Ein Vater nicht nur missratener Kinder

29. November 2013, 18:35
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Für den "Großen Krieg" 1914–1918 gilt mehr als für die meisten anderen Kriege, dass er der "Vater aller Dinge" sei, meinen namhafte Historiker. Eines seiner späten Kinder gibt Europa Frieden und Sicherheit.

"Das versteh ich nicht! Na, ich versteh's wirklich nicht! So eine schöne Armee hamma g'habt. Da kann man sagen, was man will, das war die schönste Armee der Welt! Und was haben's g'macht mit dera Armee? In Krieg haben sie's g'schickt!"

Schon bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Monarchie kursierte dieser Graf-Bobby-Witz in Wien. Er bringt mit grimmigem Sarkasmus die Erkenntnis vieler hellsichtiger Zeitgenossen lange vor 1914 auf den Punkt: dass nämlich ein großer Krieg, in den die Armee des multiethnischen Habsburgerreiches hineingezogen wird, zugleich das Ende des Vielvölkerstaates bedeutet.

Darüber hinaus jedoch macht der Witz in seiner Absurdität das Aberwitzige einer Politik deutlich, die Kriegführen als legitimes politisches Mittel, ja als Politik­ersatz ansieht und dabei auch die ­ultimative Katastrophe in Kauf nimmt. Die Katastrophe, die im Sommer 1914 mit dem Attentat von Sarajevo begann, fand erst mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 ihr Ende. Ein 75-jähriger Krieg, auf bis dahin unvorstellbare Art grausam und opferreich und zwischenzeitlich auch unblutig, prägte das kurze 20. Jahrhundert. Manche Historiker nennen ihn einen europäischen Bürgerkrieg, manchen, wie Dan Diner, scheint die Metapher vom Weltbürgerkrieg noch angemessener.

Wohl keiner der politischen und militärischen Akteure von 1914 ahnte auch nur im Entferntesten, welche Entwicklung mit seinem Zutun ausgelöst würde. Erst der Rückblick macht klar, wie – scheinbar unvermeidlich – eines aus dem anderen folgte, bis 1945 halb Europa in Trümmern lag und danach noch ein halbes Jahrhundert im Kalten Krieg erstarrte.

Massentechnik der Gewalt

Es war eine ununterbrochene Orgie der Ismen: Imperialismus – Nationalismus – Revanchismus – Faschismus – Nationalsozialismus – Bolschewismus – Stalinismus. Das alles oft durchwoben mit der quasi historischen Konstante des Antisemitismus, dessen praktische Umsetzung mit dem Holocaust seinen unfassbaren Höhepunkt erreichte. Die industrielle Ermordung von Millionen Menschen hat – ungeachtet der Mons­trosität dieses Verbrechens – wohl auch mit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zu tun, mit einer neuen Massentechnik der Gewalt, vom Maschinengewehr über den Panzer bis zum Giftgas. Der Gefreite Adolf Hitler erlebte einiges davon.

Für den Ersten Weltkrieg, der für Franzosen und Briten immer noch der "Große Krieg" ist, gelte mehr als für viele andere Kriege, dass er, nach dem Wort Heraklits, "der Vater aller Dinge" sei, schreibt der deutsche Historiker Heinrich August Winkler im zweiten Band seines Monumentalwerks Geschichte des Westens. Winkler zitiert dazu einen Satz des deutschen Wirtschaftswissenschafters Moritz Julius Bonn aus dem Jahr 1925: "Der Große Krieg hat der Theorie der Gewalt zu einem überwältigenden Triumph verholfen."

War das alles wirklich unvermeidbar? Oder war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 in Sarajevo durch einen serbischen Attentäter sozusagen ein Betriebsunfall der Geschichte, die ansonsten ganz anders verlaufen wäre? Nach weitgehender Übereinstimmung unter den Historikern wäre es früher oder später auf jeden Fall zum Krieg zwischen der Habs­burgermonarchie und Serbien gekommen. Den Rest kennen wir: eine Bündnisautomatik zwischen den Großmächten, die schon Vabanque-Charakter hatte, eine Haltung des "Alles oder nichts", die unbegrenzte Opfer an Menschenleben in Kauf nahm.

