Kreativer Zweckpatriotismus

29. November 2013, 19:05
posten

Künstlerisch gewann die Wiener Werkstätte viele Schlachten, auch mit patriotischen Produkten, die an die anfängliche Kriegseuphorie erinnern

An der künstlerischen Front hatte die 1903 gegründete Wiener Werkstätte (WW) stets Erfolge verzeichnet, nicht aber an der wirtschaftlichen. Lieber zehn Tage an einem Gegenstand zu arbeiten, als deren zehn an einem Tag zu produzieren, war das angestrebte Ideal und zeitgleich ein Anspruch, der sich aus kaufmännischer Perspektive als fatal erweisen sollte. Im zehnten Bestandsjahr hatten die finanziellen Schwierigkeiten einen neuen Höhepunkt erreicht, der in gravierendem Kontrast zur gegenwärtigen Bewertung für WW-Kreationen steht, für die internationale Sammler bis zu sechsstellige Eurobeträge springen lassen.

Der kaufmännische Direktor und Mitbegründer Fritz Waerndorfer - der sein Privatvermögen in das Abenteuer "Wewe" investiert hatte - wurde hinauskomplimentiert und das Unternehmen in eine neue Betriebsgesellschaft umgewandelt. Insofern hatte das Jahr 1914 turbulent begonnen, auch weil die kommerziell relevante Werkbundausstellung in Köln bevorstand. Vor Ort lauerte anderes Ungemach: ein Wolkenbruch zerstörte bzw. beschädigte WW-Ware im Wert von 7.000 Kronen und galt es bis zur Eröffnung Mitte Mai potenzielle Präsentationslücken zu schließen.

Angesichts des österreichischen Programms verteilte die zeitgenössische Kritik dann mehrheitlich Lob, aber auch eine Brise Tadel. Demnach handle es sich um "Luxuskunst für die oberen Zehntausend der modernen Großstadt, etwas für die mondänen Launen von Snobs und für die Bedürfnisse dekadenter Ästheten, aber im Grunde doch nicht recht zu gebrauchen", attestierte etwa ein deutscher Journalist. Die Auftragsbücher der WW füllten sich, wiewohl zögerlich. Entsprechend der geplanten Laufzeit der ersten Leistungsschau des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds sollte sich bis Ende Oktober also pekuniär noch einiges tun. Es kam anders, denn die Kölner Werkbundausstellung wurde nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges vorzeitig beendet.

Im Dorotheum gelangen im Rahmen der nächsten Autografenauktion (4.12.) übrigens zwei bislang unbekannte Schriftstücke zur Versteigerung, die von der Zuspitzung der Situation im Sommer 1914 zeugen: zwei handgeschriebene Telegrammentwürfe Franz Joseph I. (Rufpreis je 3000 Euro), die er am 1. August verschicken ließ. Einerseits an König Karl I. von Rumänien, an dessen Bündnispflicht er appellierte, und andererseits an König Viktor Emanuel III. von Italien, dessen Mitwirkung der Kaiser einforderte. Vergeblich, in beiden Fällen flüchtete man vorerst auf das Neutralitäts-Terroir und 1915 (Italien) sowie 1916 (Rumänien) schließlich in den gegnerischen Entente-Verbund.

Mit Blusen aus der Krise

Zurück zur WW, die wie jedes andere Unternehmen von den Ereignissen betroffen war, von Kriegsdienst bedingtem Arbeitskräftemangel ebenso wie von Materialknappheit. Die Arbeitszeiten in den Werkstätten wurden reduziert. Laut einem Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 16. September 1914 sollte die Modeabteilung gesperrt, die Arbeit jedoch mit der Produktion von "drei patriotischen Blusen" wieder aufgenommen werden. Die Bilanz der Blusenabteilung: von 1. November 1914 bis 31. März 1915 notierte man 2.500 Bestellungen. Wegen unregelmäßiger Postverbindungen konnten Liefertermine jedoch nicht eingehalten werden und Stornierungen waren die Folge.

