Geht doch: Zwei Beutefangmethoden unter einen Hut gebracht

1. Dezember 2013, 18:39
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Der Bergmolch schafft etwas, das man für ausgeschlossen hielt: Saugschnappen und Zungenschleudern

Wien - Und wieder einmal tut ein Tier so ganz nebenbei und vermutlich seit sehr langer Zeit etwas, von dem Biologen glaubten, es wäre nicht möglich. Im konkreten Fall geht es um den Bergmolch und dessen Anwendung zweier Beutefangmethoden, die einander vermeintlicherweise ausschließen müssten. Der Bergmolch aber beherrscht sie beide.

Um Beute zu erwischen, muss ein Fangmechanismus schnell und koordiniert ablaufen. Jäger im Wasser saugen üblicherweise ihre Beute blitzschnell durch eine schnelle Volumenerweiterung des Mund-Rachenraumes ein. An Land würde dieses Saugschnappen nicht funktionieren. Landwirbeltiere haben deshalb im Laufe der Evolution Alternativen entwickelt. Bei Amphibien und Reptilien gewann ein neues Organ, die bewegliche Zunge, an Bedeutung. Sie wird aus dem Mund herausgeschleudert, um ein Beuteobjekt zu ergreifen.

Wider das Dogma

Beide Mechanismen sind hocheffiziente Anpassungen an die Nahrungsaufnahme im jeweiligen Lebensraum. Üblicherweise schließen sie einander aus - amphibisch, also sowohl an Land als auch im Wasser, lebende Tiere können entweder die eine oder die andere Nahrungsaufnahme-Strategie verfolgen, aber nicht beide. "Dieses starre Dogma muss neu überdacht werden", sagt nun Egon Heiss vom Department für Integrative Zoologie der Universität Wien.

Und damit tritt der Bergmolch (Ichthyosaura alpestris) die Bühne. Heiss hat das Beutefangverhalten der neun bis zwölf Zentimeter langen Tiere untersucht und die Ergebnisse im Fachmagazin "Journal of Experimental Biology" veröffentlicht. Die Salamander-Art lebt in fast ganz Europa und wechselt zwischen einer aquatischen und einer terrestrischen Phase: Von Frühjahr bis Sommer leben die Tiere in Pfützen und Teichen. Im Spätsommer und Herbst wandern sie dann in nahe gelegenen Wälder und Wiesen ab. Im darauf folgenden Frühjahr suchen sie wieder ihre Laichgewässer auf.

Experiment mit High-Speed-Kamera

Heiss filmte die Bergmolche im Labor bei der Nahrungsaufnahme mit einer High-Speed-Kamera. Unter Wasser verwendeten die Tiere erwartungsgemäß den Mechanismus des Saugschnappens, um die Beute - eine Fliegenmade - einzusaugen. Sobald sich die Molche aber in ihrer terrestrischen Phase befanden, verwendeten sie ihre Zunge. "Das erstaunte uns sehr, da bisher angenommen wurde, dass sich die Mechanismen des Saugschnappens und Zungenschleuderns gegenseitig ausschließen", so Heiss.

Und die Molche sind sogar noch flexibler: Um zu klären, wie schnell die Bergmolche zwischen den zwei Mechanismen wechseln können, wurden die Tiere in ihrer aquatischen Phase zusätzlich an Land gefüttert - und umgekehrt in ihrer terrestrischen Phase auch unter Wasser. Die Forscher stellten fest, dass die Tiere sofort lernten, dass Zungenschleudern unter Wasser ineffizient ist. Alle in der terrestrischen Phase befindlichen Bergmolche holten sich unter Wasser ohne Zögern die Beute durch Saugschnappen.

Umgekehrt konnten sie nicht sofort in den Zungenschleuder-Modus schalten, wenn sie in ihrer aquatischen Phase an Land gefüttert wurden. Dafür verwendeten sie nun ihre Kiefer, um die Beute zu schnappen - mit einem Bewegungsprofil, das irgendwo zwischen dem Zungenschleuder- und dem Saugschnappmechanismus liegt.

Blick zurück in der Zeit

Die Wissenschafter schließen daraus, dass das Saugschnappen für die Molche ursprünglich und das Zungenschleudern sekundär entstanden ist. Dafür spricht auch eine genaue Analyse der Bewegungsdynamik. Die Veränderung des ursprünglichen aquatischen Bewegungsmusters könnte aber unter Umständen auch ein grundlegendes Muster von stufenweisen Veränderungen erkennen lassen. Dies könnte den frühen Landwirbeltieren vor ca. 400 Millionen Jahren erlaubt haben, neue terrestrische Nahrungsquellen zu erschließen und damit das Land als neuen Lebensraum zu besiedeln. (red/APA, derStandard.at, 1. 12. 2013)

  • Bergmolche sind in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitet und glücklicherweise noch nicht gefährdet.
    foto: egon heiss

    Bergmolche sind in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitet und glücklicherweise noch nicht gefährdet.

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