Veränderungen aus der Not, weniger aus Einsicht

29. November 2013, 18:02
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Die katastrophalen Auswirkungen des Weltkriegs führten im Arbeitsleben zu rigorosen Veränderungen

"Wir gewöhnten uns an das Ungewöhnliche. Es war ein hastiges Sich-Gewöhnen. Gleichsam ohne es zu wissen, beeilten wir uns mit der Anpassung, wir liefen geradezu Erscheinungen nach, die wir hassten und verabscheuten. Wir begannen unsern Jammer sogar zu lieben, wie man treue Feinde liebt. Wir vergruben uns geradezu in ihn. (...) Wir hatten alle Stand und Rang und Namen, Haus und Geld und Wert verloren, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft", resümierte Joseph Roth in seinem historischen Roman "Die Kapuzinergruft".

Erlebte Wien als Hauptstadt der k. u. k. Monarchie in der goldenen Ära des Fin de Siècle mittels einer dynamischen Industrialisierung eine rasante Entwicklung, so wurde vor allem die urbane Ökonomie ab der letalen Proklamation "An meine Völker" vom August 1914 schwer getroffen. Einige Zahlen (jüngst veröffentlicht von Wirtschaftsforscher Felix Butschek in der monumentalen Publikation "Im Epizentrum des Zusammenbruchs") verdeutlichen die fatale Dramatik. Um 1870 entfiel nur die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts auf städtische Gebiete, 1910 bereits zwei Drittel. 1869 zählte man in Wien 901.000 Einwohner, 1910 über zwei Millionen. Ein großer Teil der Industrie war in Wien und Umgebung angesiedelt. Das positive Wachstum endete abrupt. Das BIP in der österreichischen Reichshälfte sank von 596 Kronen je Einwohner Anno Domini 1913 auf 60 Kronen 1918.

Demografische Veränderungen

Die lang andauernde kriegerische Auseinandersetzung, die vernachlässigte Rüstung und damit einhergehende Inferiorität der österreichischen Truppen führte rasch zu extrem gravierenden demografischen Veränderungen. Der akute Arbeitskräftemangel - ganze Jahrgänge waren eliminiert worden - wurde durch eine Verlagerung der Frauen Richtung Produktion, Industrie kompensiert.

Die Eingliederung von Frauen in den Arbeitsprozess gewann vor allem in Wien an Relevanz. Lag beispielsweise der Frauenanteil bei der "Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt für Wien und Niederösterreich" 1914 noch bei 14 Prozent, stieg er bis 1917 auf knapp 40 Prozent. Extremer die Quote bei der Wiener Städtischen Straßenbahn: von null Prozent vor Kriegsausbruch auf über 50 Prozent 1918. Und trotz einer Arbeitslosenrate von nur 2,3 Prozent 1918 herrschte akuter Arbeitskräftemangel, sank doch die Zahl der unselbstständigen Beschäftigten von 2.190.000 anno 1913 auf 1.726.000 bei Kriegsende. Und das trotz der aktiven Eingliederung von Frauen in den Arbeitsprozess.

Sozialer Sprengstoff

Gravierende Mängel in der Versorgung sowie das Fehlen an Nahrungsmitteln und Heizmaterial bargen naturgemäß wirtschaftlichen wie auch sozialen Sprengstoff in sich. Nach der anfangs patriotischen Mobilisierung fanden im Zuge des Krieges fundamentale Wandlungen im Selbstverständnis und - auch in kommunaler Einschätzung und Wertschätzung - der Position der Arbeitnehmer statt. Maßgebliche Grundlagen für soziale Leistungen fanden hier ihren Ursprung. De facto ging die Arbeiterschaft gestärkt aus dem Krieg hervor. So fanden - aufgrund von Streikdrohungen und einer Politik der Stabilisierung, des wechselseitig duldenden "Burgfriedens" - Gewerkschaften und Belegschaftsvertreter Einzug in betriebliche und wirtschaftspolitische Körperschaften. Erwähnt seien beispielhaft eine paritätische Kommission zur Arbeitsvermittlung, Beschwerdekommissionen und - nach dem Krieg - in einer Art "sozialpolitischer Gründerzeit" Gesetzgebungen wie die Durchsetzung des "Acht-Stunden-Tages", sozialer Krankenfürsorge, des Urlaubsanspruchs von einer Woche (sic!) pro Jahr, einer Arbeitslosenversicherung und erster Kollektivverträge.

Joseph Roth, der sensible Seismograf, erkannte dieses Phänomen - und die Gefahr rechtspopulistischen Revanchismus - bereits frühzeitig. In seinem visionären, 1923 in der Wiener "Arbeiterzeitung" publizierten Fortsetzungsroman "Spinnennetz" beschrieb er die unselige Melange aus Fatalismus, Borniertheit, Aggression und Lebensunfähigkeit, die aus der Entwurzelung und dem Fehlen einer positiven Ideologie und Weltanschauung, aus Negation entstand.

Zäsur im Wirtschafts- und Sozialleben

Wenngleich die Veränderungen eher aus Not, weniger aus Einsicht, ins Rollen kamen, bedeuten sie dennoch eine Zäsur im österreichischen Wirtschafts- und Sozialleben. Sowohl Wertschätzung der Arbeitnehmer - als wesentlicher Faktor der Produktivität - an sich als auch der Frauen abseits von Hilfstätigkeiten und minderwertig eingeschätzter Berufssparten bedeuten einen Meilenstein in Richtung weiblicher Unabhängigkeit. Vorerst wirtschaftlicher, später sozialer und gesellschaftspolitischer Natur. Zeichen langsamer Demokratisierung und Gleichberechtigung. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 30.11./1.12.2013)

  • Sie arbeiteten, er passte auf, dass alles so lief wie von oben erwartet: Im Bild ein österreichischer Offizier und Arbeiterinnen in einer militärisch besetzten Seidenspinnerei in Oberitalien, Sommer 1918. Die von den Arbeiterinnen erzeugten Produkte, aber auch Rohstoffe aus den eroberten Gebieten wurden von den Besatzern als Beutegut abtransportiert.
    foto: bildarchiv austria/österreichische nationalbibliothek

    Sie arbeiteten, er passte auf, dass alles so lief wie von oben erwartet: Im Bild ein österreichischer Offizier und Arbeiterinnen in einer militärisch besetzten Seidenspinnerei in Oberitalien, Sommer 1918. Die von den Arbeiterinnen erzeugten Produkte, aber auch Rohstoffe aus den eroberten Gebieten wurden von den Besatzern als Beutegut abtransportiert.

  • STANDARD-Schwerpunktausgabe zum 1. Weltkrieg.
    foto: standard

    STANDARD-Schwerpunktausgabe zum 1. Weltkrieg.

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