Später brachten Import- (Deutschland) bzw. Exportverbote auf Konfektion (Österreich) das Blusenprojekt zum Erliegen.

Dazu war die Kaufkraft unter dem Schrapnellfeuer des Ersten Weltkrieges selbstredend massiv geschrumpft. Vor allem die Aufträge an Metall- und Silbergegenständen gingen rapide zurück und man suchte beim Kriegsministerium um "Zuteilung von Lieferungen auf kleine Stanzartikel" an.

Zeitgleich hatte der Mangel an eingerückten Facharbeiten aber auch zur Folge, dass nur laufende Aufträge ausgeführt, doch keine neuen Modelle geschaffen werden konnten. Aus Sicht der WW kam die Initiative des damaligen Ministers für öffentliche Arbeiten, die in einer Ausstellung im ÖMKI mündete, also zur rechten Zeit: Dabei ging es um die Herstellung von Objekten, "die als Kriegserinnerungen zu dienen geeignet" waren, die "in Gestalt und Schmuck zu den Ereignissen der Jahre 1914/15 Beziehungen" besaßen "und den patriotischen Zweck zum Ausdruck zu bringen" vermochten.

Anfeuernde Kriegseuphorie

Die anfängliche Kriegseuphorie spiegelte sich eilends in WW Entwürfen, die von externen Produzenten ausgeführt und als Kommissionsware übernommen wurden: darunter emaillierte Abzeichen (Johann Souval), Kaffeetassen (Vereinigte Wiener und Gmundnerkeramik) oder sogenannte Kriegsgläser (Johann Oertel, Haida), die, wie Mak-Kustos Rainald Franz (Slg. Glas und Keramik) erklärt, bis zum Ende der Monarchie 1918 zu einem wichtigen Produktzweig avancierte.

Neben Dagobert Peche und Josef Hoffmann zeichneten für diese Entwürfe nicht vom Kriegsdienst betroffene Schülerinnen der Wiener Kunstgewerbeschule (u. a. Helene Gabler, Kitty Rix) zuständig. Die in Email ausgeführten Dekore dominierten die charakteristischen Flaggen oder griffen in ornamentaler Weise deren Farbgebung auf: schwarz-gelb (Haus Habsburg), rot-weiß-grün (Königreich Ungarn) sowie schwarz-weiß-rot (Deutsches Reich).

"Durch eingebrannte Bemalung auf glatten einfachen Gebrauchsgläserformen ist der ganze anfeuernde Effekt, der im Zusammenwirken der ungebrochenen Flaggenfarben liegt, geschickt und diskret ausgenutzt", berichtete ein Zeitgenosse.

Die von 22.247 Personen besuchte Ausstellung (9.-21.2.1915), informierte eine Mitteilung, habe "außer dem moralischen auch einen günstigen finanziellen Erfolg" gehabt. Und während anschließend 50.000 Zinnsoldaten aus der Privatsammlung eines Finanzrates im Museum Aufstellung nahmen, trudelten die Bestellungen bei der WW ein. Nicht alle der handgemalten Designs fanden nachhaltige Anerkennung, wie die Kalkulationsbücher im WW-Archiv für den Zeitraum Mai 1915 bis Ende 1918 dokumentieren. In die Kategorie Bestseller fiel mit 90 ausgeführten Gläsern jedenfalls der Rix-Entwurf SMS Emden: ein legendärer Kreuzer - mit falschem Schornstein, der das Aussehen gegnerischer britischer vortäuschte - der am Beginn des Ersten Weltkrieges in zwei Monaten 23 feindliche Handels- und zwei Kriegsschiffe versenkte oder aufbrachte.

Nur ein Bruchteil dieser patriotischen Kreationen überdauerte das nachfolgende Jahrhundert. Vereinzelt tauchen WW-Kriegsgläser im Angebot von Jugendstil-Auktionen oder im spezialisierten Kunsthandel auf. Je nach Dekor bezahlen einschlägige Sammler dafür zwischen 500 und 6.000 Euro. Im Wert liegen sie damit überaus deutlich unter jenen Kreationen, mit denen die WW zu internationalem Ruhm gelangte.

