Im Rausch der Beschleunigung

29. November 2013, 18:54
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Alles dreht sich, alles bewegt sich, alles rast in einem immer schnelleren Tempo dahin: über die turbulenten Jahre vor 1914 - und wie sie unserer Gegenwart in vielfacher Hinsicht ähneln

Sie stehen entlang einer baumgesäumten Straße, die meisten von ihnen Männer und Jungen, voller Erwartung. In der bedrückenden Sommerhitze sehen sie die gerade Linie der Landstraße entlang, bis sie sich am Horizont verliert. Ein leises Summen wird hörbar. Ein Auto erscheint zwischen den Baumkolonnen, klein und von einer Staubwolke umgeben, größer werdend, immer größer, mit jeder vergehenden Sekunde. Es rast auf die Betrachter zu, angetrieben von seinem mächtigen Motor, immer lauter röhrend, eine Vision geballter Macht.

Einer der Zuschauer, ein achtzehnjähriger Junge, hält eine Kamera in der Hand und macht sich auf den Moment bereit, auf den er gewartet hat. Konzentriert sieht er durch den Sucher. Er kann den Fahrer und seinen Passagier hinter der riesigen Motorhaube sehen, die Nummer sechs, die auf den Tank gemalt ist, er fühlt die Schockwelle des Lärms und der Motorenkraft, als das Fahrzeug an ihm vorbeirast. In diesem Moment drückt er auf den Auslöser.

Als er das Bild entwickelt, das er am 26. Juni 1912 auf dem französischen Grand Prix Autorennen gemacht hat, ist der junge Fotograf enttäuscht. Der Rennwagen Nummer sechs ist nur halb im Bild, der Hintergrund verwischt und seltsam verzerrt. Er legt den Abzug zur Seite. Sein Name ist Jacques-Henri Lartigue. Das Foto, das er für misslungen hält, wird vierzig Jahre später im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt werden und ihn berühmt machen. Ohne es gewollt zu haben, hat er die vibrierende Energie und die Geschwindigkeit eingefangen, die so kennzeichnend waren für die Jahre zwischen 1900 und 1914.

Heute sehen wir die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges oft als Idyll, eine Zeit vor dem Sündenfall, die gute alte Zeit, die Belle Époque. Sie wird in aufwändig ausgestatteten Kostümfilmen als eine intakte Gesellschaft zelebriert, die doch unaufhaltsam einem Weltkrieg entgegengetrieben wurde, an dem sie zerbrechen musste. Nach diesem Krieg, so diese Lesart der Geschichte, erhob sich der Phönix der Moderne aus der Asche der alten Welt.

Die meisten Menschen, die das Jahr 1900 erlebt haben, würden sehr erstaunt sein über diese nostalgische und verklärende Interpretation ihrer Epoche. Ihren eigenen Briefen, Tagebüchern, Zeitungen und Romanen nach zu urteilen war ihre eigene Erfahrung dieser Zeit gekennzeichnet von Unsicherheit und Erregtheit, eine rohe, kraftvolle Lebenswelt, die unserer eigenen in vielerlei Hinsicht ähnlich ist: "Man hat den Eindruck, als säße man in einem Eisenbahnzuge von großer Fahrgeschwindigkeit, wäre aber im Zweifel, ob auch die nächste Weiche richtig gestellt werden würde", schrieb Max Weber vor dem Krieg.

Damals wie heute waren tägliche Gespräche und Presseartikel dominiert von neuen Technologien, der Globalisierung, Terrorismus, neuen Formen der Kommunikation und den Veränderungen im Sozialgefüge; damals wie heute waren Menschen überwältigt von dem Gefühl, dass sie in einer beschleunigenden Welt lebten, die ins Unbekannte raste.

Jacques-Henri Lartigue, ein Junge, der schnelle Autos und Geschwindigkeit liebte und versuchte, sie mit der Kamera einzufangen, spiegelt die Faszinationen einer Epoche wider, deren Volkshelden Rennfahrer waren, in der praktische jede Woche neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt und gebrochen wurden und neue Technologien, in seinem Fall eine billige, tragbare Kamera, das Leben von Millionen unwiderruflich veränderten.

