Nobelpreisträger: "Ein großer Bluff"

Interview3. Dezember 2013, 17:04
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Die Notenbanken haben nicht die Macht, eine Finanzkrise zu reparieren, sagt Thomas J. Sargent. Nicht, wenn sie ihre Geheimwaffe Inflation nicht auspacken

Standard: In den vergangenen Jahren haben Notenbanken einiges unternommen, um in der Finanzkrise zu stabilisieren. Haben diese Institutionen überhaupt die Macht, eine solche Finanz- und Schuldenkrise zu lösen?

Sargent: Die Aufgabe der Zentralbanken ist es, schlechte Kredite in gute zu verwandeln. Es gibt einen klassischen Weg dafür: Man transferiert Schulden von den Kreditgebern zu den Schuldnern. Das passiert über Neubewertungen. Die Geheimwaffe, um das zu tun, ist die Inflation. Eine schlagartige Inflation oder eine Abwertung der Währung. Zentralbanken haben das etwa in Hongkong 1983 gemacht. Damals gab es eine Krise am Immobilienmarkt, viele unbesicherte Kredite waren im Umlauf. Als die Blase platzte, schlitterten viele Immo-Unternehmen in die Insolvenz. Die Zentralbank hat damals den Hongkong-Dollar geschwächt. Damit wurden Ressourcen von Gläubigern zu Schuldnern transferiert - das hat die Bilanzen wiederhergestellt. Technisch betrachtet haben sie das sehr gut gemacht, weil es eine einmalige Sache war. Können Zentralbanken eine Finanzkrise reparieren? Nein, können sie nicht. Sie können aber zeigen, dass sie willig sind, entweder ihr Preisniveau oder ihr Inflationsziel aufzugeben. Das ist das große Spannungsfeld. Es ist ein schwieriger Balanceakt.

Standard: Dennoch war die Politik der Notenbanken zuletzt eine der wichtigsten Marktgrößen ...

Sargent: Der jetzige US-Notenbank-Chef Ben Bernanke war sehr offen in dem, was er gemacht hat. Er ist ein Wissenschafter, hat viel über die Große Depression gelesen und geschrieben. Ein großer Teil seiner Forschung war eine Dokumentation jener Dinge, die die Fed aus seiner Sicht in den 1930er-Jahren falsch gemacht hat. Darüber hat auch Milton Friedman in seinem Buch Monetary History in the United States geschrieben. Beim 90. Geburtstag von Friedman war Bernanke zu Gast, ich auch. Bernanke, damals noch Gouverneur, sagte zu Friedman: "Du hast Recht, wir haben die Große Depression tatsächlich verschlimmert. Wir versprechen, dass wir das nie wieder tun werden." Als er das gesagt hat, haben alle gelacht.

Standard: Und seither werden die Märkte mit Geld überflutet.

Sargent: Ja. Bernanke dachte, der größte Fehler war, dass die Geldmenge damals nicht ausreichend ausgeweitet wurde. Zu einer Zeit, als es Stress gab und man nicht rasch genug die Zinsen senkte. Die Große Depression war ein Desaster in den USA - und noch mehr in Europa. Wir hätten Hitler nie gehabt ohne die Große Depression. Ökonomen haben seither viel gelernt. Viele Menschen glauben, wir wissen, wie wir das damals alles hätten verhindern können. Der Beweis dafür ist, dass diese Krise viel geringer ist als damals. Die Finanzkrise hat aber auch Probleme und bedrohliche Dinge verursacht, etwa die Spaltung der US-Parteien und deren Handlungsunfähigkeit. Leute, die in den 1990ern Senatoren waren, beklagen diese abnehmende Kontrolle. "Kompromiss" ist ein böses Wort geworden. Aber das ist es, was eine Regierung tun muss.

Standard: Dann haben die Programme der Fed also nicht geholfen?

Sargent: Nicht sehr viel. Ich glaube, es ist ein Fehler, zu viel von den Notenbanken zu erwarten. Der mächtigste Weg ist eine Waffe, die man nicht einsetzen will.

Standard: Die Inflation ...

Sargent: Inflationsziel und Preisniveau. Warum reden die Leute darüber? Es ist eine attraktive Idee in Deutschland und auch in Österreich. Die Idee, dass es eine Zentralbank gibt mit enormer Macht. Aber die einzige Macht, die sie haben, ist, dass sie Geld drucken können und es umverteilen können. Mit der Hyperinflation wurden reiche Leute schon arm gemacht, aber heute sind den Zentralbanken die Hände gebunden. Wenn Sie also fragen, was die mächtigste Waffe ist, um aus der Finanzkrise zu kommen - das ist die Inflation. Zentralbanken können die Spirale aus Pleitebanken und Pleiteunternehmen nur durch Inflation durchbrechen, damit die Bilanzen repariert werden. Das ist ein sehr effektiver, aber auch destruktiver Weg.

Standard: Wird die hohe Inflation denn kommen?

Sargent: Ich erwarte das nicht. Aber ich kenne einige kluge Menschen, die sagen, dass es Szenarien gibt, unter denen die Inflation ansteigen kann. Ein Teil hängt immer davon ab, was die Leute erwarten. Bernanke weiß das. Er kann das Preisniveau stabilisieren, aber das wird keinen großen Effekt am Arbeitsmarkt erzielen. Das wird die Krise nicht lösen, kann sie vielleicht aber weniger schlimm machen. Friedman sagte bereits, dass eine Zentralbank in ihren Aktivitäten limitiert ist. Und Bernanke weiß das auch.

Standard: Das scheint aber gar nicht so, wenn man den Notenbankern zuhört. EZB-Chef Mario Draghi hat mit seiner Rede im vergangenen Juli die Märkte nachhaltig beruhigt.

