Servus, Herr Linienschiffsleutnant

29. November 2013, 19:00
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Wie es kommt, dass ein Engländer seine Landsleute Flashman und Hornblower in einem österreichischen U-Boot-Ass vereinte

Sie hätten sich so gar nicht verstanden, der Linienschiffsleutnant Ottokar Prohaska, das habsburgische U-Boot-Ass, Träger des Ritterkreuzes des Maria-Theresia-Ordens, und Sir Harry Flashman, der höchstdekorierte Soldat ihrer Majestät Königin Victoria, Träger des Victoria Cross. Prohaska, Sohn eines tschechischen Postbeamten, ein intelligenter, ehrbarer Mensch, dient einem dem Untergang geweihten Reich, ohne den Tatsachen gegenüber blind zu sein. Flashman, von niederem Adel und ebensolcher Gesinnung, ebenfalls intelligent und hellsichtig, gleichzeitig aber feige, dünkelhaft und verschlagen, dient nur sich selbst und ist dabei stets unverschämt und vom Glück begünstigt. Sie hätten sich nie verstanden!

Echte Brüder im Geiste sind nur Prohaskas und Flashmans Schöpfer, der 64-jährige Londoner John Biggins und George MacDonald Fraser aus Carlisle im Nordwesten Englands, der 2008 mit 82 gestorben ist. Fraser schrieb und Biggins schreibt historische Novellen in Serie. Während der Ältere britische Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts erzählte oder besser seinen Antihelden Flashman in zwölf fiktiven Memoirenbänden über dessen niemals geringen Anteil an Events wie den Anglo-Afghanischen Kriegen (I und II!), dem Indischen Aufstand, dem Krimkrieg oder dem Zulukrieg berichten ließ, beschränkt sich Biggins in bisher vier Bänden vor allem auf den tragischen, vor allem qualvollen Lebensabend der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Biggins ist wie Fraser nicht einfach Fabulierer. Die Lebensschilderung des Linienschiffsleutnants Prohaska ist in den historischen Hintergrund eingebettet - quasi exakt bis zur letzten Schraube von U8 samt Besatzung aus neun der elf in der Doppelmonarchie anerkannten Nationalitäten, mit dem Prohaska - eher zufällig - ein italienisches Kriegsschiff versenkt.

Das maritime Panorama erinnert an weitere britische Klassiker der historischen Novelle, an C. S. Foresters Hornblower-Romane und an die Aubrey-Maturin-Serie von Patrick O'Brian (Master & Commander), beide im Zeitalter der Napoleonischen Kriege angesiedelt.

Biggins nahm vom Schaffen einer bloßen Replik Abstand, als ihm alte Fotos von Unterseebooten der k. u. k. Marine in die Hand fielen. Und, ja, dann war da noch dieser Trapp, Georg Ludwig Ritter von Trapp, ein aus Zadar stammendes U-Boot-Ass, Ritterkreuz-Träger des Maria-Theresia-Ordens nach Versenkungen eines italienischen Kriegsschiffes, der sich von den Nazis nicht vereinnahmen lassen wollte, mit seiner Familie in die USA emigrierte, wo diese als die Trapp Family Singers berühmt und in The Sound of Music verewigt wurde.

Das Süßliche geht Biggins' Prohaska Novels, von denen nur die erste, A Sailor of Austria, in Übersetzung vorliegt, völlig ab. Aber Hermann Bahrs Sehnsucht nach "unserem blauen Meer in der Sonne" (Dalmatinische Reise) lässt Biggins fühlen, als wäre er nicht an der Themse, sondern an der Adria geboren. (Sigi Lützow, Album, DER STANDARD, 30.11./1.12.2013)

  • John Biggins, "Vivat Österreich! oder wie Linienschiffsleutnant Ottokar Prohaska beinahe unabsichtlich zum Kriegshelden Nr. 27 der Doppelmonarchie wird". € 15,10 / 466 Seiten. John Biggins Fiction, Colchester, UK 2011
    cover: john biggins fiction

    John Biggins, "Vivat Österreich! oder wie Linienschiffsleutnant Ottokar Prohaska beinahe unabsichtlich zum Kriegshelden Nr. 27 der Doppelmonarchie wird". € 15,10 / 466 Seiten. John Biggins Fiction, Colchester, UK 2011

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