Niemals zuvor hatte die Technologie das Leben von Millionen von Menschen so stark und so unmittelbar verändert. Überall in der westlichen Welt stieg die industrielle Produktion explosionsartig an, und das Leben in einem globalisierten Markt war längst Realität. Schon um 1910 importierte Großbritannien 80 Prozent seines Fleischbedarfs und 60 Prozent seines Getreides aus Kanada, Australien, Neuseeland, Argentinien und Russland. Auch andere europäische Industrieländer waren für ihre landwirtschaftlichen Produkte auf Importe angewiesen. Einzige Ausnahme: das noch immer überwiegend ländliche Österreich-Ungarn, der einzige europäische Nettoexporteur von Getreide.

Die Großstädte zogen Millionen von Menschen an mit dem Versprechen von Arbeit, von einem besseren, neuen Leben. In der Stadt musste jeder Neuankömmling sich neu erfinden. Nehmen wir ein Beispiel. Ein Bauer aus dem Languedoc in Südwestfrankreich kommt nach Paris, um bei Renault zu arbeiten. Nennen wir ihn Pierre. In seinem Heimatdorf wurde er so genannt, weil auch schon sein Großvater so hieß, und eigentlich sollte er den Hof übernehmen. Aber die landwirtschaftlichen Importe bedeuten auch, dass die gesunkenen Preise für Getreide jetzt nicht mehr für alle Familienmitglieder genug abwerfen. Der Graf, Monsieur le Conte, der in einem heruntergekommenen Schloss über dem Dorf lebt, ist hier immer noch die wichtigste Respektsperson.

Pierre ist Protestant, weil alle in seinem Dorf Protestanten waren, und wäre er geblieben, hätte er ein Mädchen aus dem Nachbardorf geheiratet und wäre wahrscheinlich nie mehr als zehn Kilometer von seinem Dorf weggekommen. Jetzt aber ist er in der Großstadt, am Fließband einer Autofabrik. Hier gelten seine Herkunft, seine Religion, sein Hof und Monsieur le Conte wenig. Dafür beginnt er sich für Politik zu interessieren, tritt einer Partei bei, liest Tageszeitung, fiebert mit dem Schicksal eines Fußballclubs mit - vielleicht den Girondins Bordeaux, aus Nostalgie für seine südliche Herkunft. Schon von Berufs wegen interessiert er sich brennend für Autos und verfolgt die großen Rennen, deren Fahrer seine Helden sind.

Der junge Automobilmonteur wird Mitglied eines Vereins (ein Chor, Kaninchen- oder Taubenzüchter) und heiratet eine junge, katholische Frau aus der Bretagne, die in einer Textilfabrik arbeitet und die er sonst nie getroffen hätte. Sein neues Leben ist ein Mosaik aus identitätsstiftenden Fragmenten. Als Pierre und seine Frau Jeanne ihre erste Tochter bekommen, nennen sie das Kind mutig Olympe, nach der Revolutionärin Olympe de Gouges. Der erste Sohn heißt Louis - nicht nach einem König, sondern nach einem Rennfahrer. Sie werden keine weiteren Kinder bekommen, obwohl sie beide aus großen Familien stammen: In der Stadt sind Kinder eine Bürde, denn alles kostet Geld, und wenn Jeanne nicht arbeitet, hat die Familie nicht genug zu essen. Anders als auf dem Land ist Geld der Faktor, der alles bestimmt. Sie haben mehr Freiheiten als ihre Eltern, selbst zu entscheiden, wer sie sein wollen, aber sie sind völlig abhängig von ihrem mageren Lohn, für den sie so hart schuften müssen wie früher auf dem Feld. Eine Generation zuvor wäre all das unmöglich gewesen.

Während die Fabriken aber das Leben der Arbeiter völlig revolutionieren, führt die Massenproduktion auch zur Erfindung einer neuen Menschenart: Der Konsument ist in der Geschichte angekommen. Kaufhäuser werden gegründet und bieten massenproduzierte Waren an. Harrods in London hat bereits einen 24-Stunden-Telefonbestellservice, Au Bon Marché in Paris verschickt jährlich eine Million Kataloge, in den USA ist der Sears-Katalog nach der Bibel das am weitesten verbreitete Buch und wird in Grundschulen zum Lesen verwendet.

Der Sears-Katalog als Bibel

Pierre und Jeanne haben wenig Gelegenheit, am neuen Konsumrausch teilzunehmen, aber immerhin reicht es für einen Anzug und ein Kleid aus Kunstseide, in dem sie sich fast so fühlt wie die vornehmen Damen. Die Kleider kommen von der Stange und werden (auch von Jeanne, die Näherin ist) in statistisch ermittelten Standardgrößen hergestellt. Statistiker werden unentbehrlich für die Planung und Verwaltung von Industrie und Großstadtleben.

