Manisch-depressiver Feldherr

29. November 2013, 18:25
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Conrad von Hötzendorfs unheilvoller Einfluss auf das militärisch-politische Schicksal der Doppelmonarchie in einer neuen Biografie

Der Kaiser war äußerst ungehalten. Bei einer Audienz am 15. November 1911 zeigte er dem Generalstabschef seines Heeres den allerhöchsten Unmut: "Diese fortwährenden Angriffe, besonders die Vorwürfe wegen Italien und dem Balkan, die sich immer wiederholen, die richten sich gegen Mich; die Politik mache Ich, das ist Meine Politik! Meine Politik ist eine Politik des Friedens. Dieser Meiner Politik müssen sich alle anbequemen. Es ist ja möglich, dass es zu diesem Krieg kommt, auch wahrscheinlich. Er wird aber erst geführt werden, bis Italien uns angreift."

Zwei Wochen später wurde der so Angefahrene, Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, nochmals zum Kaiser befohlen und abgesetzt. Zum Trost erhielt er das Großkreuz des Leopold-Ordens.

Franz Joseph hatte genug gehabt vom ständigen Drängen Conrad von Hötzendorfs auf Präventivkriege gegen die Nachbarn Italien und Serbien. Der intensiv politisierende Militär, der noch dazu (zeitweilig) die Unterstützung seines ungeliebten Neffen und Thronfolgers Franz Ferdinand hatte, war ihm einfach auf die Nerven gegangen. Und: Krieg war, wie ja auch drei Jahre später bewiesen, immer noch das Prärogativ des Monarchen.

Die Aufzeichnung des kaiserlichen Zornesausbruchs stammt von Conrad selbst. Er war ein Vielschreiber, der sich auch gern in selbstquälerischen Betrachtungen übte. Ein aggressiver, von deutschnationalen Herrenmenschenideen besessener Ehrgeizling, der gleichzeitig in nervöser Selbstbetrachtung schwelgte ("Tagebuch des Leidens") und sein Privatleben mit der Weltgeschichte verknüpfte: Den Ausbruch des Weltkrieges verband er mit einem Ultimatum an seine langjährige verheiratete Geliebte, ihn nun endlich zu ehelichen. Schon vorher verknüpfte er den herbeigesehnten Krieg mit der endgültigen Eroberung der Frau: "Die Zeiten sind ernst und das kommende Jahr wird aller Voraussicht nach den Krieg bringen", notierte er 1908 in seinem "Tagebuch". "Komme ich aber - was ich nur schüchtern zu hoffen wage - vom Erfolg gekrönt zurück - dann Gina, breche ich alle Fesseln, um das höchste Glück meines Lebens, um 'Dich' zu erringen. Was aber, wenn die Dinge anders kommen und sich alles im faulen Frieden fortschleppt, Gina, was dann?"

Der Mann war damals 59 Jahre alt. Das militärisch-politische Schicksal der Habsburgmonarchie wurde von einem Grenz-Manisch-Depressiven entscheidend mitbestimmt. Seine Amtsenthebung wäre besser definitiv geblieben. Aber er wurde auf Drängen von Franz Ferdinand (der seine Präventivkriegspläne nicht teilte) bald wieder eingesetzt und hatte Gelegenheit, sowohl am Kriegsbeschluss wie dann am katastrophalen Verlauf des Krieges entscheidend mitzuwirken.

Der österreichische Historiker Wolfram Dornik (Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung Graz) hat eine faszinierende Studie über Conrad vorgelegt: Des Kaisers Falke. Wer war er, fragt Dornik: "Ein genialer Stratege? Ein wirklichkeitsferner Kriegstreiber? Ein Rassist, Sozialdarwinist und Antisemit? War er Getriebener eines Systems, wie weit ging seine Handlungsfreiheit? Wie groß ist sein Anteil an der Herbeiführung des Ersten Weltkriegs? Sind ihm Fehler in der Armeeführung zuzuschreiben? Ist er für Kriegsverbrechen verantwortlich zu machen?"

Die Antworten sind durch die Geschichte und Conrads Selbstzeugnisse gegeben. Er war ein Kriegstreiber, der die Rettung der Monarchie nur durch manisch geforderte Präventivkriege sah. Er war sicher wirklichkeitsfremd, indem er verdrängte, dass der Krieg sich nicht auf Serbien beschränken ließ und mit Russland als mächtigem Gegner zu rechnen war. Er hatte ganz sicher eine rassistische Herrenmenschenphilosophie, die mit dem Vielvölkerstaat nicht vereinbar war. Unter seinem Kommando und mit seiner Zustimmung sind in Serbien und an der Ostfront (Galizien, Ukraine) schwerste Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung begangen worden. Was seine strategischen Fähigkeiten betrifft, so beging er den schweren Fehler, zunächst unbedingt "seinen" Rachekrieg gegen Serbien führen zu wollen, während die russische Front katastrophal vernachlässigt wurde. Aber nicht einmal Serbien konnte im ersten Anlauf besiegt werden, die Russen konnten erst in den Karparten unter allergrößten Verlusten zum Stehen gebracht werden. Ohne die von Conrad gehasst-geliebten Deutschen wäre Österreich-Ungarn schon Ende 1914 erledigt gewesen. Wobei Conrad gegenüber der deutschen Generalität "wie der schlimme Schuljunge gegenüber dem Vorwürfe machenden Lehrer" (ein Mitarbeiter) auftrat.

"Der Krieg stärkt ein Volk, er stählt Körper und Charakter, der Handel bringt es herab, er fördert Wohlleben, Genußsucht, Verweichlichung und führt allmählich zum Verfall." Das blieb auch sein Credo nach seiner Absetzung durch Kaiser Karl und nach der Niederlage. Diese sozialdarwinistische Weltanschauung wurde begeistert von deutschnationalen und später Nazi-Kreisen aufgegriffen. Noch 2008 äußerte sich der ehemalige Generalstabschef Edmund Entacher verständnisvoll über den "vorbildlichen" Offizier, der eben an Unzulänglichkeiten seines Umfelds gescheitert sei. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 30.11.2013)


Wolfram Dornik: "Des Kaisers Falke. Wirken und Nach-Wirken von Conrad von Hötzendorf". € 24,90 / 280 Seiten, Studienverlag Innsbruck 2013

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    coverfoto: studienverlag
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