An der Front der tödlichen Nebensächlichkeiten

29. November 2013, 16:58
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Wo heute Touristen Fotos schießen, ratterten einst Maschinengewehre: Vor der Kulisse der Dolomiten fochten Österreicher und Italiener um Gipfel, Grate und Scharten

Die Sonne strahlt vom Himmel, doch ohne Lampe geht es nicht weiter. Ein schwarzer Schlund verschluckt den Pfad, der sich durch einen Irrgarten kalkbleicher Felsnadeln bergan schlängelt. Mehr als hundert Holzstufen führen durch die feuchte Dunkelheit, mit jedem Schritt wächst die Beklemmung. Vereinzelt aber spenden Durchbrüche Luft zum Aufatmen - und geben grandiose Blicke auf weiß glacierte Gipfel und altweibersommerliche Almen frei.

Es waren keine kreativen Tourismusmanager, die hier, auf mehr als 2400 Metern, einen Abenteuerspielplatz in den Stein gehauen haben. Vor fast hundert Jahren bohrten sich italienische Soldaten durch den Paternkofel, um einen sicheren Nachschubweg zu ihren Stellungen am Fuße der schon damals berühmten Drei Zinnen zu schaffen. Lediglich dort, wo keine feindlichen Kugeln drohten, brachen die Pioniere Lichtschächte in die Tunnelwand.

In großer Überzahl besetzten die Truppen Italiens im Frühling 1915 Grate, Scharten und Spitzen entlang der Gebirgsfront zwischen Julischen Alpen und Schweizer Grenze. Als das Königreich dem einst verbündeten Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, um vermeintlich italienische Gebiete zu "erlösen", hatten sich die Habsburgerheere bereits ein Dreivierteljahr an der Ostfront aufgerieben. Doch die Angreifer zauderten - und gaben dem Gegner Zeit, sein letztes Aufgebot zu formieren. Tiroler Standschützen traten, vom deutschen Alpenkorps entscheidend verstärkt, zur Verteidigung an. Als "Armee der Kinder und Greise", von 14 bis über 70 Jahre alt, galt die traditionsreiche Miliz, verstand aber - wie ein Offizier vermeldete - "herrlich" zu treffen: "Lauter Kopfschüsse."

Ducken müssen sich heute nur noch Bergsteiger, die der immer engere Paterntunnel in die Nordwand des Massivs ausspuckt. Vorbei an rostigem Stacheldraht geht es über Felsrippen empor, ehe ein paar Armzüge an fixen Stahlseilen über ein ausgesetztes Wandl zum Gipfel geleiten. Das leidende Antlitz Jesu prangt am hölzernen Kreuz, darunter eine Gedenktafel für einen Mann, der kaum weniger Stoff für Legenden bietet. Der Bergführer Sepp Innerkofler, Wirt der Dreizinnenhütte und später von den Nazis glorifiziert, starb hier im Kugelhagel, weil die Militärs erkannt hatten, was jeder Gipfelbezwinger bestätigen wird: Der Paternkofel bietet den perfekten Ausblick auf das Hochplateau im Herzen der Sextener Dolomiten.

"Es gibt 70 Versionen, wie der Innerkofler gestorben ist", sagt Rudolf Holzer. Der Sextener Gemeindechronist erzählt eine, die sich wenig für Nationaltümelei eignet: Von einem Vorgesetzten beleidigt, habe sich der Bergführer in das Himmelfahrtskommando hetzen lassen, die italienischen Besatzer vom 2744 Meter hohen Turm zu vertreiben. Knapp unter dem Gipfel, meint Holzer nach intensivem Quellenstudium, habe wohl das Sperrfeuer der eigenen Kameraden den Sepp zur Strecke gebracht.

Wo der Tod lauerte, lässt sich in den Wänden hinter der Zinnenhütte besichtigen. Aus Kavernen feuerten die Soldaten ihre Geschütze ab, die im splitternden Gestein umso verheerendere Wirkung entfalteten. Bis über 3000 Meter hinaus hievten die von Hunger und Läusen geplagten Truppen schwere Kanonen, auf österreichischer Seite unter intensivem Einsatz russischer Kriegsgefangener. Nur bei Nebel und Nacht wagten sie sich aus ihrer Deckung - stets auf der Hut vor dem Lichtkegel des Suchscheinwerfers, den die Italiener auf die sonst Kletterern vorbehaltene große Zinne gezerrt hatten.

Abgesehen von den "Walschen" wartete aber noch "ein viel furchtbarerer Feind", berichtet der Offizier Anton von Mörl, der im zweiten Kriegsjahr auf das Zinnenplateau versetzt wurde. Lawinen zermalmten Unterstandsbaracken, als wären sie aus Streichhölzern gebaut, von geschätzten 150.000 Gebirgskriegsopfern geht wohl ein gutes Drittel auf das Konto von Naturgewalten. Unglaubliche 33 Meter Schnee sollen im Laufe des Rekordwinters 1916/17 auf der Hochebene gefallen sein, schreibt Mörl, binnen weniger Tage habe der "weiße Tod" seine Riesenflügel über tausende Kameraden auf beiden Seiten gebreitet. Immer wieder notiert der Leutnant lapidar: "Und es schneit, als ob es noch nie geschneit hätte."