Der junge Jacques-Henri Lartigue ist auf der Sonnenseite der Gesellschaft geboren. Seine Familie ist wohlhabend, und er kennt Menschen wie Pierre und Jeanne höchstens als Chauffeur oder Hausmädchen, aber er ist längst Teil derselben Welt. 1902 bekommt der Achtjährige seine erste Kamera, einen billigen Handapparat, kinderleicht zu bedienen, keines der riesigen Monster mit Stativ. Wie viele Jungen ist er von Autorennen begeistert. An einigen der Wagen, deren Ergebnisse er in den Sportseiten von Le Petit Journal (Auflage: eine Million) verfolgt, hat Pierre mitgeschraubt.

In der globalisierten Welt vor 1900 verband ein Autorennen aber nicht nur einen anonymen Arbeiter mit einem Kind der gehobenen Mittelklasse. Die Verbindungen zogen sich viel weiter - bis hin zur größten Tragödie dieser Epoche. Der Boom der Mobilität hing besonders an einem Rohstoff: Kautschuk für die Erzeugung von Gummireifen. Wie oft in kapitalistischen Verhältnissen war die Nachfrage danach innerhalb von kürzester Zeit explodiert, und der große Gewinner der Stunde war König Leopold II. der Belgier, der einen großen Teil des kautschukreichen Kongo als persönlichen Besitz beanspruchte und seinen Marktvorteil maximieren wollte.

Leopolds Agenten nahmen Hunderttausende von Frauen und Kindern gefangen und zwangen die Männer so, im Urwald Kautschuk zu ernten und abzuliefern. Wer nicht genug erntete, wurde ausgepeitscht oder grausam ermordet, zahllosen Menschen wurden die Hände abgehackt, die Gefangenen wurden dem Verhungern überlassen. Wenn ein Dorf sich wehrte, wurde es ganz ausgelöscht. Die Söldner waren angewiesen, die Hände ihrer Opfer zu räuchern und mitzubringen, damit die zentrale Behörde sicher sein konnte, dass keine Munition verschwendet wurde. Historiker schätzen heute, dass unter Leopolds Herrschaft etwa zehn Millionen Menschen im Kongo ermordet wurden. Das so zusammengeraffte Vermögen erlaubte es dem König, Prachtbauten in Belgien zu errichten. Seine Nachkommen regieren noch heute, Reiterstatuen von Leopold II. zieren öffentliche Plätze, das Thema wird in belgischen Schulen kaum angesprochen und ist in der belgischen Öffentlichkeit tabu.

Um 1900 ging die vielleicht profundeste Umwälzung in der Lebenserfahrung der Europäer der Wandel im Verhältnis zwischen Männern und Frauen vonstatten. Für die Eltern des kleinen Jacques ist es einfach, ein bürgerliches Rollenverständnis weiterzuleben, bei Pierre und Jeanne ist das anders. Der Lohn eines Fabrikarbeiters reicht nicht, um seine Familie zu ernähren. Auch die Frauen gingen in die Fabrik, begannen sich zu organisieren. Der Erfolg der Suffragetten, die in Großbritannien das Wahlrecht für Frauen forderten, wäre ohne Textilarbeiterinnen in Nordengland nicht möglich gewesen.

Frauen verdienten Geld (das übrigens nach den Gesetzen der meisten Länder ihren Männern gehörte), sie arbeiteten und bekamen weniger Kinder. Sexualität und Kinderkriegen dividierten sich auseinander, auch durch ein weiteres industrielles Produkt: Kondome aus vulkanisiertem Gummi (der Kongo, schon wieder). Schon vor 1914 wurden so patriarchalische Strukturen von Frauen infrage gestellt, die erstmals in der europäischen Geschichte in größerem Rahmen Zugang zu Bildung hatten (die Universität Zürich erlaubte Frauen bereits zu promovieren, als sie in Wien nicht einmal als Studentinnen zugelassen waren) und nicht nur das Wahlrecht verlangten, sondern manchmal sogar eine völlige Umgestaltung der Gesellschaft.

"Männerkrankheiten" heilen

Feministinnen wie die Österreicherin Rosa Mayreder wiesen darauf hin, dass die traditionellen männlichen Qualitäten in einer Industriegesellschaft bedeutungslos waren. Männer reagierten oft aggressiv und verunsichert; nie zuvor sah man auf den Straßen so viele Uniformen, nie zuvor wurden so viele Duelle ausgefochten, nie zuvor gab es so viel Werbung für Behandlungen, die versprachen, "Männerkrankheiten" und "Nervenschwäche" zu heilen, und nie zuvor wurden so viele Männer mit "Nervosität" in Sanatorien und Krankenhäuser eingewiesen.

