Audi: Regelwerk als Geschäftsmodell

28. November 2013, 17:33
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Wie ein Autohersteller sich den Umwelt- und Sicherheitsstandards stellt, sei hier am Beispiel Audi gezeigt

Die Strategie war genial, die dazugehörige Kampagne ging ins Ohr, so dass sie heute noch immer nachklingt: „Vorsprung durch Technik". Mit diesem Slogan, der sich im Wesentlichen auf den Allradantrieb (Quattro) stützte, hatte sich Audi endgültig in die Premiumliga der Fahrzeughersteller katapultiert. Heute lässt sich Technologieführerschaft viel schwieriger plakativ umsetzen. So skizzierte Heinz Hollerweger, bei Au­di Chef der Gesamtfahrzeugentwicklung, im Rahmen der Vortragsreihe des ÖVK (Österreichischer Verein für Kraftfahrzeugtechnik) ein völlig neues Bild der Herausforderungen der kommenden Jahre, wesentlich geprägt von Vorschriften und Zwängen.

Die Zeiten, als sich Autohersteller reflexartig gegen jedwede Art neuer oder schärferer Regeln stellten, sind vorbei. Man hat mit der Daumenschraube zu leben gelernt, die ständigen Verschärfungen sind im Grunde schon Teil des Geschäftsmodells "Automobil" geworden. Viele Zulieferunternehmen leben mittlerweile davon, dass die Umwelt- und Sicherheitsbestimmungen immer höhere Ansprüche generieren.

15 Prozent des Entwicklungsbudgets für nationale Anpassungen

Allerdings entsteht durch die weltweit sehr unterschiedlichen Regelungen auch ein enormer zusätzlicher Aufwand für die Autohersteller, der nicht immer im Sinne einer tatsächlichen Verbesserung der Situation erscheint. Hollerweger: "Die Vielfalt an national unterschiedlichen Gesetzen und Regulierungen zum Beispiel zu CO2-Ausstoß und Sicherheit stellt die Autoindustrie heute vor wirklich große Herausforderungen. Etwa 15 bis 20 Prozent unseres Entwicklungsbudgets werden dazu verwendet, die unterschiedlichen nationalen Regelungen zu erfüllen. Die Dynamik der Veränderungen hat deutlich zugenommen."

Die zwei Kernbereiche lauten naturgemäß Umwelt und Sicherheit. Weltweit existieren sechs verschiedene Zonen mit unterschiedlichen Abgasregeln für Pkw, wobei der überwiegende Teil Afrikas und erhebliche Flächen des Mittleren Ostens noch überhaupt nicht reguliert sind. Hollerweger betont, dass "auf den Individualverkehr in Deutschland zwölf Prozent des CO2-Ausstoßes entfallen und dieser am stärksten reguliert ist, während viele andere Sektoren fast gar nicht oder geringfügig reglementiert sind."

Hinter den unterschiedlichen CO₂2-Regulierungen stünden je­denfalls unterschiedliche Strategien: "In den USA geht es im Wesentlichen um die Unabhängigkeit von Erdölprodukten. In Europa werden Klimaschutzverpflichtungen sehr ernst genommen, das bedeutet eine Reduktion des CO2₂-Ausstoßes im Verkehrssektor zwischen 80 und 90 Prozent, bezogen auf 1990. In China geht es ähnlich wie den USA vorrangig um die Verringerung der Abhängigkeit vom Erdöl."

Streit um Weltstandards

Maßnahmen zur Verringerung des CO₂2-Ausstoßes und damit des Verbrauchs wirken sich je nach Prüfzyklus unterschiedlich aus. Der europäische Fahrzyklus gründet auf eine willkürliche Festlegung, während der amerikanische auf einer Statistik tatsächlicher Fahrprofile basiert, wodurch dieser etwas näher an der Wirklichkeit liegt. Hollerweger: „Als Versuch einer weltweiten Vereinheitlichung wurde also der WLTP entwickelt (Worldwide Test Procedure). Da haben die Amerikaner gesagt, wir machen nur mit, wenn wir unseren Zyklus nehmen, und die Japaner bestanden auf ihre Methode. So wird der WLTP zwar kommen, aber wieder nur in Europa und einigen anderen Staaten."

Hollerweger sieht auch ein gewisses Ungleichgewicht in der Gesamtbewertung, schließlich wird schon bei der Herstellung der Fahrzeuge und Kraftstoffe sehr viel Energie verbraucht: "Wir müssen uns wirklich die Gesamtkette anschauen und dürfen nicht auf einzelne Dinge zu stark fokussieren."

Bei allem Gezerre um Zehntel- und Hundertstelliter: 30 Prozent des Verbrauchs sind noch immer durch die Kundschaft beeinflussbar, und dabei kann man sie mit wachsenden Möglichkeiten der Elektronik massiv unterstützen. Hollerweger: "Wir möchten dem Kunden helfen, dieses Verbrauchspotenzial zu heben durch Vernetzung von Navigation und Fahrzeugbetriebsstrategie." (Rudolf Skarics, DER STANDARD, 29.11.2013)

  • Der Österreicher Heinz Hollerweger ist Leiter der Gesamtfahrzeugentwicklung bei Audi.
    foto: audi

    Der Österreicher Heinz Hollerweger ist Leiter der Gesamtfahrzeugentwicklung bei Audi.

  • Eines seiner Lieblingsprojekte ist die E-Gas-Anlage in Werlte, in Norddeutschland.
    foto: audi

    Eines seiner Lieblingsprojekte ist die E-Gas-Anlage in Werlte, in Norddeutschland.

  • Dort wird aus Überschussstrom einer Offshore-Windkraftanlage Methan gewonnen und dann für Erdgasau­tos eingespeist wird – CO2-neutraler fahren geht kaum
    foto: audi

    Dort wird aus Überschussstrom einer Offshore-Windkraftanlage Methan gewonnen und dann für Erdgasau­tos eingespeist wird – CO2-neutraler fahren geht kaum

  • Eine andere von ihm vorangetriebene Spritsparidee heißt Zylinderabschaltung, und die ist neuerdings sogar im W12-Topaggregat verfügbar...
    foto: audi

    Eine andere von ihm vorangetriebene Spritsparidee heißt Zylinderabschaltung, und die ist neuerdings sogar im W12-Topaggregat verfügbar...

  • ... das Audi im A8 anbeitet.
    foto: audi

    ... das Audi im A8 anbeitet.

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