Ein Stück Iran in Hamburg

29. November 2013, 07:44
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Hamburg ist die Stadt mit der zweitgrößten iranischen Community in Europa, so heißt es zumindest. daStandard.at hat einige aus dieser Gemeinschaft auf einem Vereinstreffen in der Hansestadt kennengelernt

In Elham Samili Tehranis Wohnzimmer herrscht gute Laune. Eines der regelmäßigen Vereinstreffen des Hamburger "Diwan" steht an - heute Abend sind auch neue Mitglieder gekommen. "Der Verein ist eine Initiative von iranischstämmigen der zweiten Generation in und um Köln, die mittlerweile auch Hamburg erreicht hat", erzählt Mohammad Farokhmanesh, der die Projekte in der Hansestadt verantwortet. Es geht vor allem um Kultur: Musikveranstaltungen, große und kleine Konzerte, also kreative Zusammenkünfte aller Art.

Vierzehn Iraner verschiedener Altersgruppen und mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten sind heute Abend zusammengekommen. Hamburg scheint für viele Iraner erster Ankunftsort und ein Tor zu Europa zu sein. Laut Statistik Nord leben gut 18.000 Deutsche mit iranischem Migrationshintergrund hier, das "Hamburger Abendblatt" berichtet von 10.000 bis 25.000. Damit soll Hamburg "nach London die zweitgrößte iranische Gemeinde in Europa" beherbergen. Die Zahlen gehen auch deshalb auseinander, weil viele Iraner die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, somit auch als Deutsche gezählt werden. Aber warum gerade Hamburg?

Lange hanseatische Tradition

"Die Stadt pflegt eine lange Tradition guter Beziehungen zum Iran", sagt Sonja Moghaddari. In ihrer Doktorarbeit, die sie am Genfer Institut für internationale Studien und Entwicklung verfasste, hat sie sich mit der iranischen Gemeinschaft in Hamburg, ihren Entwicklungen, Veränderungen und Besonderheiten auseinandergesetzt. "In Hamburg kennt fast jeder Deutsche mindestens einen Iraner, also ist die Community sehr präsent", resümiert die Deutsch-Iranerin.

Die ersten Iraner sollen laut verschiedenen, historischen Quellen Ende des 18. Jahrhunderts in der Hansestadt gelebt haben. Hamburg ist für den Iran jedenfalls seit 150 Jahren ein wichtiges Handelszentrum geworden. Im Jahr 1857 wurde vom hanseatischen Ministerpräsidenten Vincent Rumpff ein Freundschafts- und Handelsvertrag mit iranischen Gesandten vereinbart. "Dadurch wurde nicht nur der Handel geregelt, sondern auch der Aufenthalt von Iranern und Deutschen im jeweils anderen Land ermöglicht", schreibt Moghaddari.

Hamburg als Zentrum

Im Jahr 1916 wurde der deutsch-persische Wirtschaftsverband ins Leben gerufen. Besonders beflügelt wurde der Handel zwischen den beiden Ländern aber nach Hitlers der Machtübernahme. Den größten Zustrom an Iranern erlebte die Stadt während und vor allem nach der Revolution von 1979. Heute gilt die Stadt als das Zentrum für alle möglichen, iranischen Angelegenheiten ob politisch, sozial, kulturell, wirtschaftlich oder offiziell vom iranischen Staat ausgehend.

Moghaddari hat im Zuge ihrer Arbeit viele Einzelgespräche geführt, ist auf sehr unterschiedliche Iraner getroffen: "Es gibt in Hamburg verschiedene Gruppen. Auch nach Herkunft, politischer Einstellung, religiösen  und sozialem Hintergrund aufgeteilt."