In der geschmacksbildenden Kampfzone sollte man noch einige Schlachten gewinnen: mit Wohnungsausstattungen für die Elite (u. a. für Sonja und Anton Knips (1915), Berta Zuckerkandl (1916), Paul Wittgenstein (1916)) ebenso wie mit den 1916 eingerichteten Künstlerwerkstätten und in den nachfolgenden Jahren geschaffenen Objekten.

Die anschließende Weltwirtschaftskrise hatte allerdings zur Folge, dass die WW den Krieg an der Profitfront mit dem Bankrott 1932 endgültig verlieren sollte. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 30.11./1.12.2013)

  • Glasbecher aus den Anfängen der Kriegsglasproduktion der Wiener Werkstätte. Die Form entwarf Josef Hoffmann, das patriotische Dekor vermutlich Helene Gabler. Die Flaggen der verbündeten Mittelmächte ermöglichen eine genauere Datierung für Ende 1914: im Vordergrund das Osmanische Reich (ab 29.10.1914) an der Seite des Hauses Habsburg (schwarz-gelb), des Deutschen Kaiserreiches (schwarz-weiß-rot) und des Königsreichs Ungarn (rot-weiß-grün).
    foto: dorotheum

    Glasbecher aus den Anfängen der Kriegsglasproduktion der Wiener Werkstätte. Die Form entwarf Josef Hoffmann, das patriotische Dekor vermutlich Helene Gabler. Die Flaggen der verbündeten Mittelmächte ermöglichen eine genauere Datierung für Ende 1914: im Vordergrund das Osmanische Reich (ab 29.10.1914) an der Seite des Hauses Habsburg (schwarz-gelb), des Deutschen Kaiserreiches (schwarz-weiß-rot) und des Königsreichs Ungarn (rot-weiß-grün).

  • Auf diesem Kriegsglas verewigte "Frl. Rix" (Kitty oder Felice) die SMS Emden, ein legendärer Kreuzer, der am Beginn des Ersten Weltkrieges in zwei Monaten nicht weniger als 23 feindliche Handels- und zwei Kriegsschiffe versenkte oder aufbrachte. Mit 90 Ausführungen (Mai 1915 bis Ende 1918) rangiert dieses Modell in der Kategorie Bestseller. Im November 2011 wechselte dieses Glas für 3.444 Euro im Dorotheum den Besitzer.
    foto: dorotheum

    Auf diesem Kriegsglas verewigte "Frl. Rix" (Kitty oder Felice) die SMS Emden, ein legendärer Kreuzer, der am Beginn des Ersten Weltkrieges in zwei Monaten nicht weniger als 23 feindliche Handels- und zwei Kriegsschiffe versenkte oder aufbrachte. Mit 90 Ausführungen (Mai 1915 bis Ende 1918) rangiert dieses Modell in der Kategorie Bestseller. Im November 2011 wechselte dieses Glas für 3.444 Euro im Dorotheum den Besitzer.

  • In stilisierter Form verarbeitete Dagobert Peche hier die charakteristischen Flaggenfarben: schwarz-gelb (Haus Habsburg), rot-weiß-grün (Königreich Ungarn) sowie schwarz-weiß-rot (Deutsches Reich). Die Ausführung überließ die Werkstätte Johann Oertel (Haida) und übernahm die Gläser anschließend in Kommission. Dieses Modell wurde anlässlich der Ausstellung für "Kriegserinnerungsartikel" im Februar 1915 im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) präsentiert.
    foto: im kinsky

    In stilisierter Form verarbeitete Dagobert Peche hier die charakteristischen Flaggenfarben: schwarz-gelb (Haus Habsburg), rot-weiß-grün (Königreich Ungarn) sowie schwarz-weiß-rot (Deutsches Reich). Die Ausführung überließ die Werkstätte Johann Oertel (Haida) und übernahm die Gläser anschließend in Kommission. Dieses Modell wurde anlässlich der Ausstellung für "Kriegserinnerungsartikel" im Februar 1915 im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) präsentiert.

