Die heimliche Kriegsleihgabe aus Fernost

29. November 2013, 16:18
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Mehr als 140.000 Arbeiter schickte China im Ersten Weltkrieg nach Frankreich. Ihre Geschichte geriet in Vergessenheit, obwohl sie den Kriegsverlauf und auch die Entstehung der kommunistischen Volksrepublik prägten - mehr als der Partei lieb war.

Zu Tausenden standen die Männer Schlange, ganze Landstriche reisten am 15. November 1916 ins Hafenviertel nach Weihei - oder "Way High", wie die britische Armee ihr damaliges Pachtgebiet an der chinesischen Ostküste taufte. Dort würden die ausländischen Offiziere Arbeitskräfte suchen, vernahmen die chinesischen Bauern. Sie hörten von der üppigen Bezahlung und dass es in ein Land gehen solle, das nicht nur auf demselben Breitengrad liegt wie ihre Heimatprovinz Shandong, sondern auch ebenso viele Einwohner zählt: Frankreich. Nach etlichen medizinischen Tests und rigidem militärischem Training blieben nur die belastbarsten Arbeiter übrig: im Schnitt 1,80 Meter groß, zwischen 20 und 40 Jahre alt, viele Kampfkünste-erprobt. Welche Gefahren sie in Europa erwarteten, merkten sie erst, als sie in Schiffe verfrachtet gen Westen fuhren.

Arbeiterlieferung

Während in Europa der Erste Weltkrieg wütete, war die drei Jahre vor Kriegsbeginn gegründete erste Republik Chinas vor allem mit ihren inneren Wirren beschäftigt. Erst im August 1917, nachdem japanische Streitkräfte die Hafenstadt Qingdao belagerten, erklärte China den Mittelmächten den Krieg. So die bekannte Geschichtsschreibung.

Doch bereits 1915 bot China den Briten heimlich an, Soldaten nach Europa zu schicken - was diese damals ablehnten. Nur ein Jahr später, als bei der Schlacht an der Somme allein im ersten Monat mehr als 180.000 britisch-französischen Soldaten starben, kam den geschwächten Westmächten das erneute Hilfsangebot, diesmal statt Soldaten Arbeiter zu schicken, mehr als gelegen. Nur eine Bedingung stellten die Chinesen: Ihre Landsleute dürften nicht in direkte Kampfhandlungen verwickelt werden. Ein Vertragspunkt, den die Europäer jedoch bald brachen. Die Arbeiter schufteten in Fabriken, transportierten Munition, beerdigten die Gefallenen und räumten ganze Frontgebiete auf. Ein gefährlicher Auftrag, den viele nicht überlebten: Mehr als 500 Mann starben bereits bei der Überfahrt durch einen deutschen Torpedoangriff, Hunderte weitere verloren ihr Leben im Bombenhagel oder aufgrund der grassierenden Grippeepidemie. Bis Kriegsende stieg die Zahl der Todesopfer auf nahezu 3000 an.

Das chinesische Staatsfernsehen, das sich erstmals 2009 in einer aufwändig produzierten Dokumentationsreihe mit der Beteiligung des Landes am Ersten Weltkrieg auseinandersetzte, proklamiert gar 20.000 Tote - eine Zahl, die zwar jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, doch offenlegt, dass auch ein Jahrhundert später die Geschichte der chinesischen Arbeitskräfte immer noch politisch instrumentalisiert wird.

Ihr Schicksal wurde lange totgeschwiegen: Während des Kriegs versuchte China, die Entsendung der Arbeiter aus militärischen Gründen geheim zu halten - es verletzte ja seine Neutralität. Frankreich und Großbritannien passte es nicht in ihr eurozentrisches Weltbild, auf die Hilfe des armen, unterentwickelten China angewiesen zu sein. Und in der 1949 ausgerufenen Volksrepublik folgte man der kommunistischen Sichtweise, nichts mit einem imperialistischen Krieg zu tun zu haben.

"Ich war selbst geschockt, als ich entdeckte, wie stark China vom Ersten Weltkrieg beeinflusst wurde", sagt Xu Guoqi, Geschichtsprofessor an der Universität Hongkong.