Viele Akademiker und Studierende

Ardalan, 36, Bauingenieur lebt seit sechs Jahren in der Hansestadt. Anlass für seine Auswanderung war sein Studium, schon sein Vater kam nach Hamburg um zu studieren. Und wieso Hamburg? Warum nicht Köln oder Berlin? "Es war reiner Zufall. Ich bekam meine Zulassung an der TU-Hamburg. Aber ich wusste auch, dass in Hamburg viele Iraner leben." Bei Diwan organisierte er das Musikfestival, und das Persische Neujahrsfest mit. Literatur, Musik und Geschichte sind ihm wichtig: "Wir sind Kinder dieser Kultur und haben die Verantwortung, sie auch hinaus zu tragen."

Einer aus der zweiten iranischen Generation  ist Shayan: In Hamburg geboren und aufgewachsen, hat er nebenher die persische Grundschule besucht, sein Fremdsprachen Abitur in Farsi gemacht, kam danach rasch auf die Uni, wo er heute mit 18 Jahren Wirtschaftsinformatik studiert. "Es ist etwas intensiv, weil ich relativ jung zum Studieren begann", beschreibt er seine neue Lebenssituation. Mit dem Iran verbinden ihm, neben den typischen Ankerpunkten wie Kultur und Essen auch das Ringen, der iranische Volkssport: "Ich bin beim TSV-Wannsetal, der Trainer und die gesamte Mannschaft sind auch iranischer Abstammung".

Bahar Roshanai wurde mit sieben nach Deutschland geschickt. In Hamburg warteten ihre Tante und ihr Onkel auf sie, ihre Eltern wollten sie vor allem vor dem Iran-Irak-Krieg in Sicherheit bringen. "Ich habe das nur als Übergang gesehen", nach Stationen in Nizza und Hamburg kehrt sie mit 18 wieder in den Iran, dort entschied sie aber, nicht mehr im Land ihrer Großeltern zu bleiben.

Heute lebt die 32-Jährige mit ihrer Familie in Hamburg. Die studierte Musikerzieherin arbeitet in ihrer eigenen Klavierschule, "sonst engagiere ich mich bei verschiedenen kulturellen Projekten." Die Kunstschaffende ist mit der Maler-Szene im Iran verbunden, das ist ihr wichtig: "Meine Identität ist die Musik, die Kunst." Gleichzeitig fühlt sie sich weder als Iranerin noch als Deutsche: "Ich bin halt zufällig im Iran geboren, aber ich fühle mich schon verpflichtet das iranische Kulturgut zu wahren". Deshalb auch Diwan.

Die Journalistin Marjan Parvand ortet in der persischen Sprache den Schlüssel zum kulturellen Reichtum des Landes: "Die iranische Kunst und Kultur, die Gedichte, damit bin ich aufgewachsen und ich möchte nichts davon missen - das ist ein wichtiger Teil von mir." Parvand wurde 1970 im Iran geboren, lebte bis zu ihrem fünften Lebensjahr dort, nach einem Aufenthalt in den USA kam sie 1979, zur Zeit der Revolution, wieder in den Iran. Nach mehreren Ausreiseschwierigkeiten konnten sie und ihre Familie dreieinhalb Jahren später zunächst nach Bremen und dann nach Hamburg auswandern, sie studierte Germanistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Und warum Hamburg? "Hamburg hatte eine Geschichte mit den Iranern, mein Vater hatte hier auch einen Cousin", erklärt die Journalistin. So wie ihren Eltern, ging es vielen anderen Iranern, die heute wie damals in Hamburg landeten.

Beim Diwan neigt sich die Sitzung mittlerweile dem Ende zu. Die ersten Mitglieder brechen in die Nacht auf, für sie war der Abend wieder ein Stück kulturelle Heimat. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 29. November 2013)

  • Vierzehn Iraner sind zusammengekommen, um Veranstaltungen für die Hamburger Community zu planen.
    foto: toumaj khakpour

    Vierzehn Iraner sind zusammengekommen, um Veranstaltungen für die Hamburger Community zu planen.

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An diesem Abend herrscht reger Autausch zwischen neu nach Hamburg gekommenen und Alteingesessenen.
    foto: toumaj khakpour

    An diesem Abend herrscht reger Autausch zwischen neu nach Hamburg gekommenen und Alteingesessenen.

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