Auch heuer erstattete der Winter den Dolomiten frühen Besuch. Ein Kälteeinbruch hat Anfang Oktober die Touristenmassen verscheucht, die Gondeln sind stillgelegt, die Hütten verrammelt. In Nordrinnen geht es durch knietiefen Schnee, abschüssige Felsbänder sind von pickelhartem Firn gepanzert. Die beim langen Zustieg durch tautriefende Lärchenwälder schon als unnötiger Ballast verfluchten Steigeisen entpuppen sich in heiklen Passagen als Lebensversicherung.

Es ist ein schwindelerregender Pfad, den die italienischen Gebirgskrieger hoch über dem Bacherntal hinterlassen haben. Zwischen Steilwand und Bodenlosigkeit schmiegt sich der "Alpinisteig" an zerklüftete Abbrüche, um schließlich unter Überhängen in eine arenaförmige Schlucht einzutauchen. Wo einst gegnerisches Feuer drohte, schießen heute Bergsteiger Fotos im Akkord.

Die "Alpini" hatten im Frühjahr 1916 nur Augen für die Stellung der Österreicher in der nahen Sentinellascharte. Nächtliche Stoßtrupps mühten sich den zerfransten Grat des Elferkofels empor; vor Morgengrauen machte stets ein Soldat mit Besen die Runde, um durchs Fernglas sichtbare Spuren aus dem Schnee zu wischen. Nach wochenlanger Vorbereitung glückte der Coup: Auf Eispickel gestützt rodelten die Italiener in weißen Tarnanzügen durch eine Eisrinne in den Sattel hinab. Das Gros der übertölpelten Besatzung geriet in Gefangenschaft, drei Österreicher retteten sich Hals über Kopf durch ein Kar ins Tal.

Nutzlose Husarenstücke

Die Erinnerungstafeln in der Sentinellascharte täuschen nicht darüber hinweg, dass das Husarenstück für den Kriegsausgang ebenso nebensächlich war wie all die anderen Irrwitzigkeiten jenseits der Baumgrenze. Soldaten trieben komplexe Stollensysteme in die Gletscher, verschanzten sich sogar auf dem Dach Südtirols, dem 3905 Meter hohen Ortler. Halbe Berggipfel sprengten sie in die Luft, um dem Feind buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Doch Geländegewinne blieben minimal, die Front erstarrte im Stellungskrieg.

Die Entscheidungen fielen in tieferen Gefilden: Nach einer Niederlage am Isonzo zogen die Italiener ihre Truppen im Herbst 1917 aus den Dolomiten nach Süden ab, gegen Westen zu verharrte die Front ein weiteres Jahr im Hochgebirge. Mancher Tiroler Schütze fühlte sich bereits als Sieger, ehe der Zerfall der k. u. k Monarchie die Träume platzen ließ. Wie von den Alliierten vor Kriegsbeginn besiegelt, fiel Südtirol an Italien.

Eine fatale militärische "Fehllehre" erkennt der Dorfchronist Holzer hinter den verbissenen Gefechten um zur strategischen Notwendigkeit erklärte Gipfel und zitiert einen Soldaten, dem die Sinnlosigkeit bereits vor hundert Jahren gedämmert ist. "Was, diese Felsen sollen wir verteidigen?", hat ein Brigadist aus dem Adriahafen Ancona der Überlieferung nach bei seiner Ankunft in den Dolomiten gefragt: "Die soll man den Österreichern schenken!" (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2013)

Kriegskletterei

Es sind lange Bergtouren auf einstigen Kriegswegen: Von Sexten im Osten Südtirols aus begangen, ist sowohl für den Alpinisteig als auch die Besteigung des Paternkofel (2744 m) mit Gehzeiten von neun Stunden aufwärts zu rechnen (hin und retour). Die versicherten Klettersteigpassagen sind mittelschwer, was aber nur bei guten Bedingungen gilt. Vor allem die ausgesetzten Bänder des Alpinisteiges (bis Schwierigkeitsgrad C) bergen große Tücken, wenn hart gefrorener Schnee das Sicherungsseil verdeckt. Bei heikler Lage sind neben Helm und Klettersteigset auch Steigeisen nötig. (Gerald John)

  • Grandiose Szenerie auf altem Kriegsweg: der Alpinisteig in den Sextener Dolomiten.
    foto: gerald john

    Grandiose Szenerie auf altem Kriegsweg: der Alpinisteig in den Sextener Dolomiten.

  • Der Gebirgskrieg in den Alpen war ein zermürbender Stellungskrieg. Im Bild ein Soldat im Hochgebirge an der Dolomitenfront im Winter 1915/16 - fotografiert vom k. u. k. Kriegspressequartier, der Propagandaeinrichtung der österreichischen Armee.
    foto: bildarchiv austria/önb

    Der Gebirgskrieg in den Alpen war ein zermürbender Stellungskrieg. Im Bild ein Soldat im Hochgebirge an der Dolomitenfront im Winter 1915/16 - fotografiert vom k. u. k. Kriegspressequartier, der Propagandaeinrichtung der österreichischen Armee.

  • Schwerpunkt: Gedenkjahr 2014
    grafik: der standard

    Schwerpunkt: Gedenkjahr 2014

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