Zirngast: "Müssen uns an der Nase nehmen"

Interview28. November 2013, 17:46
8 Postings

Ex-Kicker Gernot Zirngast ist Vorsitzender der Fußballergewerkschaft. Er glaubt, dass auch die niedrigen Gehälter in Österreich ein Nährboden für Wettbetrug sind. "Die Bedrohung ist massiv"

Standard: Überrascht Sie die Festnahme von Dominique Taboga? Er war ja in der Gewerkschaft tätig, saß im Spielerpräsidium.

Zirngast: Er ist zunächst in die Offensive gegangen, also ist die Wende doch überraschend. Man kann in die Leute nicht reinschauen. Er war einerseits nett, andererseits verschlossen. Warten wir ab, was rauskommt, mischen wir uns nicht in die Ermittlungen ein.

Standard: Stellt die Wettmafia eine Bedrohung für den österreichischen Fußball dar?

Zirngast: Ja, eine massive. Man weiß seit rund drei Jahren, dass einiges im Argen liegt. Seitens der Fußballverbände, national wie international, wurde zu wenig unternommen. Die Gewerkschaft muss sich in Gremien reinreklamieren, wir haben immer wieder auf die Problematik hingewiesen, werden aber kaum gehört.

Standard: Sind die Spieler Täter oder Opfer?

Zirngast: Beides. Wenn jemand aus freien Stücken heraus den ersten Schritt getan hat, ist das total zu verurteilen. Die meisten Fußballer rutschen aber rein, was natürlich noch keine Entschuldigung ist. Der Betrug beginnt praktisch nie mit dem Spieler.

Standard: Gibt es eine Lösung oder muss man resignieren? Wo gewettet wird, wird auch betrogen.

Zirngast: Die Syndikate sitzen in Asien, die können unkontrolliert agieren. Wir müssen uns in Österreich aber an der Nase nehmen. Die Zusammenarbeit in der Fußballfamilie gehört verbessert, wir müssen die Nähe zu den Spielern suchen, sie aufklären. Wir wollen Jugendliche beraten, bekommen keine Mittel. Wir haben unter Profis eine Arbeitslosenrate von mehr als 20 Prozent, 114 haben keinen Job. Die Gehälter speziell in der zweiten Liga sind unterdurchschnittlich, es gibt ein Dumping. Wir konnten wenigstens einen Mindestlohn von 1100 Euro durchsetzen. Die Spieler haben viel Zeit und wenig Geld. Das ist ein Nährboden, um abzurutschen.

Standard: Sportwetten gesetzlich zu verbieten geht kaum. Zumal die Anbieter, egal ob staatlich oder privat, den Fußball sponsern.

Zirngast: Es geht nicht ums Verbieten. Aber wir haben nicht einmal Spielerlizenzen, wo drinsteht, dass man während der aktiven Zeit nicht wetten darf. Das wäre zumindest ein Schritt zur Abschreckung. Will man betrügen, könnte man es über Mittelsmänner natürlich trotzdem. (Christian Hackl, DER STANDARD, 29.11.2013)

  • Gernot Zirngast (49) ist Chef der Vereinigung der Fußballer.
    foto: vdf

    Gernot Zirngast (49) ist Chef der Vereinigung der Fußballer.

Share if you care.