Europa im Klassenzimmer wiederfinden

29. November 2013, 18:58
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Schulklassen aus sieben Ländern bearbeiten beim Projekt "Europe lost & found in war and peace " den Ersten Weltkrieg

Wien - Die Stunde ist fast zu Ende, aber zwei Minuten bleiben noch für eine letzte Frage. "Bitte schreibt noch auf, was Frieden für euch persönlich bedeutet", ruft Englisch- und Geschichtelehrerin Eva Annau in die munter plaudernde Runde.

Die Schüler der 1CL des Aufbaulehrgangs an der Business Academy in Wien werden leiser. Schnell wird das Smartphone gezückt und in der Wörterbuch-App nach passenden englischen Ausdrücken gesucht. "Respekt", "Vertrauen", "Freundschaft" und "Familie" werden mit bunten Stiften zu Papier gebracht, aber auch "Jobs" und "Wirtschaftslage" ist auf Zetteln zu lesen.

Die Klasse ist eine von insgesamt neun aus sieben Ländern, die am internationalen Schulprojekt "Europe lost & found in war an peace" teilnehmen. Koordiniert wird das Projekt vom Interkulturellen Zentrum. Länderübergreifend soll vor allem den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs nachgegangen werden und der Frage, welche Herausforderungen sich im Kontext von Völkerverständigung und Frieden im heutigen Europa stellen.

Klassen via Online-Plattformen im Austausch

Die Klassen aus Österreich, Bosnien und Herzegowina, der Türkei, Frankreich, Deutschland, Serbien und Slowenien stehen dabei über Online-Plattformen im Austausch. In den ersten Projekttagen geht es nun darum, die eigene Schule zu präsentieren, aber auch die Partner kennenzulernen. Die 1CL überlegt sich deshalb, was sie von den anderen Schülern wissen möchte. Partnerschulen zu besuchen ist nicht vorgesehen, "wir denken aber schon darüber nach", sagt Lehrerin Annau.

Inhaltlich und didaktisch begleitet werden die einzelnen Unterrichtsmodule unter anderem vom Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Europa spiegelt sich dabei schon im Wiener Klassenzimmer wider. "Krieg" und "Frieden" haben die Schüler in großen, bunten Buchstaben auf Plakate geschrieben, viele in ihrer Muttersprache - Chinesisch, Albanisch, Bosnisch oder Türkisch. Der Unterricht findet auf Englisch und Deutsch statt. "Gerade in einer Klasse mit so viel multikulturellem Hintergrund ist der Erste Weltkrieg und was danach in den einzelnen Ländern passierte, natürlich interessant", sagt Annau.

Eine weitere Facette des Projekts ist das Sammeln alter Dokumente. "Oft weiß man ja gar nicht, was die Großeltern aus dieser Zeit noch alles wissen", sagt Annau.

So geht es zum Beispiel auch einem der Schüler: "Ich weiß bloß, dass in dem Haus, wo meine Oma jetzt in Bosnien wohnt, früher Deutsche gelebt haben", erzählt er. "Von meiner Familie kenne ich auch keine Geschichten", wirft seine Banknachbarin ein, während die beiden ihre Partnerschulen auf einer Europakarte suchen.

"Es geht auch darum, den Schülern ein wenig das Herz für Geschichte zu öffnen", sagt Annau. "Wir haben damals einfach Im Westen nichts Neues gelesen." (Lara Hagen, DER STANDARD, 30.11.2013)

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