1914: Wir fühlten dunkel, dass es so kommen würde

Kommentar der anderen29. November 2013, 18:51
39 Postings

Die Sozialdemokraten konnten die rasende Fahrt ins große Blutbad nicht stoppen. Sie waren zu verzagt, pessimistisch und blind

Christopher Clark hat jüngst in seinem Buch über die Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges die These aufgestellt, dass eine genauere Analyse der europäischen Politiker, Diplomaten und wirtschaftlichen Schlüsselakteure angesichts der multiplen Krisen und Kriege im Vorfeld von 1914 zeige, dass sich diese wie Schlafwandler verhalten hätten. Gilt seine Schlafwandler-These auch für die Partei Victors Adlers, die SDAP?

Nachdem die reichsdeutsche sozialdemokratische Partei 1875 gegründet worden war, folgte um die Jahreswende 1888/1889 im niederösterreichischen Hainfeld der Beschluss über das Gründungsprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs ?SDAP?. Deren führender Kopf Victor Adler hatte es ausgearbeitet. In der "Prinzipienerklärung" hielt man fest, dass dem wissenschaftlichen Sozialismus die wesentliche Rolle im Klassenkampf und bei der Befreiung des Proletariats zukommen müsse. Des Weiteren wurde auch die Umwandlung des Heeres in ein Milizsystem gefordert, denn die Ursache der beständigen Kriegsgefahr sei im stehenden Heer zu suchen.

Anlässlich der Internationalen Konferenz der Sozialisten in Brüssel am 12. Oktober 1908, die infolge der Annexionskrise von Bosnien-Herzegowina einberufen worden war, betonte Adler im Namen der österreichischen Sozialdemokratie die entschiedene Ablehnung der Annexion und unterstrich das Recht auf die Eigenständigkeit aller Balkanvölker. Wenige Monate später bekräftigte er seine Haltung in einer Friedenskundgebung im Abgeordnetenhaus am 26. März 1909 und betonte nachdrücklich, dass die Sozialdemokraten keinen Krieg wollten.

Adler bestätigte damit die Beschlüsse, die ein Jahr zuvor gefasst wurden. Denn schon am Stuttgarter Kongress der Zweiten Sozialistischen Internationale im Jahr 1907 stand die Frage des Militarismus und der internationalen Konflikte als erster Punkt auf der Tagesordnung. Nach heftigen Debatten, vor allem zwischen der deutschen und französischen Delegation, hatte man sich einstimmig dazu bekannt, dass im Kriegsfalle die arbeitenden Klassen und ihre parlamentarischen Vertreter in den betroffenen Ländern verpflichtet seien, alles zu tun, um durch die ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel einen Kriegsausbruch zu verhindern.

"Gewaltigste Erschütterung"

Als einer von Wenigen erkannte der herausragende Intellektuelle der österreichischen Sozialdemokratie Otto Bauer schon im Verlauf des Balkankrieges 1912 das immense Gefahrenpotenzial, das die Krisenregion in sich barg. Er schrieb: "Sind Deutschland, Frankreich und England einig, dann diktieren sie den Frieden. Sind sie es nicht, dann droht die Gefahr, dass der Zusammenbruch der Türkei nach kurzem Zwischenspiel zum Weltkrieg führt. Dann war der Balkankrieg nur das kleine Vorspiel furchtbarster Kriegsgräuel, dann naht der ganzen kapitalistischen Welt die gewaltigste Erschütterung."

Das Unheil nahm mit der Ermordung Erzherzog Franz Ferdinands seinen Anfang. Der Sozialdemokrat Julius Braunthal schilderte die damalige Stimmungslage seiner Parteigenossen angesichts des Attentats: Zwar hätte die Nachricht wie ein Blitz eingeschlagen, aber großes Bedauern sei nicht zu spüren gewesen. Zu sehr hätte der Thronfolger das reaktionäre Element in der Innenpolitik und einen aggressiven Kriegswillen in der Außenpolitik verkörpert. Aber sollte man angesichts der Kriegspartei am Wiener Hof erleichtert sein? Würde dieser radikale Flügel den Fürstenmord zum Anlass für einen Krieg gegen Serbien nehmen? "Es schien uns unvorstellbar, dass Millionen sterben sollten, um den Tod eines Mannes zu sühnen, der stets bereit war, Millionen in den Tod zu schicken. Eine absurde Vorstellung. Und doch fühlten wir dunkel, dass es so kommen würde."