  • Der Entwurf dieser Gläser stammt von Reni Schaschl, einer Schülerin von Josef Hoffmann und (ab 1916) Mitarbeiterin der WW. Der Entwurf datiert frühestens Ende 1915, wie das Flaggen-Dekor belegt: beim rechten Glas u.a. die das ungarische Königsreich repräsentierende rot-weiß-grüne Fahne, beim linken wurde auch die bulgarische (weiß-grün-rot) verarbeitet. Seit 4. September 1915 kämpfte Bulgarien an der Seite der Mittelmächte (Deutsches Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich).
    foto: dorotheum

    Der Entwurf dieser Gläser stammt von Reni Schaschl, einer Schülerin von Josef Hoffmann und (ab 1916) Mitarbeiterin der WW. Der Entwurf datiert frühestens Ende 1915, wie das Flaggen-Dekor belegt: beim rechten Glas u.a. die das ungarische Königsreich repräsentierende rot-weiß-grüne Fahne, beim linken wurde auch die bulgarische (weiß-grün-rot) verarbeitet. Seit 4. September 1915 kämpfte Bulgarien an der Seite der Mittelmächte (Deutsches Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich).

  • Bislang unbekannter Telegrammentwurf Kaiser Franz Joseph I. an König Viktor Emanuel III. von Italien vom 1. August 1914, der in der Autographen-Auktion (4.12.) im Dorotheum versteigert wird (Rufpreis 3.000 Euro): "Russland, das sich das Recht anmaßt sich in unseren Konflikt mit Serbien einzumischen, hat seine Armee und Flotte mobilisiert und bedroht den Frieden Europas. Ich bin entschlossen im Einvernehmen mit Deutschland die Rechte der Triple Alliance zu verteidigen und ich habe die Mobilisierung meiner gesamten Militär- und Seekräfte angeordnet. Wir verdanken dem Bündnis, das uns eint, dreißig Jahre Frieden und Wohlstand und mit Zufriedenheit konstatiere ich die gleiche Interpretation durch unsere Regierungen. Ich bin glücklich in diesem feierlichen Moment auf die Mitwirkung meiner Verbündeten und ihrer tapferen Armee zählen zu können und ich spreche meine wärmsten Wünsche für den Erfolg unserer Waffen und für eine ruhmreiche Zukunft unserer Länder aus." Zwei Tage später erfolgte entgegen den Erwartungen des Kaisers Italiens Neutralitätserklärung – am 25. Mai 1915 schließlich der Beitritt zum gegnerischen Entente-Verbund.
    foto: dorotheum

    Bislang unbekannter Telegrammentwurf Kaiser Franz Joseph I. an König Viktor Emanuel III. von Italien vom 1. August 1914, der in der Autographen-Auktion (4.12.) im Dorotheum versteigert wird (Rufpreis 3.000 Euro): "Russland, das sich das Recht anmaßt sich in unseren Konflikt mit Serbien einzumischen, hat seine Armee und Flotte mobilisiert und bedroht den Frieden Europas. Ich bin entschlossen im Einvernehmen mit Deutschland die Rechte der Triple Alliance zu verteidigen und ich habe die Mobilisierung meiner gesamten Militär- und Seekräfte angeordnet. Wir verdanken dem Bündnis, das uns eint, dreißig Jahre Frieden und Wohlstand und mit Zufriedenheit konstatiere ich die gleiche Interpretation durch unsere Regierungen. Ich bin glücklich in diesem feierlichen Moment auf die Mitwirkung meiner Verbündeten und ihrer tapferen Armee zählen zu können und ich spreche meine wärmsten Wünsche für den Erfolg unserer Waffen und für eine ruhmreiche Zukunft unserer Länder aus." Zwei Tage später erfolgte entgegen den Erwartungen des Kaisers Italiens Neutralitätserklärung – am 25. Mai 1915 schließlich der Beitritt zum gegnerischen Entente-Verbund.

  • Artikelbild
Share if you care.