Chemie für die Front

29. November 2013, 17:23
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Die Österreicher waren beim Gaskrieg vorne dabei: Ein "Blasangriff" gegen Italien forderte vermutlich mehr Opfer als jeder andere Angriff dieser Art

Der Erste Weltkrieg gilt in der Wissenschaftsgeschichte als Krieg der Chemie, die vor allem für die damalige Sprengstofferzeugung unentbehrlich war. Erstmals wurde aber auch Giftgas eingesetzt. Die Symbolfigur dieser Allianz von Wissenschaft und Militär war der deutsche Chemiker Fritz Haber, der am 22. April 1915 den ersten folgenschweren Giftgasangriff der Geschichte nahe der belgischen Kleinstadt Ypern dirigierte, bei dem über 1000 Soldaten den Tod fanden. Weniger gut bekannt ist, dass auch die k. u. k. Armee Giftgas einsetzte. Ein sogenannter Blasangriff gegen Italien am 29. Juni 1916 forderte vermutlich mehr Opfer als jeder andere Angriff dieser Art: Mindestens 6000 italienische Soldaten starben, auf der Seite der k.u.k. Armee hat dieses Gasgefecht 1559 Tote gekostet..

Hatte die k. u. k. Armee nur das Know-how oder auch das Gas der verbündeten deutschen Truppen übernommen? Oder gab es auch auf österreichischer Seite Wissenschafter, die in den Gaskrieg involviert waren? Das im Jahr 2000 erschienene Buch Unter die Masken! des Historikers Wolfgang Zecha hat einiges zur Beantwortung dieser Fragen beigetragen. So gab es allem Anschein nach bereits im Jahr 1912 erste streng geheime Versuche des k. u. k. Technischen Militärkomitees in Zusammenarbeit mit der Firma Alder, bei denen die Wirkung von Giftgas getestet wurde. Naturwissenschafter und Ingenieure waren früh daran beteiligt, chemische Kampfstoffe zu testen.

Dass diese nicht schon früher eingesetzt wurden, ist nur am Einspruch des obersten Kriegsherrn, Kaiser Franz Joseph, gescheitert, sagt Rudolf Werner Soukup. Der Chemiehistoriker referierte Mitte November bei einer Tagung der Ignaz-Lieben-Gesellschaft über Kooperationen zwischen Forschern und Militärs im Rahmen des Technischen Militärkomitees und berichtete dabei, wie eng mit der Technischen Hochschule Wien (heute: TU Wien) zusammengearbeitet wurde oder dass noch im August 1918 neue chemische Kampfstoffe produzieren werden sollten.

Soukup hat bei seinen Recherchen im Kriegsarchiv, einem Teil des österreichischen Staatsarchivs, noch etwas anderes entdeckt: einen riesigen Aktenbestand unter dem Stichwort "Technologiewesen", der noch völlig unbearbeitet ist - und womöglich ein ganz neues Licht auf die Involvierung österreichische Forscher am Ersten Weltkrieg liefern könnte. (tasch/DER STANDARD, 30. 11. 2013)

  • Deutsche (l.) und österreichische (r.) Gasschutzmaske.
    foto: österreichisches staatsarchiv/kriegsarchiv

    Deutsche (l.) und österreichische (r.) Gasschutzmaske.

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