenden Dörfer wurden während des Ersten Weltkriegs ausgelöscht.

Ein Museum im klassischen Sinn ist das Gebäude der Stiftung nicht, ein solches liegt auf der anderen Seite der Straße und dokumentiert die Jahre des Krieges mit Fundstücken, Ton- und Bildaufnahmen. Bereits 1993 erhielt das Haus für sein Konzept den renommierten Museumspreis des Rats der Europäischen Union.

Zurück im Infozentrum, deutet Koren auf ein stark vergrößertes Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1917, das eine Vorgelperspektive auf die Flanken des Krn gewährt. Der harte Kontrast verstärkt die Wirkung der frisch von Soldaten in den Fels geschlagenen Fahrstraßen und Klettersteige, die dem stolzen Berg das Antlitz eines Geschändeten gaben. "Ist es nicht paradox", sagt Koren, "über diese Wege gelangte damals nur Verderben ins Tal - heute benutzten sie Wanderer, unterwegs in ein Idyll."

Geheilt und dekoriert

Einer dieser längst verheilten Pfade führt hinter Tolmin auf die Alm Polog. Der Wiener Maler und Bühnenbildner Remigius Geyling, zur Zeit des Krieges Oberleutnant in der österreichisch-ungarischen Armee, ließ dort in acht Monaten des Jahres 1916 einen ungewöhnlichen Sakralbau aus Lärchenholz errichten. In ihrem Inneren birgt die Heiliggeist-Gedenkkirche von Javorca die in Eichentafeln gebrannten Namen von 2564 Gefallen. Dekoriert wurde das Sterben mit seltsam vertrauten und doch auf Almen völlig fremden Elementen des Jugendstils. Dessen Blütezeit war während des Baus freilich längst vorüber, der Krieg war es noch nicht. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, Album, 30.11.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt vom Slowenischen Tourismusbüro.

  • Auf dem Kolovrat: Der Blick auf den Krn, ein Idyll. Gerahmt ist es vom Beton eines Bunkers, der im Ersten Weltkrieg auf diesem Gebirgskamm entstand.
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www.potmiru.si
    foto: sascha aumüller

    Auf dem Kolovrat: Der Blick auf den Krn, ein Idyll. Gerahmt ist es vom Beton eines Bunkers, der im Ersten Weltkrieg auf diesem Gebirgskamm entstand.

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  • Die Heiliggeist-Gedenkkirche von Javorca.
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    Die Heiliggeist-Gedenkkirche von Javorca.

  • > Schwerpunkt: Gedenkjahr 2014
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    > Schwerpunkt: Gedenkjahr 2014

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