In den sozialistischen Parteien weltweit dachte niemand ernstlich daran, dass Deutschland wegen Österreichs Lokalkonflikt mit Serbien einen Krieg gegen Russland und damit gegen Frankreich und England riskieren würde. In Österreich hingegen schätzten viele Sozialisten die Lage wesentlich dramatischer ein. Der anhaltende Nationalitätenkonflikt und der nur oberflächlich kalmierte Balkan ließen - so Braunthal - das Gefühl aufkommen, dass sich die Spannungen "in einer katastrophalen Explosion lösen" könnten.

Am 28. Juli 1914 trat nun das wirklich ein, was sich keiner so recht hatte vorstellen wollen: Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg, und Kaiser Franz Joseph vertraute in seinem Manifest darauf, dass seine Völker für die Ehre, die Größe und die Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern bereit sein würden. Die Parteivertretung der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei appellierte: "Arbeiter und Arbeiterinnen! Bleibt treu eurer Sache, treu der Sache des arbeitenden Volkes! Dann werden wir nach dem Krieg stark genug sein, dafür zu sorgen, dass das neue Österreich werde, was es sein soll: Heimstätte freier Völker, ein fruchtbarer Boden für die befreiende Arbeit des Proletariats."

Unwilliger Adler

Am 29. Juli 1914 versammelten sich führende Sozialdemokraten Europas zur vom Internationalen Sozialistischen Bureau (?ISB)? nach Brüssel einberufenen Sitzung. Dort stießen die Aussagen Adlers die Teilnehmer vor den Kopf. Denn er hatte ohne Umschweife erklärt, dass seine Partei dem Krieg Österreichs gegen Serbien aufgrund des Ausnahmegesetzes vom 25. Juli 1914 nichts entgegensetzen und nur darauf bedacht seien könne, die bestehenden Arbeiterorganisationen zu retten.

Wenige Tage später in Wien erinnerte Adler an den Verlauf der Sitzung des ISB, wo man noch hoffte, einen Krieg hintanzuhalten. Er sprach über den furchtbaren Konflikt, der den deutschen und österreichischen Proletariern auferlegt sei, denn man könne den Millionen von Proletariern im Feld jene Mittel nicht verweigern, um sich selbst zu wehren und zu verhindern, dass der Krieg auf eigenem Boden geführt werde.

Im Rückblick resümiert Julius Braunthal, dass das Unvermögen der europäischen Sozialisten, vor allem der österreichischen, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, ein wahres Verhängnis gewesen sei. Hätten die Österreicher die Zweite Sozialistische Internationale rechtzeitig gewarnt, dann wäre es vielleicht möglich gewesen, eine gemeinsame mächtige Widerstandsbewegung gegen die Kriegsgefahr zu entfesseln.

In einem indirekten Sinne kann man die Partei Adlers im Juli 1914 somit sehr wohl als politisch somnambul bezeichnen. Sie hatte allzu große Hoffnungen in den Zusammenhalt der sozialistischen Parteien Europas gesetzt und mit deren Unterstützung von außen für das gerechnet, was man innenpolitisch unter dem Diktat des Ausnahmegesetzes nicht durchsetzen konnte. Die Juli-Krise verlief so in zutiefst Musil'scher Ironie als "Gefilz" von Zuversicht und Verzagtheit, politischen Kalkülen und Fehleinschätzungen, euphorischer Friedensillusion und tiefem Pessimismus. Dieses Gefilz bestimmte die hohe Politik ebenso wie die Sozialistische Internationale. Adlers innigste Hoffnung, einen Krieg vermeiden zu können, war endgültig an der "Realpolitik" der Monarchie und der Großmächte gescheitert. (Lutz Musner, DER STANDARD, 30.11.2013)

Lutz Musner war stellvertretender Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. Seit Juli 2013 ist er Mtarbeiter des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung.

  • Artikelbild
Share if you care.