Obdachlosigkeit ist oft die Folge psychischer Erkrankungen

29. November 2013, 05:30
48 Postings

Nicht nur Armut treibt Menschen auf die Straße, sondern auch psychische Störungen

Wer in einer Wohnung oder in einem Haus lebt, muss  davon ausgehen, abgehört zu werden. Oder dass Giftgas eingeleitet wird. Also ist es sicherer, auf der Straße zu leben. Solche Aussagen hören Psychiater auf der Suche nach Gründen für Obdachlosigkeit immer wieder.

Nicht nur ein kleiner Anteil, sondern die Mehrzahl obdachloser Menschen leidet an einer oder mehreren psychischen Erkrankungen, die für den Verfolgungswahn verantwortlich sind. 55 Prozent der Klienten des Betreuungszentrums Gruft und 75 Prozent der Menschen, die ohne permanente Betreuung auf der Straße leben, sind psychisch auffällig.

Das ist das Resultat eines zehnjährigen Untersuchungspanels, das der Wiener Psychiater Thomas Ginsel nun abgeschlossen hat. Bei jedem dritten Obdachlosen wird demnach Schizophrenie diagnostiziert – in der Gesamtbevölkerung liegt der Wert bei 0,7 bis 1 Prozent.

Teufelskreis mit Wahnvorstellungen

"Die Betroffenen können sich oft nicht selbst versorgen, es scheitert an Körperhygiene, dem Wäschewaschen oder Einkäufen", sagt ein Kollege Ginsels, der in einem Wiener Spital Obdachlose behandelt und anonym bleiben möchte: "Die Menschen fühlen sich meistens nicht krank, halten deshalb nichts von Medikamenten oder Notschlafstellen."

In vielen Fällen kommt eine Suchterkrankung dazu. Meist ist es Alkohol, der den Teufelskreis und die Wahnvorstellungen festigt. "Manche Obdachlose haben sogar eine Wohnung, leben aber auf der Straße. Sie halten es daheim nicht aus", sagt Ginsel zum Standard.

Menschen, bei denen keine Erkrankung festgestellt wurde und die dennoch nicht in Notquartieren schlafen, sind meist Ausländer ohne Anspruch auf einen_Schlafplatz. Eine dritte Kategorie, die auf Freiwilligkeit basiert, gibt es laut Ginsel kaum: "Obdachlosigkeit ist kein Lebensstil." (Michael Matzenberger, derStandard.at, 29.11.2013)

  • Die Schnittmenge zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie ist signifikant, sagen Psychiater.
    foto: derstandard.at/maria von usslar

    Die Schnittmenge zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie ist signifikant, sagen Psychiater.

Share if you care.