Als es selbst dem Planeten Mars zu bunt wurde

29. November 2013, 18:21
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Das berühmteste Lesedrama der Neuzeit stammt von Karl Kraus. Die satirische Chronik "Die letzten Tage der Menschheit" bildet die untröstliche Abrechnung mit der Unmoral des Ersten Weltkriegs

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Bumsti: Der Satiriker Karl Kraus (1874-1936) widmete dem Ersten Weltkrieg eine völlig neue Form der Mitschrift. Die letzten Tage der Menschheit bestehen aus 200 lose miteinander verknüpften Szenen. Jede einzelne belegt, warum es sich bei diesem Krieg um eine qualitativ neue Form des Menschheitsverbrechens handelte. Kraus tat nicht viel mehr, als zu zitieren. Meistens reichte es schon aus, den Wortlaut, der in den Zeitungen stand, wiederzugeben. Die kriegslüsternen Eliten der Mittelmächte trugen ihr Herz auf der Zunge. "Bumsti!", ruft ein habsburgischer Erzherzog aus. Seine Beschränktheit hat ihn nicht davor bewahrt, Oberkommandierender der österreichisch-ungarischen Streitkräfte zu werden. Das denkwürdige "Bumsti" entfleucht ihm, als ihm im Kino ein Film mit mörderischem Artilleriefeuer gezeigt wird.

Etappe: Die Schauplätze der Letzten Tage der Menschheit befinden sich nur in Ausnahmefällen im Kampfgebiet. Das bevorzugte Gelände für Kraus' umfassenden Lauschangriff ist das Hinterland. Mit der proportionalen Abnahme der Gefahr für Leib und Leben nimmt das Maulheldentum zu. Die Szenen spielen häufig in den Vorzimmern der Macht, in Ministerialbüros, in Zeitungsredaktionen. Das gewisse Etwas der kakanischen Beamten erschöpft sich in der nachlässigen Höflichkeit, mit der sie ihre Mitmenschen schikanieren: "Djehre!" (so viel wie: "Habe die Ehre!")

Friedenswinselei: Ihrer machen sich Menschen wie Karl Kraus schuldig, die in den patriotischen Wallungen ihrer Mitbürger nur Bestialität erkennen. Sie drängen auf die bedingungslose Beendigung der Menschenschlächterei.

Generalisieren: Kraus, dem streitlustigen Herausgeber der Fackel, wurde von seinen Gegnern der Hang zur Verallgemeinerung zur Last gelegt. "Man darf generalisieren", lautete stante pede die Antwort. Kraus mokierte sich schon allein deshalb über den Vorwurf, weil er aus dem Munde eines Generals kam.

Dialektik und Kritik

Krieg: Bloß weil der mörderische Krieg von 1914 bis 1918 die ganze Welt mit sich fortriss, wollte Karl Kraus nicht mehr als nötig allgemein werden. Er ging ihm ausschließlich darum, "die Abscheulichkeiten dieser Kriegswelt an den nächstliegenden Beispielen zu zeigen". Das Vorgehen des Sprachkritikers ist insofern das eines Dialektikers. Eben weil ihm "die allgemeinen Dinge über die staatlichen gehen", müsse er den Schmutz vor der eigenen Tür kehren. Sein Vorsatz lautet, "vom besondersten und erlebtesten Anlass" auszugehen.

Krieg II: Ein blutrünstiger Major der k. u. k. Armee findet nach vier Jahren Blutvergießen folgende erhellenden Worte: "Meine Devise: Krieg - das ist nicht nur gegen den Feind, da müssen die Eigenen schon auch was gspürn!" Im vermeintlichen Naturschauspiel des Krieges entblößt eine bankrott gewordene Kultur ihre Denk- und Geistesart. Auch Kaiser treten auf.

Optimist: Seine Ergriffenheit vom Ernst der Menschheitsstunde ist Anlass für die Figur des "Nörglers", kritisch einzugreifen. In den Zwiegesprächen zwischen Optimist und Nörgler weiten sich Karl Kraus' Argumente zu essayistischen Beweisführungen. Ein etwas weniger lichtes Brüderpaar im Geiste bilden der "Abonnent" und der "Patriot". Diese besorgten Bürger sind verzweifelt darum bemüht, ihre Zeitungseindrücke zu sortieren. Weil sie über die Eingriffe der Kriegszensur ungefähr Bescheid wissen, bemühen sie sich um eine Entschlüsselung des Gelesenen. Ihr Patriotismus steht einer wirklichen Erkenntnis der Sachlage aber im Weg.

Preißen: Den deutschen Verbündeten und ihrer vielbeschworenen "Tüchtigkeit" gilt Kraus' ganze Verachtung. Die österreichischen Generäle, die Kraus auftreten lässt, besitzen ein vages Gespür für die preußische Grundbegabung und die eigene Schwäche. "Da können S' sagen was Sie wolln gegen die Deutschen - eines muss ihnen der Neid lassen, sie ham halt doch die Organisation." In der Bestimmung der eigenen Vorzüge ist man notgedrungen undeutlich: "Gewiss, auch wir ham vor ihnen manches voraus, zum Beispiel das gewisse Etwas, den Schan, das Schenesequa..."

"Scherflein": Jeder muss zum glücklichen Gelingen des Krieges sein "Scherflein beitragen". Appelliert wird an die falsche Ausprägung des Gemeinsinns. Der Krieg fungiert in Wahrheit als Gleichmacher. Er verteilt, unabhängig von Verdienst, an alle gleichmäßig Not und Elend.

Gehässige Ausrufer

Sirk-Ecke: Diese noble Wiener Innenstadtadresse gegenüber der Oper bildet in den fünf Akten der Letzten Tage die "Öffentlichkeit" ab. Zeitungsausrufer verpesten mit der gehässigen Aussprache der Schlagzeilen die Luft: "Nieda mit Serbieen!" - "Fenädig pompatiert!" Jedes Jahr wieder treffen sich vier Offiziere an der Sirk-Ecke, um Neuigkeiten auszutauschen. Sie hören auf schöne deutsche Namen wie Nowotny, Pokorny und Powolny und verstehen sich meisterhaft auf die Kunst, nicht ins Feld hinaus zu müssen. Mit Vorliebe blicken sie jungen Damen auf den Steiß. Kriegskrüppeln und Bettlern gilt ihre ganze Verachtung,

"Spompanadeln": Gibt es nicht, oder darf es nicht geben. "Spompanadeln" werden keine gemacht. Besonders nicht mit Kriegsgegnern, die man lieber der Vernichtung anheimstellt.

Vinzenz Chramosta: In der pyknischen Figur dieses Viktualienhändlers gelangt das Wienertum in seiner ganzen Gehässigkeit zum Ausdruck. Den hungernden Landsleuten begegnet dieser Gott des Schmierkäses als strafende Gestalt. Helmut Qualtinger lieh ihm einst unvergesslich die Stimme. Nicht nur seinetwegen nehmen die Die letzten Tage ein bedrückendes Ende. Der Mars bombt die Erde einfach weg. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 30.11.2013)

  • Dauert "zehn Mal zehn Stunden": Karl Kraus' Lesedrama.
    foto: wr. stadt-u. landesbibliothek

    Dauert "zehn Mal zehn Stunden": Karl Kraus' Lesedrama.

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