Chroniken (un)vermeidbarer Ereignisse

1. Dezember 2013, 17:45
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Wäre der Untergang der Monarchie vermeidbar gewesen? Den Verlauf der Ereignisse zeichnen zwei Bücher minutiösest nach

"Ein gutes Omen für das neue Jahr bedeutet der Abschluss des alten. Mit erneuter Zuversicht blickt man der Tätigkeit des Parlaments entgegen, das in den letzten Tagen des alten Jahres sich von den gefährlichen Fesseln der Obstruktion befreite", huldigte das regierungsnahe Wiener Fremdenblatt dem 1. Jänner 1914. Sogar eine Steuerreform stellte man in der Neujahrsausgabe in Aussicht.

Die Menschen in Berlin, Wien, Budapest, Petersburg, London und Paris begingen voller Zuversicht Neujahr. Erschreckend passend sollte Arthur Schnitzlers Silvesterlektüre das Jahr einläuten: Der große Krieg in Deutschland von Richarda Huch. In Anschluss daran weilte Schnitzler beim Roulette. "Ich blieb ziemlich al pari (...) Es war recht animiert." Zusammengetragen hat dies der Journalist Gerhard Jelinek. Anhand von Zeitungen, Notizen, Tagebucheinträgen etc. zeichnet Schöne Tage 1914 eine Chronik der Ereignisse vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August selben Jahres.

Jelinek stellt die Frage, ob die Menschen geahnt haben könnten, dass das Jahr innerhalb weniger Monate zum Untergang einer Epoche, zur Veränderung der gesamten politischen und territorialen Ordnung Europas führen sollte. Politische Depeschen wechseln sich mit Theaterglossen, zeitgenössischen Rezensionen, Einschätzungen sowie gesellschaftlich Relevantem wie Mode und Etikette ab. Der gelernte Jurist, langjährige Moderator und Leiter der Abteilung Dokumentation und Zeitgeschichte des ORF fügt die einzelnen Mosaiksteine minutiös zu einem spannenden Kaleidoskop zusammen.

Ähnlich der Ansatz des Historikers Johann János Szegö. Wobei seine Chronik einerseits enger gefasst ist und anderseits weit darüber hinausgeht. Penibel recherchiert beschreibt er en detail den Zeitpunkt des knappen Monats vom Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand bis zur Kriegserklärung. Von Sarajevo bis Bad Ischl porträtiert eingangs aber auch sämtliche Protagonisten, stellt Proponenten und die besondere geopolitische Situation in facettenreichen Dimensionen dar.

In einer Ouvertüre begegnen wir dem Charme des Vielvölkerstaats, der Fratze des Nationalismus und dem nicht zuletzt darin begründeten dräuenden Untergang. In einem Epilog zieht der ehemalige Präsident der Wiener Fremdenführer - echte k. u. k. Melange (geboren 1936 in Ungarn, seit 1956 in Wien verortet) - Parallelen zum Hier und Jetzt. Was haben Sarajevo und Bagdad gemein? Was George Bush und Kaiser Franz Joseph? Analogien in Unwissenheit, Naivität, falscher, schlechter Berater und eine sich in Selbstsicherheit, gefälliger Saturiertheit, der Dämonie der Gemütlichkeit und purem Hedonismus frönende Gesellschaft liegen auf der Hand.

Die Kluft einer Ära der zwei Geschwindigkeiten - bedingungsloser Fortschrittsglaube und gleichsam Festhalten an überkommenen Traditionen - sieht auch Jelinek als Synonym des Verfalls. Er zitiert schließlich mahnende Rufer in der Wüste der Erkenntnis wie Bertha von Suttner, Karl Kraus, der die Konfrontation mit der Zensur vermied, indem er ein Jahr lang die Fackel schweigen ließ, oder Hugo von Hofmannsthal, der verzweifelt wider den drohenden Krieg appellierte:

"In Augenblicken wie diesen, den wir durchleben, gibt es kein gleichgültiges Handeln. Jeder ist vorgerufen, auf jedem ruhen, ohne dass er es weiß, tausend Blicke. Jetzt ist jeder mutig oder feige und also gut oder böse. Und gegen den Feigen, den Bösen ist jedes Mittel recht. Niemand steht heute gegen niemand in diesem weiten Reiche, nicht Nation wider Nation, nicht Klasse wider Klasse. Aber jeder Böse, jeder Feige muss fühlen, dass er diesen Gottesfrieden bricht." Memento mori. Wehret den Anfängen! (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 30.11.2013)


  • Gerhard Jelinek, "Schöne Tage. 1914". € 23,- / 320 Seiten. Amalthea, Wien 2013
  • Johann Szegö, "Von Sarajevo bis Bad Ischl". € 19,90 / 224 S., Metro, Wien 2013
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