Tagebucheintrag aus dem Jahr 1914

Leserkommentar29. November 2013, 16:37
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Leser Philipp Sammern schickte derStandard.at einen Auszug aus dem Kriegstagebuch seines Urgroßvaters

Auszug aus dem Kriegstagebuch von Dr. Hugo von Sammern Frankenegg. "Mein Urgroßvater war Arzt und hat uns einige Reisetagebücher hinterlassen. Das Kriegstagebuch ist nur zu Teilen aufbereitet - einen Tag, kurz vor Beginn der vollen Brutaltität, stellen wir gerne zu Verfügung. Rechtschreibung und Grammatik sind unangetastet aus dem Buch übernommen", schreibt Philipp Sammern.

"27.8.1914: Wir marschieren in tatsächlicher Gefechtsformation. Aufbruch 1/2 6 Uhr Früh. Auf dem Marsch starker Kanonendonner von Ost und Süd. Bei uns derzeit nur der Gefechtstrain, das Übrige, mein Rucksack und mein Koffer wurden nach Lemberg geschickt, sodaß ich derzeit weder Wäsche, noch Schnaps, noch sonst irgendetwas von meinem noch Vorhandenem habe. Wir marschieren kreuz und quer über die Felder und Wiesen, begleitet von fortwährendem Kanonendonner. Alles ist sehr aufgeregt und in gespannter Erwartung, was dort vorne geschehen wird.

Gegen Mittag erfahren wir, daß gestern ein für uns Günstiges stattgefunden hat, wobei aber von unserem 30. Infanterie-Regiment und von den Kaiserschützen massenhaft gefallen sein sollen. Ob dies wahr ist, weiß man nicht. Es gehen überhaupt die unsinnigsten Gerüchte. Wir marschieren ununterbrochen bis 1/2 12 Uhr Mittags. Von den Leuten bleiben viele liegen als fußmarod, ernsthafter krank ist niemand. Hier sollen wir bis 4 Uhr bleiben. Auf dem Wege sehen wir die ersten vom Kampffelde mit Verwundeten zurückkommenden Autos, viele Fußgänger mit verbundenen Köpfen und Armen.

In einem Tale lagern wir, auf der Höhe die Wachen, von der Straße hört man das stete Rollen der Wagen und Munitionstrains. Jetzt wird abgekocht, ob wir zum Essen kommen, ist fraglich. Wir haben nichts zum Wäschewechseln und unser Vorrat ist beinahe gar. Unsere Truppe ist scheinbar am allerschlechtesten bedacht, man erfährt nichts über die Ziele, man weiß nicht, daß der Train weggeschickt wird, man bekommt nichts zu essen, kurz man steht wie ein Affe da. Ein Befehl wird gegeben und dann sogleich widerrufen.

Als Alles bereits zur Menageabgabe bereit war, wurde plötzlich Alarm geblasen und die Leute in Verteidigungsstellung gebracht, da durch ein Signal feindliche Reiterei rechts angegeben wurde. Großes Geschieße von allen Seiten. Ein Aeroplan schwebt in der Richtung, wo heute Morgen ein Gefecht stattgefunden hat. Am Waldrande stehen an den Bäumen zwölf unsrige Soldaten angebunden, weil sie aus Wasserlachen getrunken haben. Gestern sollen bei dem Gefecht vier unsrige Regimenter nahezu aufgerieben worden sein, 27, 90,31 und Landwehr 4, sowie ein Tiroler - Kaiserjäger - Regiment.

Nach langem Stehen, wir hatten bereits einen Hilfsplatz errichtet, wurde endlich alles wieder zur Ruhe gebracht, die Menage wird verteilt und wir erhalten ein furchtbar hartes und zähes Rind-Kuhfleisch mit Reis und Erdäpfeln. Abends hatten wir uns schon in einer Scheune häuslich niedergelassen, als plötzlich der Befehl kam, auch die Ärzte haben mit den Kompanien ein Freilager zu beziehen. In stockdunkler Nacht gingen wir auf die Höhe, wo unser Bataillon lagerte und ich machte mir mit Fähnrich Tomasi ein Zelt. Es wäre sehr angenehm gewesen, aber die Flöhe haben mich beim Liegen fürchterlich gepeinigt, da ich von dieser Sorte stets mindestens 4 - 5 Stück mit mir führe. Vor dem Zelt noch etwas gesessen, über uns ein herrlicher Sternenhimmel, - eine Sternschnuppe - ich wünschte den Meinen Alles Gute und mir eine gesunde Heimkehr. Dann geschlafen. der Ort, wo wir sind, soll Podgodize sein." (derStandard.at, 29.11.2013)

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    foto: privat
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