Die arabischen Provinzen gehörten zur Kriegsbeute

29. November 2013, 19:19
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Schon früh im Ersten Weltkrieg begannen die Briten, das Erbe des Osmanischen Reiches - mit dessen Zerfall sie rechneten - im Nahen Osten aufzuteilen, mit widersprüchlichen Versprechen.

In Syrien, dem Geburtsland des arabischen Nationalismus, kämpfen heute Jihadisten, die nicht nur das Assad-Regime stürzen, sondern den ganzen Staat auflösen wollen, um in der ganzen Region einen großen islamischen Staat zu errichten. Die "Sykes-Picot-Grenzen" - so genannt nach einem britischen und einem französischen Diplomaten - müssen verschwinden, heißt es in ihren Manifesten. Aber nicht nur sie stellen die Grenzen infrage: Ende September schreibt Robin Wright (US Institute of Peace) in der New York Times einen Artikel mit dem Titel "Imagining a Remapped Middle East". Darin geht es nicht nur um den Zerfall von Staaten, sondern den Zusammenschluss von deren Überresten zu neuen.

"Ziemlich hereingelegt"

Der Erste Weltkrieg brachte das Ende des Osmanischen Reiches, aus dessen Provinzen später die arabischen Nationalstaaten wurden. Schon in einer frühen Phase des Krieges begannen sich Großbritannien und Frankreich über ihre zukünftige Beute den Kopf zu zerbrechen. Mark Sykes (1919 an der Grippe verstorben, das Ende des Prozesses der Staatengeburten hat er also nicht mehr erlebt) diente während des Ersten Weltkriegs als Nahost-Spezialist im britischen "War Office", sein französisches Gegenüber war François Georges Picot. "Ich fürchte, dieses Schwein Monsieur P. hat M. S. ziemlich hereingelegt", schreibt ein britischer Diplomat über das Sykes-Picot-Agreement - korrekt Asia Minor Agreement - von Februar 1916.

Tatsächlich zeigte Sykes für die Ansprüche Frankreichs auf eine Einflusssphäre im Nahen Osten (Libanon und Syrien) viel Verständnis, während Teile der britischen Administration - besonders das Arab Bureau in Kairo, das Syrien selbst seinem Einflussbereich zugeschlagen hätte - darüber unglücklich waren. Noch nach dem Krieg versuchten die Briten, aus ihrem Teil des Pakts herauszukommen, es blieb aber dabei: Der Nahe Osten wurde - vereinfacht gesagt - aufgeteilt in Zonen, aus denen später die Völkerrechtsmandate und noch später die unabhängigen Staaten wurden.

Sazanow Dritter im Bunde

1916 war noch ein Dritter mit im Bunde, der ebenfalls ein paar Reste des Osmanischen Reiches abstauben wollte: der zaristische Außenminister Sergej Sazanow. Nach der Russischen Revolution im Oktober 1917 wurde das Geheimabkommen von den Bolschewiken publik gemacht - sehr zum Unbehagen eines Mannes, der seinen hohen Bekanntheitsgrad der Filmindustrie verdankt: T. E. Lawrence, Lawrence of Arabia, der für die Briten den Aufstand der Araber unter dem Scherifen von Mekka, Hussein, koordinierte beziehungsweise mit dessen Sohn Faisal kooperierte (der bald auf eigene Rechnung und nicht mehr für die Interessen seines Vaters arbeitete). Die Briten hatten dem Haschemiten Hussein in einem Briefwechsel 1915 eine (nicht klar definierte) Unabhängigkeit versprochen - er selbst dachte auch an das Kalifat -, wenn er sich gegen die Türken, die auch im Hijaz saßen, wandte.

Was die Briten nicht wussten: Hussein setzte deshalb auf sie, weil er erfahren hatte, dass ihn Istanbul loswerden wollte. Zudem war es den arabischen Nationalisten gelungen, Husseins Einfluss auf die Araber stark aufzubauschen - besonders das Arab Bureau in Kairo fiel darauf herein. Die große Erhebung blieb aber aus, und Faisals Truppe war ein wilder, militärisch unfähiger Haufen. Auch der angebliche Einzug der Araber in Damaskus, mit dem Faisal seinen Anspruch untermauern sollte, war eine Mär: Australische Soldaten waren zuerst da.

"Sterbendes Feuer"

Hussein selbst geriet immer mehr unter Druck des sich ausbreitenden Wahhabismus - die Sauds vertrieben ihn später aus Mekka. Sykes hatte 1915 den Wahhabismus noch für ein "sterbendes Feuer" gehalten.

Natürlich fehlt noch ein britisches Versprechen - das nachhaltigste - in der Aufzählung: die Balfour-Erklärung von 1917, in der der britische Außenminister den Zionisten, namentlich Chaim Weizmann, Unterstützung bei der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zusagte. Nicht nur die Briten, auch Weizmann selbst glaubte, die arabischen und die jüdischen Interessen in der Region ließen sich vereinen. Faisal sei Palästina egal und die Palästinenser erachte er nicht einmal als echte Araber, sagte Weizmann nach ihrem Treffen 1918. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 30.11.2013)

  • Arabische Gefangene im Gefangenenlager Wünsdorf bei Zossen südlich von Berlin, 1915: "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht!", lässt Karl Kraus "Major Metzler" im V. Akt von "Die letzten Tage der Menschheit" sagen. Ursprünglich stammt das Zitat aus der "Hunnenrede" des deutschen Kaisers Wilhelm II., mit der dieser am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die deutschen Truppen auf dem Weg nach China zur Niederschlagung des "Boxeraufstands" verabschiedete.
    foto: archiv anton holzer

    Arabische Gefangene im Gefangenenlager Wünsdorf bei Zossen südlich von Berlin, 1915: "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht!", lässt Karl Kraus "Major Metzler" im V. Akt von "Die letzten Tage der Menschheit" sagen. Ursprünglich stammt das Zitat aus der "Hunnenrede" des deutschen Kaisers Wilhelm II., mit der dieser am 27. Juli 1900 in Bremerhaven die deutschen Truppen auf dem Weg nach China zur Niederschlagung des "Boxeraufstands" verabschiedete.

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