Mit Leuchtstab zu den "Masters of Sex"

Ansichtssache27. November 2013, 17:31
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Wien -  Des Meisters ganzer Stolz ist "Ulysses": ein Vibrator - aber was für einer! "Ulysses" widmet sich nur vordergründig bloßer Lustspende. Dieser mit Lampe, Kamera und Sucher ausgestattete Superleuchtstab dient höheren, wissenschaftlichen Zwecken: Er dringt in die unbekannten Welten des Frauenkörpers vor und soll Ergebnisse zutage fördern, die das Ende aller Irrfahrten bedeuten.

Angesichts der bahnbrechenden Entdeckungen, die das Wunderding in der Folge liefert, kriegt nicht nur Dr. William H. Masters große Augen. Die Erkenntnisse des Gynäkologen, zusammen mit seiner Assistentin Virginia Johnson, in den späten 1950er-Jahren über menschliches Sexualverhalten bereiteten den Boden für die sexuelle Revolution und sind ausreichend Stoff für eine Serie in epischer Breite: Zwölf Folgen von  "Masters of Sex" zeigt der Abokanal Sky Atlantic HD ab 5. Dezember.

foto: sky atlantic hd

Darin ist vor allem zu sehen, dass die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau ganz schön harte Arbeit sein kann. Denn anders als Alfred Kinsey forscht Masters am lebenden Objekt: Heimlich sitzt er im Kleiderkasten und misst mit der Stoppuhr Phasen von Er- und Abregung. Sein Versuchsobjekt ist vorerst eine Prostituierte, später macht sich ein Testpaar ans Werk, schließlich landet die Wissenschaft beim Vermessen der Körperwelten beim Selbstexperiment. Das ist nicht nur dem Klinikchef suspekt. Ja und überhaupt: Warum täuschen Frauen Orgasmen vor?

"Damit Männer schneller zum Höhepunkt kommen", weiß Masters Assistentin Virginia. Sie stellt die Gegenwelt zum verschmockten Patriarchat dar und stößt bald an Grenzen: Dass Frauen Sexualität selbstbestimmt ausleben, gefällt nicht jedem Mann.

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foto: sky atlantic hd

"Masters of Sex" hat alle Bestandteile für eine erfolgreiche Qualitätsserie: Die Zuschauer erwartet  prickelnde Lebenswelten, gesellschaftliche Umbrüche, detailgenauer Retroschick und mit Michael Sheen und Lizzy Caplan zwei hinreißende Hauptdarsteller. Der US-Sender Showtime bestellte bereits eine weitere Staffel. Serienerfinderin Michelle Ashford beging überdies nicht den Fehler, aus "Masters of Sex" eine billige Kopie von "Mad Men" zu machen. Die Fifties sind bei den Gyn-Forschern nicht annähernd so glamourös wie jene der New Yorker Werberschnösel. Nüchtern und trocken präsentiert sich diese Gesellschaft, in der physische Abläufe wie eine Geheimwissenschaft gehandelt werden.

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foto: sky atlantic hd

Den Echtheitstest hat "Masters of Sex" übrigens bestanden: Christian Fiala, Arzt und Leiter des weltweit einzigen Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, gefällt die Serie. Sie zeige, mit welchen "gesellschaftspolitischen Widrigkeiten die Arbeit der Forscher bis heute konfrontiert sind", sagte Fiala Mittwoch vor Journalisten: "Sexualität ist noch immer eines der stärksten Tabus." (Doris Priesching, DER STANDARD, 28.11.2013)

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