"Man reduziert den Glauben zu sehr auf dieses eine Stück Stoff"

Interview29. November 2013, 08:53
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Die liberale Muslimin und Islamwissenschafterin Lamya Kaddor erklärt im Gespräch mit daStandard.at, was für sie ein zeitgemäßer Islam ist, warum sie selbst kein Kopftuch trägt und sie die Frage danach nervt

daStandard.at: Was ist für Sie ein zeitgemäßer liberaler Islam?

Lamya Kaddor: Ein liberaler Islam ist eine Islaminterpretation, die dem Verstand eine größere Rolle zumisst als der Tradition. In einer zeitgemäßen Koranauslegung geht es darum, den Geist des Islams in die heutige Zeit zu übertragen. Aber nicht in dem Sinn, dass man liberal fasten oder liberal beten könnte, das geht natürlich nicht. Man betet, man fastet in der normal vorgeschriebenen Form. Aber alle Bereiche, wo es um zwischenmenschliche Belange geht, sind auslegbar und interpretierbar. Erbrecht, wie gehe ich mit Ehefrau, Kinder, Eltern um, und so weiter – da würde ein liberaler Muslim sehr darum bemüht sein, den Geist, der hinter diesen Offenbarungen steckt, in die heutige Zeit zu übertragen.

daStandard.at: Wird der Koran zu altmodisch interpretiert? Braucht es so etwas wie eine islamische Reformation?

Kaddor: Das würde ich nicht sagen. Dem Islam immanent sind unterschiedliche Strömungen, die aus meiner Sicht alle wichtig sind und ihre Berechtigung haben. Es ist wichtig, konservative Positionen zu haben, die sagen, wir konservieren was, und auch Fundamentalisten, die sagen, wir bewahren das. Die Liberalen sind genauso wichtig, die sagen, wir wollen bestimmte Dinge weiterentwickeln. Das macht einen Glauben erst lebendig. Der Streit – im positiven Sinne – darum, was Islam ist, das wäre für mich das Idealbild. Es ist aber noch zu wenig der Fall, dass man innerislamisch darüber debattiert. Es wäre besser, wenn man ernsthaft in theologische Debatten einsteigt und quasi miteinander aushandelt, verhandelt und darüber spricht, was heute noch Islam ist und was nicht.

daStandard.at: Jetzt komme ich mit einer Frage, die wollen Sie vielleicht nicht hören …

Kaddor: … warum ich kein Kopftuch trage?

daStandard.at: Ja. Warum nervt Sie die Frage so?

Kaddor: Sie nervt mich deshalb, weil der Fragende annimmt, dass der gesamte Glaube scheinbar etwas mit diesem Kopftuch zu tun haben könnte. Ich finde, man reduziert den Glauben zu sehr auf dieses eine Stück Stoff. Dieses Stück Stoff macht einen winzig kleinen Bestandteil innerhalb des religiösen Lebens von Musliminnen aus. Wenn man mir hauptsächlich diese Frage stellt und nicht die Frage "Warum sind Sie überhaupt Muslimin", dann halte ich das für eine Reduktion, die nicht gerechtfertigt ist. Der Koran erwähnt an keiner Stelle, was mit den Frauen passiert, die kein Kopftuch tragen. Das ist erst viel später durch Mohammed und andere Männer immer wieder nett beschrieben worden, aber Gott äußert sich im Koran nicht dazu.

daStandard.at: Jetzt stell ich die Frage trotzdem: Warum tragen Sie kein Kopftuch?

Kaddor: Weil die ursächliche Funktion des Schutzes und die Funktion des Erkanntwerdens im Sinne von "Ich bin keine Sklavin oder Magd" heute in der Gesellschaft durch das Tragen eines Kopftuches nicht mehr gewährleistet werden. Das Kopftuch schützt mich in meinem Hier und Jetzt, also Deutschland im 21. Jahrhundert, nicht mehr. Diese Schutzfunktion muss Recht und Gesetz einnehmen. Und eine Unterscheidung von Sklavinnen zu betreiben ist insofern irrelevant, als es in der modernen Gesellschaft keine Sklavinnen mehr gibt. Aber jede Frau, die das anders für sich entscheidet und sagt, mich schützt ein Kopftuch dennoch, und ich trage das aus traditionellen Gründen, die muss das gleiche Recht haben, es zu tragen, wie ich das Recht habe, es nicht zu tragen.

daStandard.at: In Frankreich hat gerade eine 23-jährige Muslimin gegen das Burka-Verbot am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt. Der Ganzkörperschleier sei Ausdruck ihrer religiösen Überzeugung, die Regierung in Paris meint, der Vollschleier sei gegen die Gleichberechtigung. Wie sehen Sie diesen Widerspruch?

Kaddor: Ich habe immer ein schlechtes Gefühl, wenn man anfängt, hartumkämpfte Freiheiten gesetzlich zu beschränken und auf bestimmte Personengruppen zuzuschneiden. Auch wenn ich persönlich von der Vollverschleierung nichts halte, würde ich dennoch sagen, das rechtfertigt ein Verbot nicht. Übrigens betrifft es in Frankreich angeblich 2.000 Frauen. Das ist aus meiner Sicht schon wahnwitzig, wenn man für 2.000 Frauen ein ganzes Verbot in die Gänge bringt. In Deutschland hat man das ja auch erwogen, aber Gott sei Dank nicht gemacht. Da sind es nur 800 betroffene Frauen. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir auf Dauer all diese Freiheiten doch beschränken.