Um 1900 drückte sich die Unsicherheit über die männliche Identität auf vielfache Weise aus: Der Rückgang der Geburtenraten, besonders in der bürgerlichen Schicht, war ein viel diskutiertes Indiz, das Polemiker dazu verleitete zu behaupten, "zivilisierte" Weiße würden von den "niederen Klassen" und dunkelhäutigen Menschen der Kolonien verdrängt werden - eine Debatte, die in der manchmal hysterischen Polemik über Geburtenraten von muslimischen Immigranten in Europa und über die sinkende Fruchtbarkeit von Männern in der industrialisierten Welt ihren Nachhall findet.

Die Angst der Männer war aber nicht nur eine Reaktion auf das neue Selbstvertrauen vieler Frauen, es war auch eine Antwort auf die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt allgemein veränderte. Beschleunigung, Erregung, Angst und Schwindelgefühle waren Themen, die zwischen 1900 und 1914 immer wiederkehrten.

Als Jacques-Henri Lartigue das Foto vom Rennwagen Nummer sechs entwickelte, war er enttäuscht. Der Auslöser war zu langsam gewesen, seine Bewegung zu abrupt, das Bild seltsam verzerrt. Erst sechs Jahrzehnte später, als Lartigue längst ein berühmter Fotograf geworden war, wurde die verwackelte Aufnahme als Emblem ihrer Epoche verstanden. In einer Zeit, in der die alten Sicherheiten verzerrt und verbogen wurden und das Neue mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit in die Zukunft raste, war dieser Schnappschuss der perfekte, wenn auch unfreiwillige Ausdruck eines Lebensgefühls.

Die neue, rasende Welt vor 1914 hat überraschende Parallelen mit der Gegenwart. Von den Großstädten ausgehend, manifestierte sich eine Massengesellschaft mit ganz neuen Möglichkeiten, deren Anforderungen aber auch immer mehr Menschen überforderten. Mit dem modernen Leben kamen die Krankheiten der Moderne: Hunderttausende von Frauen und besonders von Männern klagten über Neurasthenie, nervöse Erschöpfung, in einer Welt, die immer anonymer, schneller, erbarmungsloser wurde.

Unsere eigene Welt und ein großer Teil der Ungewissheit, die wir heute spüren, erwuchsen aus Erfindungen, Gedanken und Veränderungen jener ungeheuer kreativen fünfzehn Jahre. In vieler Hinsicht war Rest des Jahrhunderts wenig mehr als eine Abwicklung dieser Möglichkeiten, die manchmal wunderbar und manchmal schrecklich waren. Von Europas zweitem Dreißigjährigen Krieg 1914-1945 zur Globalisierung, von der Kernkraft zur Konsumgesellschaft, von der europäischen Einigung bis zur feministischen Revolution - wir sind die Erben der gigantischen Transformationen, die das rasende Europa in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts durchlebte. (Philipp Blom, Album, DER STANDARD, 30.11./1.12.2013)

Philipp Blom ist Historiker, Journalist und Autor. Sein Buch "Der taumelnde Kontinent" (Hanser 2009), in dem er sich mit der Ära vor dem Ersten Weltkrieg befasst, ist Grundlage der gleichnamigen TV-Produktion, die der ORF am 13. und 20. Dezember jeweils um 22.25 in ORF 2 ausstrahlt.

  • "Das Foto, das er erst für misslungen hält, wird Jacques-Henri Lartigue berühmt machen."
    foto: ministère de la culture-france/aajhl/ stiftung lartigue

    "Das Foto, das er erst für misslungen hält, wird Jacques-Henri Lartigue berühmt machen."

  • "Die rasende Welt vor 1914 hat überraschende Parallelen mit unserer Gegenwart. Unsere eigene Welt und ein großer Teil unserer Unsicherheit erwuchsen aus ihr."
    "die rasenarchivfoto (2007) aspern revival, jochen-rindt-gedenkrennen: christian fischerere eigene welt und ein großer teil unserer unsicherheit erwuchsen aus ihr." archivfoto (2007) aspern revival, jochen-rindt-gedenkrennen: ch. fischer

    "Die rasende Welt vor 1914 hat überraschende Parallelen mit unserer Gegenwart. Unsere eigene Welt und ein großer Teil unserer Unsicherheit erwuchsen aus ihr."

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