Der für China enttäuschende Friedensvertrag von Versailles, der dem verfeindeten Japan das ehemals deutsche Pachtgebiet Kiautschou an der chinesischen Ostküste zusicherte, Chinas Kriegsbeteiligung jedoch nur mir ein paar alten astrologischen Gerätschaften aus der Qing-Dynastie würdigte, trieb im Mai 1919 tausende Studenten auf Pekings Straßen. Die Proteste gingen als Bewegung des 4. Mai in die Geschichte ein - die erste politische Massenbewegung des Landes und gleichzeitig die Geburtsstunde des chinesischen Sozialismus.

Seit seinem Doktorstudium in Harvard forscht Professor Xu über die chinesische Kriegsbeteiligung, seine Publikationen waren nicht zuletzt dafür mitverantwortlich, dass China anfing, sich mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Für die Gründungsväter der kommunistischen Partei waren die Gastarbeiter im Ersten Weltkrieg Pioniere: Deng Xiaoping, Zhou Enlai und viele weitere zogen in ihrer Jugend für Arbeits- und Studienprogramme nach Frankreich. "Dort folgten sie direkt den Fußstapfen der chinesischen Arbeiter", sagt Xu.

Gelehrte Vagabunden

Eine besondere Rolle kommt den Studenten aus Fernost zu, die den Offizieren als Übersetzer dienten. In ihrer freien Zeit entwickelten sie Alphabetisierungsprogramme für die Arbeiter, sodass bis Kriegsende nahezu zwei Drittel von ihnen lesen und schreiben konnten.

Einer der Studenten, Yale-Absolvent James Yen, widmete später sein gesamtes Schaffen der "ländlichen Wiederaufbaubewegung", die weite Teile der Landbevölkerung Chinas alphabetisierte. "Wurden die Chinesen von der Bevölkerung während des Kriegs noch wohlwollend aufgenommen, mussten sie kurz danach als Sündenbock für alle Verbrechen herhalten", sagt Dominiek Dendooven, der vor drei Jahren für das "In Flanders Fields"-Museum im belgischen Ypern die erste große Ausstellung zum Thema kuratierte, im Standard-Gespräch.

Es sind so gut wie keine Besitztümer der Arbeiter erhalten geblieben, dennoch machte Dendoovens Team einen überraschenden Fund: aufwändige, mit Drachen und chinesischen Schriftzeichen dekorierte Muschelschalen.

Auf einer ist ein mehr als tausend Jahre altes Gedicht aus der Tang-Dynastie eingraviert: "In meiner Heimat habe ich mit Gelehrten verkehrt, hier bin ich nur ein Vagabund. Ich habe gehört, dass die Pflaumenblüten heuer schon früh erblühen; es ist kein Vergleich zum Frühling in diesem Land." (Fabian Kretschmer aus Peking, DER STANDARD, 30.11.2013)

  • Das erste Angebot der chinesischen Führung, Soldaten zu schicken, lehnten die Briten nach ab, 1916 nahmen sie die Hilfe an: China schickte Arbeiter -zwischen 20 und 40 Jahre, im Schnitt 1,80 Meter groß und viele kampfkunsterprobt - nach Frankreich
    foto: in flanders fields"-museum, belgien

    Das erste Angebot der chinesischen Führung, Soldaten zu schicken, lehnten die Briten nach ab, 1916 nahmen sie die Hilfe an: China schickte Arbeiter -zwischen 20 und 40 Jahre, im Schnitt 1,80 Meter groß und viele kampfkunsterprobt - nach Frankreich

  • Die chinesischen Studenten, die für Offiziere übersetzten, waren auch Bildungshelfer. Die Gastarbeiter organisierten Alphabetisierungsprogramme. Für die Gründungsväter der kommunistischen Partei galten sie als Pioniere.
    foto: in flanders fields"-museum, belgien

    Die chinesischen Studenten, die für Offiziere übersetzten, waren auch Bildungshelfer. Die Gastarbeiter organisierten Alphabetisierungsprogramme. Für die Gründungsväter der kommunistischen Partei galten sie als Pioniere.

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