Winkler listet in seinem erwähnten Werk auf: 65 Millionen mobilisierte Soldaten, 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete, 7,8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste, über fünf Millionen zivile Kriegstote in Europa ohne Russland. Und das war, mit Blick auf 1939–1945, nur der Anfang.

Es ist eine der großen Ironien der Geschichte, dass diese unerbittliche Automatik durch den deutsch-sowjetrussischen Separatfrieden von Brest-Litowsk im März 1918 nach der Machtübernahme der Bolschewiken im Oktober/November 1917 (je nach Kalender) unterbrochen wurde. Kurzfristig ging das Kalkül der Deutschen, die Lenin im plombierten Sonderzug nach Russland gebracht hatten, auf.

Damit war aber auch die Sowjetunion als späterer ideologischer Hauptgegner Hitlers und Ziel seines Unterwerfungs- und Vernichtungskrieges gegen den "jüdischen Bolschewismus" ab 1941 geboren. Der Sieg über Hitlerdeutschland brachte Stalin an den Gipfel seiner Macht (und lässt ihn als Mythos bis heute weiterleben), machte die Sowjetunion nunmehr zum großen ideologischen und imperialen Gegner des Westens und besiegelte die Teilung Europas für mehr als vier Jahrzehnte.

Die Großmächte von 1914 waren auf Krieg programmiert, weil sie sich davon mehr versprachen als vom Frieden. Was vorherrschte, war eine Stimmung des "Jetzt oder nie": Man müsse die Gunst der Stunde nutzen, um Probleme zu lösen, die sonst nur noch größer würden. Das galt für das Verhältnis zwischen der etablierten Weltmacht England und deren Herausforderer Deutschland; es galt für Frankreichs Hoffnung, die durch Deutschland erlittene Schmach von 1871 zu tilgen; es galt für die deutschen und russischen Ambitionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa; und es galt für die österreichisch-serbische Rivalität auf dem Balkan.

Sprudelnde Konfliktquelle

Doch keines der Probleme, die sich bis 1914 aufgestaut hatten, wurde durch den Krieg gelöst. Mehr noch: Eine Hauptquelle der Konflikte begann erst richtig zu sprudeln. Der auch in Wien forschende US-Historiker Timothy Snyder meint sinngemäß, man habe versucht, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben: Kriegsauslöser sei die vom Balkan ausgehende Vorstellung von Nationalstaaten gewesen; die habe zur Auflösung der multinationalen Donaumonarchie geführt, und nach 1918 hätten die Alliierten diese "Lösung" auf den Großteil des übrigen Europa angewandt.

Aber das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das US-Präsident Woodrow Wilson nach Kriegs­ende verkündete, erwies sich, wiewohl gut gemeint, als untaugliches Instrument bei der Lösung von Nationalitätenkonflikten. Das zeigten schon die Friedensverträge mit Österreich und Ungarn. Im Fall Ungarns, das zwei Drittel seines Territoriums und drei Millionen Magyaren verlor, wirkt das bis heute nach und erklärt zumindest teilweise die nationalistische Renaissance unter Viktor Orbán.

Wider die Ismen

Imperialismus, Nationalismus, Revanchismus: Weder der 1920 gegründete Völkerbund noch seine 1945 etablierte Nachfolgerin Uno erwiesen sich als geeignete Institutionen, damit fertigzuwerden. 1952 erfolgte ein neuer Ansatz: Mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl begannen Frankreich und Deutschland, die historische Rivalität durch ein Kooperationsmodell aufzulösen. 60 Jahre später erhielt ihre Spätnachfolgerin, genannt Europäische Union, den Friedensnobelpreis. Und nicht wenige reagierten verwundert.

Unmittelbar geht die Gründung der EU auf die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs zurück. In Wahrheit aber ist sie die in Werte, Regeln und Institutionen gegossene Lehre aus den Ursachen des "Großen Krieges" 1914–1918 und dessen, was folgte. Das bedeutet Konfliktlösung durch Interessenausgleich und Solidarität statt durch Gewalt. Dies kann nicht ohne zumindest teilweisen Verzicht auf nationale Souveränität gelingen.

In der Eurokrise hat die EU ihre bisher härteste Belastungsprobe, zumindest vorerst, bestanden. Aber nationalistische Aufwallungen in vielen Mitgliedsländern zeigen, dass die Geister von 1914 noch immer nicht gebannt sind. (Josef Kichengast, DER STANDARD, 30.11.2013)

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