Alltagsleben ohne Kriegsahnung

30. November 2013, 17:20
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Wie lebte man in Wien in den Wochen vor dem Ausbruch des Weltkriegs? Ziemlich sorglos, zeigt eine Auswertung zeitgenössischer Quellen

Krieg? Nein, ganz im Gegenteil. Im Juli 2014, der Thronfolger war eben beigesetzt worden, bereitete sich Wien auf den Weltfriedenskongress vor, der vom 15. bis 19. September in Wien stattfinden sollte - Filmpremiere von Die Waffen nieder! nach dem Roman der kürzlich verstorbenen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner inklusive. Der große Musikvereinssaal war schon angemietet, um der bekannten Pazifistin zu gedenken, das Festbankett im Rathaus bestellt.

Auch der Tagungsort war reserviert: Im Parlament stand der Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses ohnehin seit 16. März 1914 ungenutzt leer - weil böhmische Abgeordnete die Sitzungen durch Filibuster-Reden blockiert hatten, war das Parlament auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Die Regierung regierte längst per Notverordnung.

Aber die Wiener ließen es sich nicht verdrießen. Politik war ohnehin nicht massentauglich, "alles, was das Volk braucht, muss zurückstehen, weil sich die tschechischen und deutschen Nationalisten in Böhmen nicht vertragen können", zitiert Edgard Haider die Arbeiter-Zeitung vom 10. März 1914. Und er betont, dass die Wiener Kommunalpolitik erst recht nicht massentauglich war: Hier herrscht ein Klassenwahlrecht, 144 der 165 Gemeinderatssitze sind denen vorbehalten, die nennenswert Steuer zahlen.

Haider: "Wien ist von einer Klassengesellschaft geprägt. Jede dieser Gesellschaften lebt abgegrenzt von den anderen - bis hin zum Hochadel, wo der Titel Baron fast einen anrüchigen Charakter hat." Und am untersten Ende der Skala sind die Bettgeher. Tbc gilt als "Wiener Krankheit", und ein "Ringstraßenkorso der Arbeitslosen", die am 12. Februar gegen den Hunger demonstrieren, bleibt Einzelerscheinung.

Haider widmet dieser politischen Lage in seinem Buch verhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit als die meisten Quellen, mit deren geschickter Zitierung er ein Bild einer Gesellschaft zeichnet, in der die Politik an den Rand gedrängt wird und die Parsifal-Aufführung am 14. Jänner viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und das nicht nur wegen der Freude der Kunstliebhaber darüber, dass das von Richard Wagner verhängte Aufführungsverbot endlich aufgehoben war - sondern vor allem, weil die in Wirklichkeit gar nicht so kunstsinnige Gesellschaft keine größere Sorge hatte als die richtige Kleidung zur Premiere: "Im Vestibül staut sich das Publikum, um den hereinrauschenden Glanz zu bewundern. Und es wird eine wahre Moderevue, ein Einmarsch des ganzen Geschmacks, Reichtums und Prunks, den Wien entfalten kann", zitiert Haider Das Interessante Blatt.

Und in den Monaten danach: Feste, Bälle, Pferderennen, bei denen sich die ihren Untergang noch keineswegs ahnende Gesellschaft unbeschwert zeigt.

"Ihren guten Tag hatte die Herrenwelt. Das kalte Wetter machte es zur fast selbstverständlichen Pflicht, die Derbymode einzuhalten, die bekanntlich in Cutaway und Zylinder besteht. Im Gegensatze zum Vorjahre blieben die 'Legeren' mit dem Sommeranzug und dem weichen Hut in der Minderheit", konnte man etwa in der Neuen Freien Presse über den für ihre Leser anscheinend wichtigsten Aspekt des Rennens am 7. Juni 1914 lesen.

Denkt man doch an Krieg, dann wohl am liebsten an dessen glückliches Ende - 1914 war ja auch das Jahr des Gedenkens an den Wiener Kongress, bei dem 1814 die Welt nach den Napoleonischen Kriegen neu geordnet wurde. Man feiert das natürlich ganz unpolitisch - mit einer "Alt-Wiener Walzerjause", ausgerichtet von der Fürstin Pauline Metternich: "Sie hat es durchgesetzt, dass man sich vom Eingang bis in den letzten Saalwinkel wirklich in dem alten lieben Wien befand."

Und wer es sich nicht leisten konnte, zu solchen Festen zu gehen, der ging eben in den Prater. Dort hatte man das pleitegegangene "Venedig in Wien" geschleift und stattdessen vor dem Riesenrad das durch die Stadterweiterung verlorengegangene Alt-Wien von 1814 nachgebaut. "Hier gelangt ein großes patriotisches Festspiel zur Erstaufführung", zitiert Haider die Reichspost.

Zwei Jahre später wird man am selben Ort Schützengräben ausheben und Gebirgsstellungen nachbauen. Auch nur zum Schein - und zur Verherrlichung des Krieges, der 1914 unvorstellbar war. (Conrad Seidl/DER STANDARD, 30.11.2013)

Edgard Haider, "Wien 1914 - Alltag am Rande des Abgrunds". € 24,90 / 301 Seiten. Böhlau, Wien 2013

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