Sargent: Wir sind in einer Situation, in der es den Leuten gefällt, wenn Bernanke, Draghi oder Yellen sagen, sie werden tun, was immer notwendig sei. Das ist ein Bluff. Sie reden über ihre Artillerie - aber sie bluffen. Weil ein Teil ihrer Artillerie illegal ist. Es gibt eine Art Lüge zwischen der Geld- und der Fiskalpolitik. Ein Teil dessen, was nun passiert, ist, dass die Fed sich eigene politische Probleme verursacht. Wenn der Gouverneur sagt, es gibt keine Nord-Süd-Spaltung, dann ist das nicht wahr - und er weiß das. Aber er ist Teil davon und macht auch nur seinen Job. Als Draghi seine berühmte Rede hielt, hat das die Märkte beruhigt. Aber Insider sagen auch, dass die Investoren kritisch bleiben sollten. Denn wenn man fragt, was genau die nächsten Schritte sein könnten - so ist das nicht klar. Hinzu kommt, dass es in vielen Ländern Europas unterschiedliche Gesetze gibt, und das schränkt die Möglichkeiten der Rettung ein.

Standard: Also reicht den Märkten und Akteuren eine Beruhigungspille?

Sargent: Ich habe keine Ahnung. Das ist alles eine Frage, wie weit in die Zukunft man denkt. Die Leute haben eine begrenzte Kapazität. Wenn Sie mich fragen, warum sich die Märkte davon beruhigen lassen, so weiß ich es nicht.

Standard: Ihre Forschung bezieht sich auf rationale Erwartungen und besagt, dass Leute versuchen zu antizipieren, wie Regierung und Märkte reagieren werden, und daran ihre aktuellen Handlungen ausrichten. Haben die Politik und auch Zentralbanken damit noch eine Chance, mit Überraschungen aufzuwarten?

Sargent: Marktteilnehmer kann man nicht überraschen. Sie beschäftigen sich ja sehr viel mit der jeweiligen Materie. Wenn die Fed oder die EZB etwas verkünden, ist das längt eingepreist. Es ist das eine, mit Überraschungen aufzuwarten. Aber zu viele Überraschungen verursachen nur Lärm. Zudem lernen die Leute, eine diesbezügliche Erwartungshaltung, und man überrascht sie erst recht nicht.

Standard: Unsere Zeit heute ist aber getrieben von Unsicherheit - am Arbeitsmarkt, in der Wirtschaft etc. Andererseits gibt es mittlerweile dutzende Indikatoren, die wir beobachten, wir haben durch Smartphones einen fast unbegrenzten Zugang zu Information. Werden wir durch diese Fülle nicht tendenziell eher handlungsunfähiger?

Sargent: Das kann sein. Wir werden heute überflutet mit Daten und Information. Die Herausforderung ist es, diese Flut zu handhaben. Ich sage immer, dass es besser ist, sich auf wenige Indikatoren zu stützen, weil man das noch überblicken kann.

Standard: Wie passen "rationale Erwartungen" und "Panik an den Märkten" zusammen?

Sargent: Das ist leicht erklärbar. Auch die Panik baut auf rationalen Entscheidungen auf. Ein Beispiel: Sie und ich legen unser Geld auf die Bank, und dann hören wir, dass diese Bank Probleme hat. Ich denke mir, dass ich nicht zur Bank gehen muss, mein Geld abzuholen. Wenn Sie aber gehen, und ich sehe Sie dabei, dann entsteht bei mir vielleicht der Gedanke: Okay, wenn Sie gehen, dann sollte ich auch gehen. Und dann setzt der Run ein, was die Situation verschlimmert. Es gibt eine kostenlose Heilung für dieses Problem, wenn der Staat sagt: Ich bürge für diese Bank.

Standard: Mathematiker, Statistiker und Wissenschafter können mit ihren Modellen viel erarbeiten. Am Ende des Tages braucht es aber auch jene Leute, die diese Ergebnisse hören wollen. Es gab Warnungen vor der Hypothekenkrise in den USA. Aber niemand hat darauf gehört, solange die Geschäfte mit diesen Papieren gut gelaufen sind. Was also gilt es zu lernen?

Sargent: Wir haben nichts gelernt.

Standard: Die Kombination aus hoher Arbeitslosigkeit, niedrigen Zinsen, schwacher Konjunktur, niedriger Inflationsrate, schwächelnden Schwellenländern - was können wir davon erwarten?

Sargent: Das weiß niemand. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 4.12.2013)

Thomas J. Sargent lehrt Wirtschaft an der New-York-Universität und ist Berater der US-Notenbank Fed. 2011 wurden er und Christopher A. Sims für ihre Forschungen zu "Erwartungen in der Wirtschaft" mit der Auszeichnung der Schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel, dem sogenannten Wirtscchaftsnobelpreis, ausgezeichnet. Die beiden Wissenschafter versuchen, Modelle zu erarbeiten, mit denen sich das Wechselspiel von Inflation, Zinsen und Arbeitslosigkeit analysieren lässt. Der 70-jährige Sargent hält sich mit täglicher Gymnastik fit und ist leidenschaftlicher Fliegenfischer. Er angelt aber immer ohne Haken, wie er sagt, und schmeißt die Fische zurück ins Wasser. Sargent war anlässlich der Investmentkonferenz "Pioneer Investments' Colloquia Series" in Wien.

  • Nobelpreisträger Thomas J. Sargent sagt, dass Zentralbanken in ihren Aktivitäten limitiert sind.
    foto: standard/corn

    Nobelpreisträger Thomas J. Sargent sagt, dass Zentralbanken in ihren Aktivitäten limitiert sind.

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