Wie Kinder von Gastarbeitern in den Heimen landeten

29. November 2013, 18:11
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Hunderte Kinder von Gastarbeitern wurden in staatliche Obhut gegeben, dokumentiert die ehemalige SPÖ-Politikerin Irmtraut Karlsson

Innsbruck/Wien - Das Argument "Das haben wir nicht gewusst" bringt Irmtraut Karlsson auf die Palme. Als 2011 ans Licht kam, wie viel Gewalt und Misshandlungen Kinder in Heimen der Stadt Wien erlitten hatten, konfrontierte die Soziologin und rote Ex-Nationalratsabgeordnete Stadtrat Christian Oxonitsch (SP) mit der Gegenthese. "Die gewalttätigen Erziehungsmethoden waren sehr wohl bekannt", sagt Karlsson.

Den Beweis liefert sie jetzt in dem gerade erschienenen Buch Verwaltete Kindheit mit Co-Autor Georg Hönigsberger. Es ist nicht das erste Mal: Karlsson, ab 1972 Leiterin der Sozialpädagogischen Grundlagenforschung im Magistrat, dokumentierte bereits 1974 in einem Bericht die menschenunwürdigen Zustände. Damals wurden allerdings nur zensurierte Teile veröffentlicht.

Keine Kochgelegenheit, kein Sorgerecht

In dem Buch wird erstmals thematisiert, dass zwischen den 1970er- und den 1980er-Jahren viele Kinder von Gastarbeitern in Heimen aufgezogen wurden. Oft reichte es aus, "keine Kochgelegenheit" zu haben, und Eltern aus Jugoslawien und der Türkei wurde das Sorgerecht entzogen, zeigt Karlsson in einer Aktenkopie.

Viele dieser Kinder kamen direkt nach der Geburt ins Heim, die Eltern hatten kaum eine Wahl: Kinderbetreuung gab es so gut wie keine, und wer nicht arbeiten ging, verlor seine Aufenthaltsgenehmigung.

Die Betreuung von Gastarbeiterkindern war ein gutes Geschäft, rechnet Karlsson vor: "Pro Monat mussten die Eltern 2000 Schilling bezahlen - bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 5000 Schilling." Das galt auch für jene Eltern, die ihre Kinder nicht freiwillig in staatliche Obhut gaben.

Einmal in der Woche auf Besuch

Besuchen konnten die Eltern ihre Kinder etwa einmal pro Woche. Erst wenn sie wieder zurück in die Heimatländer gingen, nahmen sie die Kinder wieder zu sich. Belege gibt es bisher nur aus Tirol, wo die Psychologin Edith Kasslatter 1979 zwei Säuglingsheime in Axams und in Arzl besuchte. 42 Prozent der hier untergebrachten Kinder stammten von jugoslawischen Gastarbeitern.

"Es gab viel zu wenig Personal, und das war nur schlecht ausgebildet", beschreibt Kasslatter am Telefon. Kinder hätten zum Teil auf dem Gang geschlafen, das Heim sei wie ein Spital geführt worden.

Gemeinsam mit der Heimleitung habe sie ab den 1980er-Jahren viel verbessern können, einige der Gastarbeiterkinder habe sie über Jahre betreut, bis diese wieder zu ihren Familien kamen.

Tourismusgebiete betroffen

Weil Mitte der 1960er-Jahre rund 100.000 Arbeitsplätze nicht besetzt werden konnten, schloss Österreich Abkommen mit der Türkei und Jugoslawien. Vor Ort wurden gezielt Arbeitskräfte angeworben. 1973 waren 227.000 Gastarbeiter in Österreich beschäftigt, 1983 waren es 145.000.

Wie viele Familien in dieser Zeit getrennt leben mussten, ist nicht bekannt. Daten über andere Bundesländer fehlen. Karlsson fordert eine Untersuchung. "Betroffen sind vermutlich Tourismusgebiete. Man muss nur schauen, wo es Säuglingsheime gab." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 30.11./1.12.2013)

  • Karenzanspruch bestand für Gastarbeiter erst nach 52 Wochen ununterbrochener Beschäftigung. Die meisten hatten keine Wahl und zahlten 2000 Schilling im Monat für das Kinderheim.
    foto: apa/helmut fohringer

    Karenzanspruch bestand für Gastarbeiter erst nach 52 Wochen ununterbrochener Beschäftigung. Die meisten hatten keine Wahl und zahlten 2000 Schilling im Monat für das Kinderheim.

  • Karlsson fordert Aufklärung für Heimkinder.
    foto: urban

    Karlsson fordert Aufklärung für Heimkinder.

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