"Alles, was im zwischenmenschlichen Rahmen im Koran zu finden ist, ist verhandelbar", meint Lamya Kaddor. Auch allen bisherigen islamischen Rechtsschulen zum Trotz sollte es den Muslimen gelingen, auch Homosexuellen "innerhalb unserer Gemeinschaft Platz zu geben". Foto: Stefanie Ruep

daStandard.at: Ihre liberalen Ansichten, und das als Frau, werden nicht bei allen Muslimen gut ankommen. Ernten Sie viel Kritik?

Kaddor: Ja, Kritik ist häufig. Aber was viele nicht wissen: Es ist nicht nur die vermeintliche Kritik von Muslimen, die strenggläubiger sind als ich. Die wesentlich häufigere Kritik bekomme ich von Rassisten. Deutsche Rassisten schreiben mir E-Mails mit der Bitte, dass ich dorthin zurückgehen soll, wo ich herkomme. Die wissen gar nicht, dass ich in Deutschland geboren wurde. Es gibt kein Zurück. Diese Hassmails bereiten mir sehr viel mehr Kopfzerbrechen, fast schon Angst oder Sorge, als die paar Muslime. Ich würde mich ja als Vermittlerin sehen zwischen säkularen und fundamentalistischen Muslimen. Es ist anstrengend, von mehreren Seiten beschossen zu werden, aber andererseits zeigt es mir, ich befinde mich in der Mitte.

daStandard.at: Sind es hauptsächlich Männer oder auch Frauen?

Kaddor: Auch Frauen. Viele Frauen fühlen sich bedroht, wenn sie meine Position zum Kopftuch leider nur unvollständig kennen. Man hört dann immer nur, Frau Kaddor lehnt das Kopftuch ab. Ich lehne es nicht ab, ich trage es nur nicht, und alle müssen das Recht haben, es tragen zu dürfen. Und von den Rassisten höre ich, ich sei eine verkappte Muslimin, weil ich mich für kopftuchtragende Frauen starkmache.

daStandard.at: Auf Ihrer Facebook-Seite bewerben Sie gerade einen Diskussionsabend zum Thema Homosexualität im Islam. Alle islamischen Rechtsschulen lehnten ja homosexuelle Handlungen in der Vergangenheit als sündhaft ab. Muss auch bei diesem Thema der Koran liberaler ausgelegt werden, oder gibt es Grenzen?

Kaddor: Ich glaube, dass alles, was im zwischenmenschlichen Rahmen im Koran zu finden ist, verhandelbar ist. Da ist nichts festgelegt. Man hat über die Jahrhunderte hinweg nichts anderes gemacht, als den Koran immer wieder neu zu interpretieren, und immer wieder ist man zu neuen Schlüssen gekommen. Vor 500 Jahren war es völlig normal, von Homosexualität im islamischen Kulturraum zu sprechen. Es gehörte zur Gesellschaft dazu. Heute ist man einen Schritt zurückgefallen hinter diese Art von Fortschritt. Ich würde dafür plädieren, dieses Thema vorurteilsfrei und offen anzugehen. Und auch zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen.

daStandard.at: Wie sind die unterschiedlichen Positionen?

Kaddor: Der Koran spricht in der bekannten Stelle rund um den Propheten Lot von abscheulichen Taten, die verflucht seien. Die klassische Interpretation hieß damals immer: Mit abscheuliche Taten sind homosexuelle Taten gemeint. Liberalere Muslime interpretieren das völlig anders: Diese abscheulichen Taten sind nicht die homosexuellen Taten, sondern sie bezeichnen die Gewaltanwendung, die zu einer Sexualität führt, dass man jemanden zum Sex zwingt.

daStandard.at: Wie sehen Sie das persönlich?

Kaddor: Ich bin da relativ vorurteilsfreu und offen. Es muss uns Muslimen doch gelingen, diesen Menschen innerhalb unserer Gemeinschaft Platz zu geben. Als Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes vertrete ich auch Mitglieder, die homosexuell oder transgender sind. Ich finde es ganz schlimm, wenn sie mir Geschichten erzählen, wie sie bisher von anderen Muslimen behandelt wurden. Das ist so abscheulich, dass sie sich nicht mehr in die Moschee getraut haben, weil sie die Angst hatte, erkannt zu werden. Unabhängig von der Frage, ob es verboten oder erlaubt ist im Islam, tendiere ich immer zu einem respektvollen Umgang mit den Menschen. Das ist das Mindestmaß. (Stefanie Ruep, dastandard.at, 29.11.2013)

Lamya Kaddor (35) ist Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, den sie 2010 mitgründete. Die Islamwissenschafterin, Pädagogin und Autorin ist in Deutschland geboren, ihre Familie stammt aus Syrien. 2010 veröffentlichte Kaddor ihr Buch "Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam".

  • Die Islamwissenschafterin Lamya Kaddor trägt selbst kein Kopftuch. Aber: "Ich lehne es nicht ab, ich trage es nur nicht, und alle müssen das Recht haben, es tragen zu dürfen."
    foto: stefanie ruep

    Die Islamwissenschafterin Lamya Kaddor trägt selbst kein Kopftuch. Aber: "Ich lehne es nicht ab, ich trage es nur nicht, und alle müssen das Recht haben, es tragen zu dürfen."

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