Niederlande schlittert tiefer in die Krise

29. November 2013, 18:45
107 Postings

Die Niederlande kommen aus ihrer Talfahrt nicht heraus. Ökonomen machen die harten Einsparungen und die überschuldeten Haushalte verantwortlich

Wien - Es war ein hartes Match: In den Krisenjahren 2009 und 2010 lieferten sich Österreich und die Niederlande ein Dauerduell in der europäischen Arbeitslosenstatistik, welches Land die niedrigste Arbeitslosenquote ausweist. Die Niederlande hatten die Nase vorn. Wie im Rest Europas stieg die Zahl der Arbeitslosen zwar auch in dem Benelux-Land an. Die Entwicklung war aber ebenso wie in Österreich weniger dramatisch als im Rest Europas. Drei Jahre später ist die Lage völlig anders.

Während Österreichs Arbeitslosenrate im europäischen Vergleich mit 4,8 Prozent weiter niedrig ausfällt, sind die Niederlande im Ranking abgestürzt. Sieben Prozent der Bevölkerung hatten im Oktober 2013 keinen Job, im kommenden Jahr dürfte die Arbeitslosenrate auf acht Prozent klettern - eine Verdoppelung seit 2009. Zudem macht das Land die dritte Rezession seit 2008 durch.

Schrumpfende Wirtschaft

Die Wirtschaft dürfte heuer laut EU-Kommission um ein Prozent schrumpfen und im kommenden Jahr kaum wachsen. Aufgrund dieses tristen Ausblicks entzog am Freitag die Ratingagentur Stan- dard & Poor's den Niederlanden das Top-Rating, S&P bewertet das Land nur mehr mit "AA". Bei S&P genießen in der Eurozone damit nur noch Deutschland, Luxemburg und Finnland die höchste Bonitätsnote. Während das Downgrade Investoren nicht beeindruckte - die Niederlande können sich weiter günstig am Markt refinanzieren - dürfte der Entscheid die Debatten im Land über die Sparpolitik der Regierung anfachen.

Zunächst zur Ausgangslage: In den Niederlanden sind die Häuserpreise seit der Jahrtausendwende rasant gestiegen. Viele Bürger haben sich mit billigen Krediten verschuldet. Seit Platzen der Blase sind die Häuserpreise um 23 Prozent gefallen. Haushalte und Unternehmen sitzen auf einem gigantischen Schuldenberg, der sich auf 219 Prozent der Wirtschaftsleistung beläuft, das ist einer der höchsten Werte in der EU. Gemessen am verfügbaren Einkommen sind die Niederländer laut Währungsfonds sogar das am meisten verschuldete Land in der Eurozone. Diese Entwicklung belastet den Konsum, der seit 2008 regelrecht eingebrochen ist.

Unzählige Sparpakete

Nach Ansicht der meisten Ökonomen hat der Sparkurs der aus Rechtsliberalen und Sozialdemokraten bestehenden Koalition unter Premier Mark Rutte diese schwierige Lage weiter kompliziert. Seit 2009 haben die Niederlande unzählige Sparpakete aufgelegt. Allein im kommenden Jahr sollen sechs Milliarden Euro weggekürzt werden - neben einer Nulllohnrunde für Beamte werden auch Sozialleistungen gestrichen. "Aus heutiger Sicht werden sich die Einsparungen zwischen 2009 und 2017 auf 50 Milliarden Euro summieren", sagt der niederländische Ökonom Dimitry Fleming von der ING-Bank, "diese Ausgabenkürzungen verunsichern die Konsumenten weiter und sorgen dafür, dass Unternehmen kaum investieren wollen."

Das Wirtschaftsforschungsinstitut CPB in Den Haag kritisierte erst im März den Sparkurs der Regierung scharf: Die Einschnitte inmitten der wirtschaftlich schwierigen Zeit seien mit ökonomischem Sachverstand nicht begründbar. Allerdings kommt die Regierung von der Sparwelle nur schwer herunter: "Wir haben uns ja gegenüber der EU verpflichtet, das Defizit bis 2014 unter die Dreiprozentmarke zu drücken", sagt Ökonom Fleming. "Aber mindestens genauso wichtig ist, dass wir unser Gesicht wahren wollen: Die Niederlande haben in den vergangenen Jahren ständig die Griechen und andere Südländer kritisiert, wenn sie die Budgetvorgaben verfehlten. Nun soll uns nicht dasselbe passieren." (András Szigetvari, DER STANDARD, 30.11.2013)

  • Steigende Arbeitslosigkeit, schrumpfende Wirtschaft: Trübe Aussichten für die Niederlande.
 
    foto: ap/dejong

    Steigende Arbeitslosigkeit, schrumpfende Wirtschaft: Trübe Aussichten für die Niederlande.

     

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.