Es ist Krieg, und "einer versteht den anderen nicht"

29. November 2013, 19:24
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Wichtige Befehle wurden in der k. u. k. Armee auf Deutsch gegeben. Für alles Weitere galten die Regimentssprachen - zwölf an der Zahl. Eine Historikerin erforscht, wie das Kommunizieren trotzdem klappte.

Im Kampfgraben alarmierte ich dann das Bataillon. Jeder Mann sollte mir im Vorbeigehen seine Nationalität nennen. (...) Tscheche, Tscheche, Pole, Italiener, Deutscher, Pole, Tscheche, Tscheche, Pole, Pole, Italiener! Einer versteht den anderen nicht, der Kompanieführer versteht nur Deutsch! Nachdenklich ging ich in dieser Nacht heim." Der da ins Grübeln geraten war, hieß August Urbanski, österreichisch-ungarischer Offizier und vor dem Weltkrieg Militärgeheimdienstchef.

Tamara Scheer ist auf das unveröffentlichte Manuskript seiner Lebenserinnerungen gestoßen. Die am Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft tätige Historikerin beschäftigt sich im Zuge eines Projekts mit dem Sprachenwirrwarr in der österreichisch-ungarischen Armee. The Language Question in Habsburg Army (1868-1914): The Hope for Unification and the Fear of Disintegration lautet der Titel.

80 Befehle auf Deutsch

"Man kann bei dem Thema aus dem Vollen schöpfen", sagt Scheer, die unter anderem Tagebücher, Broschüren, Dokumente und Briefe sichtet. Sie fand bereits heraus, dass Offiziere - theoretisch - gleich mehrere Sprachen hätten beherrschen sollen: Zwar gab es nur eine Kommandosprache, nämlich Deutsch, und diese umfasste rund 80 kurze Befehle, die jeder Soldat im Zuge der Ausbildung gelernt haben sollte.

Doch brachten es zwölf Sprachen zu Regimentssprachen: Wenn in einem Regiment ein Fünftel oder mehr Soldaten über eine gemeinsame Muttersprache verfügten, hatten sie das Recht darauf, vom Offizier in dieser Sprache ausgebildet zu werden. Neben Deutsch, Ungarisch und Tschechisch galten Italienisch, Kroatisch, Rumänisch, Ruthenisch (Ukrainisch), Serbisch, Bosnisch beziehungsweise Serbokroatisch, Slowakisch und Slowenisch als Regimentssprachen. Von rund 300 Truppenkörpern waren im Sommer 1914 mehr als die Hälfte zweisprachig, in 24 galten drei, in einigen sogar vier Sprachen.

Gingen da vielleicht wichtige Befehle im Krieg ins Leere? Entschied manche Schlacht gar ein Verständnisproblem? Scheer sagt, dafür habe sie bisher keinen Beleg gefunden. Nachweise für größere Desertionsbewegungen, die im Zusammenhang mit Sprachproblemen gestanden sein könnten, sind der Historikerin bislang auch nicht untergekommen. Die Sorge darum, aber sehr wohl.

So notierte Oberst Anton Freiherr von Lehár, Bruder des Komponisten Franz Lehár: "Mir ging es noch leidlich, da ich ja Ungarisch sprach und auch noch einige slawische Kenntnisse aus meiner Prager Zeit hatte" - doch "fast ein Drittel der Offiziere" sei nur des Deutschen mächtig gewesen, und eine italienischsprachige Kompanie habe gar kein Wort Deutsch verstanden. Als diese in einer Gegend zum Einsatz kam, in der rundherum Italienisch gesprochen wurde, notierte Lehár stolz: "... trotzdem ist nicht ein Mann hinübergegangen".

"So durchmischt"

Wenn ein Offizier einer Sprache nicht mächtig war, musste er jemanden auftreiben, der übersetzen konnte - was wohl in den meisten Fällen klappte. "Die Sprachgewohnheiten waren so durchmischt, dass es dann doch funktionierte", sagt Scheer. Interessant auch, wie man mit dem Vorhandensein so vieler Sprachen während des Ersten Weltkriegs bei der Post umging: Anfangs seien viele Briefe von der Front nicht oder nur stark geschwärzt angekommen, schildert Scheer. Man habe lieber zu viel als zu wenig zensiert, wenn man etwas nicht verstand. "Auch bei der Zensur fehlte anfangs die Mehrsprachigkeit", sagt Scheer, "das änderte sich dann aber."

Das Prinzip Mehrsprachigkeit setzte sich auch in anderen Belangen durch: So wurde eine weitverbreitete Broschüre über den Schutz vor Syphilis mehrfach übersetzt. Und in Bordellen war es laut Scheer üblich, die Hygienevorschriften in allen Regimentssprachen zu plakatieren. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 30.11.2013)

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