Die Eltern als Sparringpartner

Kolumne8. September 2013, 17:00
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Ein Leserin schreibt:

Vor einiger Zeit bekam ich plötzlich einen Stiefsohn. Der 16 jährige Sohn meines Partners hat zuvor bei seiner Mutter gelebt. Aber nach heftigen und andauernden Konflikten lief er von zuhause weg und zog zu seinem Freund.  Seine Mutter bekam daraufhin Probleme mit dem Jugendamt und nun hat der Vater seinen Sohn zu uns geholt. Da die Zeit drängte, gab es für mich keine andere Möglichkeit als dieser Variante zuustimmen und nun bereue ich es.

Der Junge ist nett, ruhig, entspannt und freundlich und es gibt im Grunde nichts, das ihm nachgesagt werden kann, außer, dass er die Schule abgebrochen und bis jetzt noch keine Arbeit gefunden hat.

Es ist nicht einfach ihm aus dieser Situation heraus zu helfen.

Dennoch habe ich nun das konstante Gefühl als wurde jemand in mein Leben eindringen.

Ein Fremder ist in mein Haus gezogen, isst mein Essen und verwüstet das Badezimmer. Ich bin ständig genervt, obwohl ich auch merke, wie mich das verwirrt und wie irrational ich manchmal handle, wobei ich diese Gefühl nicht gegen den Jungen richte. Ich merke nur, dass ich mich in Gefahr befinde, damit meine Partnerschaft zu riskieren.

Ich bin Lehrerin und interessiere mich gundsätzlich für Kinder und mag sie sehr. Ich selbst habe 2 erwachsene Kinder, die ihr eigenes leben leben. Und nun fühle ich diesen Feind in meinem Haus, sodass ich ein intensives Gefühl nach alleine sein habe und gerne die Tür hinter mir verschliesse. Wenn diese schlechte Laune vorüber ist, so tut es mir im nachhinein leid und wenn ich mich dann dem Jungen vorsichtig nähere, dann hat er doch besseres zu tun  wie zB ein Buch zu lesen, anstatt mich anzuhören.

Ich habe meinem Partner auch schon den Vorschlag gemacht, dass er mit seinem Sohn in eine eigene Wohnung zieht und wir trotzdem ein Paar bleiben. Aber dieser Vorschlag ist nicht gut bei ihm angekommen. Er meinte, dass meine schlechte Beziehung zu seinem Sohn unsere Beziehung zertört. Haben Sie einen Rat für mich?

Jesper Juul antwortet:

Ich habe vielleicht ein paar Tipps für Sie, aber Sie müssen für sich selbst entscheiden, ob diese gut sind. Es ist immer schwierig Menschen einen Rat zu geben, die ich nicht persönlich getroffen habe und insbesondere dann über Ihre Beziehungen zu Menschen, die ich nicht kenne.

Lassen Sie mich damit beginnen, dass Sie sich nicht nach einer klassichen “bösen Stiefmutter” anhören, sondern mehr nach einer gut herangewachsenen Frau, die plötzlich mit persönlichen Grenzen konfrontiert ist, die sie bislang nicht kannte. Was noch dazu kommt ist, dass Sie und Ihr Partner dem jungem Mann Ihre Grenzen, von denen Sie wussten, nicht vorab informiert haben. Es gibt Grenzen Ihre Flexibilität betreffend, die jeden Tag überschritten werden, die Ihnen und der Beziehung zu beiden Männern in Ihrem Haus schaden.

Die Symptome dessen sind Irritation, Wut und Energieverlust – die 3 typischen Symptome, von denen alle Menschen betroffen sind, wenn Sie das Gefühl der Wertschätzung von denen die sie lieben, verlieren.

In Ihrem Fall scheint es so zu sein, dass die Ursache sowohl bei Ihrem Partner und auch bei Ihnen liegt.

Es ist nicht unnatürlich, dass Ihr Partner in der derzeigen Situation seines Sohnes seine Liebe ihm gegenüber Priorität gibt. Die zwei Arten von Liebe – die zwischen Kind und Partner – sind von Natur aus verschieden und können prinzipiell nicht verglichen werden. Ihr Partner war nicht vorsichtig genug, um sich um Ihr Wohlergehen zu kümmern. Er hat sich nicht die Zeit genommen, die neue Familiensituation mit Ihnen zu besprechen, um so auch seinen Sohn über Grenzen zu informieren, die ihm wichtig sind. Nun ist es zu spät und deshalb müssen Sie es selbst tun.

Bevor sie das tun, lege ich Ihnen nahe, die Situation mental neu zu definieren- Sie können uum Beipsiel anstatt sich überrannt zu fühlen, diese neue Herausforderung als Geschenk Ihres “Stiefsohnes” an Sie zu betrachten. Sein Art der Präsenz in der Familie bringt Sie in die Situation von neuen und unangenehmen Aspekten – Gefühle und Grenzen die vielleicht während Ihrer Kindheit nicht erlaub waren. Gerade diese sind wichtig und wertvoll und sind nun Teil Ihrer Entwicklung als Mensch und als Lehrerin. Sie geben Ihnen größere persönliche Authortität und eine tiefere Empathie für andere.

Wenn Sie das möchten, dann schlage ich vor, dass Sie den jungen Mann auf eine Pizza in der Stadt einladen. Er wird Sie fragen warum und Sie können ihm etwa folgendes antworten: "Weil es etwas wichtiges gibt, über das ich mit Dir sprechen möchte. Danke!”

Wenn Sie dann zusammen sind, können Sie Folgendes sagen:

"Als mich Dein Vater darum bat, Dir mein Haus und mein Herz zu öffnen, habe ich das gemacht ohne über die weiteren Folgen nachzudenken. Seit Du bei uns eingezogen bist, entdecke ich Gefühle und Grenzen, von denen ich vorher nichts wusste. Und dafür möchte ich Dir danken. Das, was ich gelernt habe ist, dass ich Grenzen habe, von denen ich willl, dass Sie respektiert werden und an die sich die anderen halten. Leider kann ich Dir das erst jetzt sagen, obwohl es besser für uns gewesen wäre, wenn wir das gemacht hätten, bevor Du eingezogen bist. Ich will Dir jetzt auf keinen Fall die Schuld geben. Ich will Dir nur sagen, was mir wichtig ist und warum. Ich möchte nun von Dir wissen, ob ich das darf ohne dabei auf Deine Grenzen zu treten, oder Dinge zu sagen, die Dich nerven.”

Sie wundern sich vielleicht, warum der Vater dazu nicht eingeladen ist? Er könnte, aber ich denke es ist besser, wenn Sie es zuerst alleine Versuchen. Die Aussagen Ihres Partners und das Verhalten, das er vorschlägt macht den Eindruck als ob er sich zerrissen fühlt zwischen den beiden Menschen, die er über alles liebt. Wir verbringen oft viel Energie damit diplomatisch nachzudenken und das scheint mir in diesem fortgeschrittenen Status als nicht sinnvoll. Das würde auch Ihre Beziehung zu Ihrem Partner auf eine unnötige und im Grunde irrelevante Krise bringen. Die wirkliche Krise ist in Ihre Beziehung zu seinem Sohn und die einzige, die diese lösen kann, sind sie. (Jesper Juul, derStandard.at, 29.11.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 22. September.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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